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Aus: Ausgabe vom 20.07.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Die Antwort lautet: Nein!«

Von Stefan Heym
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»Sagen Sie Ihrem General, er soll sich zum Teufel scheren!« (»Entwaffnung der Insurgentenbesatzung von Rastatt«, kolorierte Kreidelithographie von Gustav Kühn, 1849)

Am 23. Juli 1849 endete die Badische Revolution mit der Einnahme der Festung Rastatt durch Truppen des Deutschen Bundes unter preußischer Führung. Stefan Heym hat den Revolutionären in seinem zweibändigen Roman »Die Papiere des Andreas Lenz« 1963 ein Denkmal gesetzt. Aus diesem stammt der folgende gekürzte Auszug, den wir mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber veröffentlichen. (jW)

Drei Tage.

Es waren die drei Tage, die Lenz sich selbst gegenüber und im Gespräch mit Becker1 als das Wunder an der Murg bezeichnete – drei Tage Zeit, um die gelichteten Reihen aufzufüllen, die schlecht Bewaffneten nach Möglichkeit neu zu equipieren, den Truppen Gelegenheit zum Ausruhen und Sattessen zu geben, sie zu inspizieren – drei Tage, sie in einem Bogen Stellung beziehen zu lassen, der sich, grob gesagt, von Steinmauern unweit des Rheins durch Oetigheim, Rauenthal, Bischweier und das Städtchen Rothenfels bis nach Gernsbach im Gebirge, an der württembergischen Grenze, zog – drei Tage ständiger Auseinandersetzungen im Stabe, da Mieroslawski sich nicht entscheiden konnte, ob er seine Hauptverteidigungslinie vor oder hinter der Murg bilden sollte – drei Tage, die die Preußen der Revolutionsarmee schenkten, während sie selber in Karlsruhe herumstolzierten, die Damen hofierten und die Gefängnisse mit Leuten aller Art füllten.

Heute aber waren die Preußen in Anmarsch. Lenz hatte einen Teil des Nachmittags bei den äußersten Vorposten verbracht, die die Straßen von Ettlingen und Karlsruhe her deckten, und hatte sie gesehen – zuerst durchs Fernglas, dann mit bloßem Auge: vorsichtig, beinahe widerwillig rückten sie vor, suchten jeden Hohlweg, jedes Gehölz, jedes Bauernhaus systematisch ab, zogen sich zurück, wo immer sie Widerstand argwöhnten, schafften Reserven heran, legten ein Sperrfeuer mit ihren Batterien und benahmen sich überhaupt, als stünden sie dem Heer einer europäischen Großmacht gegenüber und nicht den Überresten einer Armee von Aufständischen.

Es war ein faszinierender Anblick gewesen – lächerlich durch die als Gründlichkeit getarnte Feigheit, mit der sich das Ganze abspielte, und erschreckend zugleich durch die Bedrohung, die in der Überzahl lag. Zur Kaffeezeit kam einer der Vorposten zu Lenz herübergekrochen und teilte ihm mit, dass die Tirailleurlinie bis hinter das Dorf Oetigheim und auf die Verbindungsstraße von Oetigheim nach Muggensturm zurückgezogen würde. Lenz hatte genug gesehen. Er ritt zurück zur Bretterhütte, zum Kommandoposten, um zu berichten.

Becker schien gealtert zu sein; die Haut unter seinen Augen und unterm Kinn war schlaffer.geworden. Doch seine Fragen waren wie üblich präzise, seine Bemerkungen zuversichtlich. Die Aufstellung der Preußen war klar: Hirschfeldt2 rückte auf der Karlsruher Straße heran; das neue zweite preußische Korps unter von der Gröben stieß von Ettlingen aus vor, um das revolutionäre Zentrum anzugreifen; und im Gebirge, entlang der würtembergischen Grenze, näherte sich langsam das deutsche Völkergemisch des Reichsgenerals von Peucker3, um die rechte Flanke der Revolutionäre anzugreifen.

