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Aus: Ausgabe vom 18.07.2019, Seite 16 / Sport
Doping

Aus gegebenem Anlass

Ein offener Brief an Ines Geipel in Sachen Doping
Von Matthias Krauß
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Problem vertausendfacht: Ines Geipel soll auf die heutigen Zustände schimpfen

Sehr geehrte Frau Professor Ines Geipel,

die Sie Ihr Leben der Anprangerung des Dopings in der DDR gewidmet haben. Ich wende mich an Sie vor dem Hintergrund der letzte Woche erfolgten europaweiten Antidopingrazzien im Freizeitsport (jW berichtete). Nicht, um Sie von Ihrer Mission abzuhalten, Gott bewahre, nein. Im Gegenteil, ich will Sie noch ermuntern, allerdings verbunden mit der Bitte, Ihre Vorträge um ein paar Wahrheiten anzureichern.

1. Gedopt wurde seinerzeit in allen Ländern, in Ost wie West, das war nicht auf die DDR beschränkt. Und wenn in den vergangenen Jahrzehnten mehr belorussische oder ukrainische Sportler des Dopings überführt wurden, so nicht, weil dort mehr und anderswo weniger gedopt wurde. Das ist eher als Ausdruck der Rückständigkeit dieser Länder in der einschlägigen Forschung zu werten.

2. Es hat in der DDR staatliche Dopingprogramme gegeben. Solche sind aber auch für die Bundesrepu­blik Deutschland nachweisbar (u. a. in Vorbereitung der Olympischen Spiele 1972 in München). Es ist wahrscheinlich, dass diese Forschung danach in der Bundesrepublik – zumindest was ihren staatlichen Charakter betrifft – entweder eingestellt worden ist oder allenfalls im Geheimen weiterbetrieben wurde.

3. Es gibt ja heute jede Menge Bürgerrechtler, die sich seit 30 Jahren um die Bürgerrechte nicht mehr kümmern. Die nicht müde werden, die DDR für ihre vermeintlich oder tatsächlichen negativen Seiten tagtäglich an den Pranger zu stellen, während sie für die unfassbaren Verbrechen des Westens und auch für katastrophale Entwicklungen in Ostdeutschland konsequent blind und taub sind. Und das gilt auch für Ihr Spezialgebiet, Frau Geipel. Wie das nunmehr offen zutage getretene Ausmaß des Dopings im heutigen Breitensport jedem vermittelt, ist das Dopingproblem gegenüber DDR-Zeiten nicht zurückgedrängt worden, sondern es hat sich vertausendfacht. In der DDR gab es Doping in ausgewählten, kleinen Kreisen des Spitzensports. Heute – so jedenfalls die Darstellung in ARD und ZDF – gibt es das in jeder Muckibude. Sie hätten also hundertmal mehr Anlass, auf die heutigen Zustände zu schimpfen. Bitte tun Sie das, vergessen Sie die DDR dabei nicht, und seien Sie unseres Beifalls sicher. Ergänzt mit den oben genannten Wahrheiten. Die Wirkung Ihrer Vorträge und Ihre Glaubwürdigkeit, Frau Geipel, kann sich auf diese Weise nur erhöhen.

Sport (Doping) frei!

Ines Geipel war Sprinterin und Anfang der 80er Jahre Teil der DDR-Leichtathletiknationalmannschaft. Nach dem Anschluss tat sie sich als Herausgeberin und Autorin, vor allem aber als Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe (2013 bis 2018) hervor. Seit 2001 ist sie an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Professorin für Deutsche ­Verssprache.

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (18. Juli 2019 um 16:28 Uhr)
    Geschätzter Herr Krauß!

    Dass Sie sich auch zur Frau Geipel äußern, hätte ich nicht erwartet, aber ermuntert mich. M. E. wird von ihr, wie Sie selbst betonen, eine DDR-Dopingpolitik beschworen, die den gesamten Sport in diesem Staat betroffen haben soll. Dass diese Aussagen mit Sicherheit nicht den Tatsachen entsprechen, können Hunderttausende bestätigen.
    Andersherum – und das hätte wohl einen hilfreichen Ansatz (vielleicht als Punkt 4) zur Entkräftung dieser windigen Behauptungen abgegeben – hatte sich über die wenigen Jahrzehnte des Bestehens der DDR ein maximal geförderter Breitensport entwickelt, der für die Beteiligten nahezu kostenlos stattfand. Im Fundus dieser Wirklichkeit ging es nicht um massenhaftes Doping. Ohne Frage war es auch nicht gewollt.

    Ich erinnere mich daran, dass zum Schulsport manchmal Hospitierende erschienen, die am Ende des Unterrichts Einladungen zu verschiedenen Probetrainingstreffen verteilten. Auch die SchulsportlehrerInnen selbst waren nicht nur TrainerInnen in den Freizeitsport-AGs (von denen an den Schulen viele mehr als heute täglich stattfanden), sondern vermittelten Talente gerne weiter. Selbst in den Schulen entstanden Mannschaften, die sich an Bezirks- und Landesmeisterschaften beteiligten, die seit dreißig Jahren nicht mehr existieren (z. B. der berühmte BZA-Lauf im Jahn-Sportpark in Berlin-Prenzlauer Berg).

    Mir ist bewusst, dass ein Beispiel keine Fragestellung beantwortet. Dennoch möchte ich daran erinnern, dass ich viele Jahre lang in zwei Berliner Fechtklubs trainieren konnte. Ich beendete diese spannende Phase erst, nachdem ich zum Wechsel an eine Kinder- und Jugendsportschule (damals eine Mischung aus Trainingsinstitut und heutigem Gymnasium) angeregt wurde, denn ich wollte studieren und in die Wissenschaft gehen. Doch während dieser langen Zeit erhielten wir alle die komplette Ausrüstung an wettkampfgerechten Fechtanzügen, Fechtmasken, Ellenbogenschützern, Fechtschuhen, Handschuhen, Waffensäcken und den nötigen Fechtwaffen mit Ersatzklingen und Werkzeug. Dazu kamen die vielen Busreisen zu Ranglistentournieren und Vergleichswettkämpfen, die immer ein Wochenende dauerten. Von den Trainingslagern ganz zu schweigen. Dafür zahlten wir 20 Pfennige im Monat. Irgendwelche Pillen gab es nie.

    Herr Krauß! Bei dieser Gelegenheit: Ihr Buch »Wem nützt die Aufarbeitung?« ist wertvoll. Dafür vielen Dank!

    Beste Grüße!

    (PS: An Ihrem Vergleich von Harry Potter und Alfons Zitterbacke hatten wir viel Spaß! Danke!)

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