Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 19.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Teekanne im Wunderland

Schön verstrahlt: Das neue Album der Flaming Lips
Von René Hamann
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Einmal Rumkugeln, bitte!

Einerseits passiert im Königreich der flammenden Lippen nicht viel Neues: Die aktuelle Platte, »King’s Mouth«, eine Art Musical, ein Hörspiel mit Musik, ein Konzeptalbum rund um ein kleines Märchen, das von Sprecher Mick Jo nes moderiert wird, schwankt wie so viele Flaming-Lips-Alben zwischen Lieblichkeit und Wahnsinn, Pop und Experiment, Melancholie und kindlicher Freude. Die Beats scheppern, die synthetischen Sounds klingen sphärisch und blechern, eine Klampfe sorgt inmitten des psychedelisch-futuristischen Wahnsinns für irdische Lagerfeuergefühle. Und Wayne Coynes Stimme klingt abermals so zerbrechlich wie eine alte Teekanne aus »Alice im Wunderland«.

»King’s Mouth« ist, so gesehen, eine Weltraumoper voller Weltraumschrott. Die ungefähr 15. Platte der Flaming Lips, die Zählweisen sind da unterschiedlich, hätte dem Klang nach auch 2002 oder 2009 erscheinen können. Einerseits. Andererseits merkt man der Platte an, dass sich die Band nach ihrem letzten großen Wurf »Yoshimi Battles the Pink Robot« (2002) bei zahlreichen Projekten verlustiert hat – nicht ohne daraus zu lernen. Sie spielten »Sgt. Pepper’s« nach und »Dark Side of the Moon«, luden Freunde zu quatschigen Jam Sessions, und nach Versuchen in Prog Rock und Funk (»At War with the Mystics«, 2006) hauten sie mit »Embryonic« (2009) ein ödipales Meisterwerk raus.

»King’s Mouth« nun ist weniger ödipal – mehr so frühpubertär. Märchenhaft verstrahlt, mit einer Ahnung von HipHop (in den Beats), sehnsüchtig-eskapistisch. »All for the Life of the City« ist der anmutige Hit in der Mitte des Albums mit Geisterstimmen-Tonbandeffekten wie in »Not in Love« von 10 CC. Diese Stimmeffekte tauchen öfters auf.

Die ursprüngliche Idee zu »King’s Mouth« entstand bei der Konzeptionierung einer Ausstellung von Bildern. Zunächst erschien das Album in limitierter Auflage als Vinyl, Anlass war der weltweite »Record Store Day« am 18. April. Nun ist die Platte überall erhältlich. Und, klar, Konzeptalben können die Flaming Lips.

Der Erzähler, der Sound, die Geschichte: Ein König, der die Abgründe der Welt einatmet, sie sich einverleibt, bis er selbst getötet wird. Nach seinem Tod aber lebt er weiter. Einen plausiblen Hintergrund muss man sich selbst erschließen. Die Geschichte ist nicht so witzig wie Lewis Carrolls »Ali ce«-Werke, nicht so packend wie »Harry Potter«, und sie schimmert auch nicht so böse wie manche Stücke von Add N to (X), die vom schwarzen Regenten erzählen.

Doch die Musik ist wirklich imposant. Schön dröhnend, schön verstrahlt, schön hippieesk, bunt und quietschig. Und aus einem Guss. Obwohl mir »Embryonic« besser gefällt, weil es emotional facettenreicher ist und mehr Untiefen hat, lässt sich doch feststellen, dass »King’s Mouth« in Sachen Erhabenheit unmittelbar an »Yoshimi Battles the Pink Robot« anschließt. Die Flaming Lips sind zurück. Der König ist tot. Es lebe der König.

The Flaming Lips: »King’s Mouth« (Bella Union/Pias)

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