Lenz war gerade von Dortu gekommen, wo er eine Stunde unter preußischem Feuer im Dreck auf der Erde gelegen hatte. Die Preußen hatten Oetigheim schließlich wieder besetzt und griffen von dort aus an – drei Wellen in dieser einen Stunde. Lenz war schmutzig und verschwitzt und begann seine Müdigkeit zu spüren. Aber das Bild, das sich jetzt darbot, war zu phantastisch, als dass man es sich entgehen lassen konnte: Mieroslawski4 hatte sein Pferd wieder bestiegen und ritt den Bahndamm hinauf, um oben auf der Brücke zu halten – eine einsam ragende Silhouette gegen einen fast weißen Himmel, den Rücken leicht gebeugt, das Käppi im Umriss beinahe wie das Barbierbecken, das der berühmte Seigneur de la Mancha auf dem Kopfe trug. Lenz beobachtete ihn vom Eingang der Bretterhütte her. Mieroslawski blieb dort auf der Brücke, voller Verachtung für die preußischen Schrapnellaufschläge und die vorbeiirrenden Kugeln. Ab und zu konnte man Küchelbecker den Damm hinaufklettern und neben dem Pferd seines Chefs warten sehen, um Befehle zu empfangen, die mit großen, ausholenden Gesten erteilt wurden. Mieroslawski setzte sämtliche verfügbaren Truppen Beckers zu einem Gegenstoß ein, der die preußischen Umklammerungsbemühungen von Oetigheim und Muggensturm her vereiteln sollte; hinter den provisorischen Verschanzungen und in den Laufgräben ließ er nur ein Minimum an Mannschaften.

Dann schien die Silhouette zu erstarren, das Pferd bewegte sich kaum, der Mann gar nicht.

Eine jener Pausen trat ein, wie sie in der Schlacht vorkommen – wenn man alles eingesetzt hat, wenn die Entscheidung nicht mehr in der eigenen Hand liegt und man nichts mehr tun kann als warten. Die Batterie an der Straßengabelung feuerte, so schnell ihre Rohre es zuließen; das monotone »Wumm!« fand seinen Kontrapunkt auf der preußischen Seite und seine Orchestrierung in dem heftigen Rattern von Gewehren und Musketen, dem Zischen der Kugeln, dem Heulen der Geschosse, dem hässlichen Krachen der Explosionen, den verworrenen Schreien mordender und sterbender Menschen. Nur die schweren Festungsgeschütze schwiegen; sie konnten nicht ins Spiel gebracht werden, solange eigene Truppen in ihrem Schussfeld manövrierten.

Becker, vom Obergeneral praktisch seines Kommandos beraubt, saß auf einer Munitionskiste am Eingang seiner Hütte und rauchte eine Zigarre. Vier Meldereiter hatten eine Decke auf der Erde ausgebreitet und begannen ein Würfelspiel; Geld ging von Hand zu Hand, und immer mehr Offiziere sammelten sich, um mitzutun.

Mieroslawski zügelte sein Pferd vor der Hütte, sein langes Gesicht war ungehalten, als er sagte: »Sie können sich zurückziehen, Oberst Becker. Die Preußen haben die Verschanzungen umgangen; Ihre Leute laufen davon.«

Wie um das zu illustrieren, kam eine Handvoll Volkswehr in unordentlichem Rückzug vorbei; sie riefen, die Preußen stünden auf beiden Flanken, die Gräben wären nichts als eine Falle.

»Was ist mit Dortu?« flüsterte Lenz Becker zu. »Und mit den anderen, die man in diesen Angriff gehetzt hat? Sie werden doch abgeschnitten, wenn sie’s nicht schon sind!«

Mieroslawski galoppierte nach Rastatt zurück, mit seinem Gefolge im Schlepptau. Beckers Gesicht bestand aus lauter dunklen, von dem borstigen Backenbart eingerahmten Falten. »Soll ich versuchen durchzubrechen?« schlug Lenz vor.

Becker schüttelte den Kopf. »Das machen wir schon.«

Lenz bemerkte, dass die Meldereiter ihr Würfelspiel abbrachen und sich eilig zu ihren Pferden begaben.

