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Aus: Ausgabe vom 19.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Sexualität und Wahrheit

Geheime Regungen

»Die Geständnisse des Fleisches«: Michel Foucault im Bett mit den Kirchenvätern
Von Jakob Hayner
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Zeig mir deine Scharnierfunktion: Spätestens mit den Kirchenvätern wurde der Sex tricky (Wandmalerei: Adam und Eva, Frühchristliches Mausoleum in Pécs)

Als der französische Philosoph Michel Foucault 1984 an den Folgen einer HIV-Infektion starb, waren soeben zwei Bände seiner großangelegten Geschichte der Sexualität erschienen, die im Deutschen unter dem Titel »Sexualität und Wahrheit« bekannt ist. Der erste Band »Der Wille zum Wissen« wurde 1976 veröffentlicht, es folgten acht Jahre später »Der Gebrauch der Lüste« und »Die Sorge um sich«. Ursprünglich war das Projekt auf sechs Bände angelegt, wobei Foucault seine Pläne im Zuge seiner ausführlichen Recherchen änderte. Er wollte eine umfassende Darstellung der Verschränkung von Sexualität, Wahrheit und Recht in der Geschichte Europas vorlegen, rekonstruiert aus den Schriften von Philosophen, Theologen, Medizinern, Juristen und Psychologen. Noch kurz vor seinem Tod überarbeitete er das vom Verlag erstellte Typoskript des schon fertiggestellten vierten Bandes, der sich vor allem den Morallehren des frühen Christentums widmete. Aufgrund einer testamentarischen Verfügung wurde das Buch jedoch nicht zur Veröffentlichung freigegeben. Erst im vergangenen Jahr wurde der Band in Frankreich publiziert, nun liegt er unter dem Titel »Die Geständnisse des Fleisches« auf Deutsch vor.

In den ersten Bänden hatte sich Foucault mit den Techniken beschäftigt, mit denen sowohl das Bürgertum im 19. Jahrhundert als auch die Autoren der griechischen und römischen Antike versuchten, das Begehren in gesellschaftlich nützliche Bahnen zu leiten, zu kontrollieren und zu regulieren sowie penibel auf Abweichungen hin zu untersuchen. In »Die Geständnisse des Fleisches« beschreibt er dagegen ein Denken, das gewissermaßen eine geistesgeschichtliche Scharnierfunktion zwischen antiken, mittelalterlichen sowie neuzeitlichen Vorstellungen einnimmt. Foucault zeigt, wie die Moralvorstellungen des frühen Christentums sich einerseits noch aus den antiken Quellen speisten und anderseits schon die Grundlagen der Diskurse der späteren Zeiten entwickelten. Die Ausbildung einer eigenständigen christlichen Morallehre sieht er dabei im Zusammenhang mit dem Aufbau eines christlichen Imperiums. So untersucht er Bußdisziplin und Askese in den Klöstern, die dabei eine wichtige Funktion einnehmen, außerdem geht es um Jungfräulichkeit und Ehe.

Foucault will auf die »zentrale Stellung des Sex bei der okzidentalen Subjektivität« hinaus. Es geht ihm dabei nicht um das Subjektive, nicht um Lust als Erlebnis, sondern um Lust als Problem des Macht. Ihn interessiert, wie sich die Kunstfertigkeit des Regierens entwickelt. In den Schriften der Kirchenväter wie Clemens von Alexandria, Johannes Cassianus, Johannes Chrysostomus und Augustinus entdeckt Foucault ein neues Verständnis von und eine neue Problematisierung der Sexualität, die der Antike noch fremd war. Es geht ihnen vor allem um die Sünde, das sündige Fleisch. Und um die Geständnisse. »Bekenne die Sünde, damit du die Sünde tilgest«, heißt es bei Chrysostomus. Um also die Sünde zu bekämpfen, muss sie gestanden werden. Und wenn sie einmal ans Licht gebracht ist, kann man von ihr gottgefällig Gebrauch machen. Auf dieser Grundlage vollzieht sich die Verrechtlichung sexueller Beziehungen, die noch im Begriff der »ehelichen Pflichten« ihren Niederschlag gefunden hat.

Das Subjekt muss sich zu seinem eigenen Begehren verhalten, es muss sich überwachen und entblößen, es muss sich in einen geistigen Kampf begeben, der zwischen dem Gebot der Reinheit und der Macht der Versuchung tobt. Foucault, der in Paris einen Lehrstuhl für die Geschichte von Denksystemen innehatte, stellt kenntnisreich die zentralen Gedanken der frühchristlichen Theologen dar, er kommentiert kaum. Nur selten bringt er einen Verweis auf die Moderne an. Als er über die in den Klöstern entwickelte »Kunst der Künste«, das Leiten anderer spricht, gibt es einen solchen. »Durchgängig, und zwar bis in unsere heutige Zeit, wird die Führung von Einzelpersonen, das Lenken ihrer Seele, die Steuerung ihres schrittweisen Vorankommens, die mit ihnen zusammen vorgenommene Erforschung der geheimen Regungen ihres Herzens in das Zeichen dieser ›Ars artium‹ gestellt.« Das trifft auch auf die teils subtile Herrschaft im Neoliberalismus zu. Der Autor von »Wahnsinn und Gesellschaft« und »Überwachen und Strafen« blieb seinem Vorhaben bis zuletzt treu, die unsichtbaren Formen des Regierens offenzulegen, auch wenn sich das in »Die Geständnisse des Fleisches« doch recht gelehrig liest.

Michel Foucault: Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit. Band vier. Hrsg. von Frédéric Gros, aus dem Französischen von Andrea Hemminger, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2019, 556 Seiten, 36 Euro

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