»Um Ihnen die Wahrheit zu sagen«, ließ sich Becker vernehmen, »es ist nicht einmal unser Abschnitt, der mir die größten Sorgen macht.«

Die Bretterhütte wurde in aller Hast geräumt; ein Volkswehrmann warf alle möglichen Papiere in ein kleines Feuer, das mehr Rauch als Flammen entwickelte.

»Wir werden uns einfach unter die Wälle von Rastatt zurückziehen«, fuhr Becker fort, »und den Festungsgeschützen Gelegenheit geben, sich mit den Preußen zu beschäftigen. Heute abend machen wir dann einen Gegenangriff. Ich vermute sogar, die Preußen wissen, dass wir das tun werden, und ich fürchte, ihr ganzer Vorstoß hier ist ein Ablenkungsmanöver.«

*

»Nun, mein lieber Lenz ...«

Er hob den Kopf, wandte sich um und fand sich einer Hälfte der Chefredaktion der eingegangenen Neuen Rheinischen Zeitung gegenüber – gestiefelt und gespornt diesmal, der engsitzende graue Rock von halbmilitärischem Schnitt, das verschlossene, etwas kühle Gesicht beschmiert vom Schmutz der Schlacht.

»Hab ich Sie richtig wiedererkannt!« rief Engels5.

»So haben Sie sich uns doch angeschlossen«, sagte Lenz, »zum letzten Gefecht? ...«

»Ich bin Adjutant bei Willich.«

Der Pfälzer Hauptmann erzählte gerade, wie die Preußen von der Grenze her geströmt kamen, zu Tausenden, Infanterie, Kavallerie, Geschütze, gegen ein paar hundert in der kleinen Stadt Gernsbach überrumpelte Volkswehrmänner.

»Was, glauben Sie, kommt jetzt?« fragte Lenz in der Hoffnung, Engels mit seinem analytischen Verstand würde eine annehmbare Lösung aus dem Ärmel schütteln.

»Auf längere Sicht«, begann Engels, »hat dieser Feldzug, wie auch sein Ende verlaufen mag, vor allem die Situation vereinfacht. Die wirklichen Verlierer sind das Kleinbürgertum, die Männer mit dem großen Mund und den kleinen Gedanken, die den Menschen den konstitutionellen Sand in die Augen gestreut haben und ihnen eine Demokratie für Prinz und Pauper gleichzeitig aufschwatzen wollten. Da –«, er zeigte auf die Berge, wo Gernsbach brannte, »was dort in Rauch aufgeht, ist nicht bloß eine kleine Stadt, sondern eine große Illusion. Die preußischen Generale demonstrieren, dass von jetzt an nur zwei Kräfte ernsthaft um die Macht kämpfen werden: die Reaktion in ihren gemeinsten Formen und brutalsten Gestalten – und auf der anderen Seite die Revolution, die wirkliche Revolution.«

Vielleicht, dachte Lenz, konnte selbst ein so scharfer Verstand wie der des Redakteurs Engels sich nicht erkühnen, der Geschichte ihre endgültigen Termine zu setzen, obwohl es der Courage eines Menschen unerhört zuträglich wäre –, wenn er wenigstens eine ungefähre Vorstellung davon hätte. Lenz betrachtete Engels, den kleinen ausdrucksvollen Mund, die großen ausdrucksvollen Augen. Engels stützte sich auf eine philosophische Anschauung, die er, Andreas Lenz, nicht hatte. Er, Lenz, hatte einen zu großen Durst nach dem Jetzt, und die um sie herum so spürbare Niederlage war ihm wie ein physischer Schmerz im Herzen, während Engels, Schmerz oder nicht, das Bild in einem größeren Rahmen sah.

*

Der Trompeter kam zwischen den Bäumen hervorgeritten; er saß auf einem x-beinigen niedrigen Gaul und schmetterte drauflos. Hinter ihm ritt ein Husarenwachtmeister, und schwenkte die weiße Parlamentärsfahne; und hinter dem Wachtmeister kam, Wespentaille und steif wie ein Ladestock, der ordenbehängte Parlamentär, der schwarze Rosshaarbusch am Helm schwankte bei jedem Schritt seines breitbrüstigen Pferdes auf und ab.

Von unterhalb der Brüstung vernahm Lenz das Quietschen von Türangeln; die schmale Ausfalltür wurde geöffnet, um einen badischen Leutnant hindurchzulassen. In seinem abgetragenen Waffenrock und mit dem altmodischen Tschako auf dem Kopf sah er schäbig aus im Vergleich zu der Paradeplatzfigur des Preußen, mit dem er nun zusammentraf. Dann nahm der Preuße den Helm ab, damit ihm der Badenser eine schwarze Binde über die Augen legen konnte.

Lenz schlüpfte durch die riesige, lautlos aufgehende Tür und fand sich zwei überlebensgroßen Porträts gegenüber: dem Bild des tapferen Markgrafen Ludwig Wilhelm, des Siegers über die Türken, und seiner Markgräfin Augusta Sibylla, beide mit einem Turban auf dem Haupt und in die kostbarsten orientalischen Gewänder gehüllt.

Unter den Porträts stand der preußische Major, dessen Einzug durch das Niederbühler Tor er mit Lenore beobachtet hatte. Die Binde war ihm zwar abgenommen worden, aber er schien auf seiner steifen und förmlichen Haltung beharren zu wollen. Seine eng beieinanderliegenden Augen wanderten arrogant von einem zum anderen der anwesenden aufständischen Offiziere und hefteten sich schließlich auf Tiedemann6, der an einem Tisch saß, das Gesicht von schlecht verhohlener Erbitterung gezeichnet.

»Tun Sie, was Ihnen beliebt, und bleiben Sie stehen!« sagte Tiedemann gerade, als Lenz eintrat, »Ich nehme an, Herr Major Weltzien, dass Ihre Botschaft kurz ist?«

Weltzien, den rosshaarbuschgeschmückten Helm in der Krümmung des Ellbogens, trat einen Schritt vor; seine Sporen zerkratzten den Parkettfußboden. Alles an ihm war bewusst beleidigend. »Ich habe Ordre«, krähte er, »eine Mitteilung Seiner Exzellenz des Generals von der Gröben7 zu überbringen und eine Antwort mitzunehmen. In meiner Ordre ist keine Rede von Verbrüderung mit einer Bande von Rebellen.«

»Herr Major!« Tiedemann schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte.

»Rausschmeißen!« sagte Böning8, die weiße Mähne schüttelnd. »Nein – erst mal nachsehen, ob er ein paar gute Zigarren bei sich hat, und dann rausschmeißen!«

Weltzien griff unwillkürlich nach seiner Brusttasche – keine Zigarren, er hatte sie in seinem Quartier in Kuppenheim gelassen. Böning brach in lautes Gelächter aus, was Weltzien aus dem Gleichmut brachte; Tiedemann klopfte ruheheischend auf den Tisch und erklärte mit großer Zurückhaltung: »Dass ich Ihnen einen Stuhl angeboten habe, Herr Major Weltzien, war eine Geste der Höflichkeit. Wir haben Sie nicht aufgefordert, sich mit uns zu verbrüdern, auch kann unsere Beziehung zu Ihnen oder Ihrem General nicht anders als feindlicher Natur sein. Also, entledigen Sie sich Ihres Auftrags!«

Von der Tür her, wo er noch immer stand, hatte Lenz die ganze Gruppe um Tiedemann im Blick, und er konnte ungefähr abschätzen, mit welcher Verachtung und welchem Unbehagen der preußische Major das versammelte Oberkommando der Festung Rastatt betrachten musste, besonders, da der Gegensatz zwischen der Welt des eitlen Junkers und der dieser Brigantenchefs durch das prachtvolle Dekor des Saals, in dem das Treffen stattfand, noch betont wurde.

Lenz versuchte das beklemmende Bild aus seinen Gedanken zu verbannen: es war tödlich, wenn man dazu die militärische Lage in Betracht zog; tödlich auch für ihn selbst, denn er war ein Teil des Bildes, tödlich für ihn und Lenore – nein, die Frauen würden sie doch wenigstens schonen, oder auch das nicht?

Die unausstehliche Stimme dieses Weltzien! »… und daher verlangt Seine Exzellenz, General von der Gröben, kommandierender General der Truppen seiner Majestät des Königs von Preußen im Gebiet von Rastatt … unverzügliche Übergabe dieser Festung.«

Übergabe, dachte Lenz. Ein Gedanke kann lange Zeit in den Köpfen sein, bevor man ihn ausspricht; ist er aber einmal ausgesprochen, lässt er sich nicht mehr auslöschen.

Tiedemann faltete die Hände und sagte ein wenig heiser: »Und das wäre alles, Herr Major?«

Weltzien zog ein Stück Papier aus dem Ärmelaufschlag seines Waffenrocks. »Seine Exzellenz General von der Gröben trug mir ferner auf, zu erklären, dass Sie als in Rebellion gegen die rechtmäßig konstituierten Behörden des Großherzogtums Baden und des Deutschen Reiches befindlich angesehen werden und dass jeglicher Widerstand Ihrerseits nicht nur sinnlos ist, sondern sich auch erschwerend auf Ihren Fall auswirken würde.«

Fall, dachte Lenz. Die bereiten sich schon vor, uns aufzuhängen ... Nützliche Informationen, das … erschwerend auf Ihren Fall auswirken würde …

»Sagen Sie Ihrem General –«, man konnte Böning schwer atmen hören, »er soll sich zum Teufel scheren!«

Sogar Dr. Walcher lachte auf seine leise Art, wie ein Mann, der im Leben schon viel gesehen hatte, für den aber das Ersuchen, eine weder ausgehungerte noch überhaupt attackierte Festung bedingungslos zu übergeben, die Krönung aller Torheit bedeutete.

Sie lachten ein wenig zu lange, empfand Lenz; Major Weltzien jedoch schien durch das Gelächter etwas außer Fassung geraten. In beinahe kreischendem Ton verkündete er: »General von der Gröben lässt Sie durch mich davon in Kenntnis setzen, dass Ihre Weigerung ihn veranlassen wird, die Festung unter Beschuss zu nehmen. Die volle Verantwortung für da­raus entstehende Beschädigung von Eigentum und für Verluste an Menschenleben in der Zivilbevölkerung wird auf Ihre Schultern fallen!« Er trat einen Schritt zurück unter die Bilder des Markgrafen und der Markgräfin. »Nun!« schnarrte er von dort her. »Was soll ich dem General mitteilen – ja oder nein?«

»Was nun eine Übergabe betrifft, eine bedingungslose oder anderweitige. Mein Vater ist Professor für Geschichte in Heidelberg; als junger Mann habe ich seine Vorlesungen gehört, und obwohl unsere Ansichten mit der Zeit auseinandergingen, habe ich doch etwas über die großen Soldaten der Vergangenheit gelernt, deutsche, römische, griechische, und darüber, was diese als ihre Pflicht ihrem Volk und ihren Idealen gegenüber betrachteten. Deswegen habe ich gekämpft, um das griechische Volk vom türkischen Joch befreien zu helfen. Sagen Sie Ihrem General, dass ich nicht nach Hause zurückgekehrt bin, um unter ein aus deutschem Holze geschnitztes Joch zu kriechen.« Tiedemann stand auf. »Die Antwort lautet: Nein!«

Die Preußen schienen nur auf die Rückkehr ihres Parlamentärs samt weißer Fahne und Trompeter gewartet zu haben, um ihre Kanonade zu eröffnen. Innerhalb von Minuten waren die Straßen von Menschen leergefegt. Aus der Ferne erklang das aufgeregte Läuten der Kirchenglocken und das Klingeln und Rasseln der Feuerwehr, die auf einen Hilferuf hin herbeieilte.

1 Johann Philipp Becker (1809–1886), badischer Revolutionär, organisierte 1849 maßgeblich die badische Volkswehr. Mitglied des »Klubs des entschiedenen Fortschritts«. Im Gefecht bei Durlach deckte er mit kaum 1.000 Mann den Rückzug der Revolutionsarmee aus Karlsruhe und hielt die Linie an der Pfinz über vier Stunden gegen eine ganze preußische Division. Lebte nach der Revolution als Schankwirt und Publizist in der Schweiz, war Mitglied der I. Internationale und Freund von Friedrich Engels.

2 Moritz von Hirschfeld (1790–1859), preußischer Infanteriegeneral. Besiegte mit seinen Korps am 21. Juni 1848 beim Gefecht bei Waghäusel die Revolutionstruppen unter Ludwik Mieroslawski. Nahm am 7. Juli 1849 den Sitz der Revolutionsregierung Freiburg im Breisgau ein. 1849 Kommandeur des Neckar-Korps des Deutschen Bundes, das zur Niederschlagung der Badischen Revolution eingesetzt wurde.

3 Eduard von Peucker (1791–1876), preußischer Infanteriegeneral. 1848/1849 Reichskriegsminister des Deutschen Bundes.

4 Ludwik Mieroslawski (1814–1878), polnischer Revolutionär, der 1846 und 1848 erst in Polen, dann in Italien gegen die Reaktion kämpfte. 1849 Oberbefehlshaber der Revolutionsarmee bei der Verteidigung der badischen Republik. Kämpfte 1861/62 an der Seite Giuseppe Garibaldis und beteiligte sich 1863/64 am Januaraufstand in Polen. Starb im französischen Exil.

5 Friedrich Engels (1820–1895), Mitbegründer des Marxismus. Kämpfte als Adjutant des pfälzischen Oberkommandierenden August Willich in der badisch-pfälzischen Armee. Schrieb über die Revolution u. a. »Die deutsche Reichsverfassungskampagne« (1850).

6 Gustav Tiedemann (1808–1849), badischer Revolutionär. Bis 1833 Leutnant der badischen Dragoner, schloss sich der griechischen Armee an und war Direktor der Kriegsschule in Piräus. Betrieb 1849 die Vereinigung der badischen und pfälzischen Revolutionsarmeen. Wurde als Anhänger des sozialdemokratischen Flügels der Badischen Revolution festgesetzt, Ludwik Mieroslawski erwirkte seine Befreiung. Kommandeur der Festung Rastatt. Musste am 23. Juli kapitulieren und wurde am 11. August 1849 standrechtlich erschossen.

7 Karl von der Groeben (1788–1876), preußischer Kavalleriegeneral. Kommandeur des zweiten preußischen Korps bei der Niederschlagung der Badischen Revolution. Belagerte die Festung Rastatt und nahm am 23. Juli 1849 ihre Kapitulation entgegen, was das Ende der Revolution bedeutete. Herausgeber der nachgelassenen Schriften von Carl von Clausewitz.

8 Georg Böhning, auch Böning, (1788–1849), Uhrmacher und Revolutionär, 1848 Kommandant der Wiesbadener Volkswehr, Mitbegründer des ersten Arbeitervereins der Stadt. Mitglied des »Klubs des entschiedenen Fortschritts«. Kommandant der »Deutschen Legion in der Schweiz«/»Flüchtlingslegion«. Am 17. August 1849 nach dem Fall Rastatts standrechtlich erschossen.

Stefan Heym (1913–2001) war einer der wichtigsten Romanciers der DDR. Als Helmut Flieg in Chemnitz geboren, engagierte er sich früh antifaschistisch und musste vor den Nazis in die Tschechoslowakei fliehen. Dort nahm er den Namen an, unter dem er berühmt werden sollte. Heym ging in die USA und diente der US-Armee als Reporter u. a. in Europa. Bereits in den 40er Jahren begann er, Romane zu veröffentlichen. 1953 siedelte er in die DDR über. Dort wuchs sein Ruhm als Schriftsteller rasch, 1959 wurde er mit dem Nationalpreis für Kunst und Literatur ausgezeichnet. In seinen Romanen verarbeitete er oft zeitgeschichtliche und historische Stoffe – so auch in »Die Papiere des Andreas Lenz« (1963) über die Badische Revolution 1848/49. Im Gedächtnis geblieben ist er den meisten unberechtigterweise nicht hauptsächlich als Literat, sondern wegen seines oppositionellen Engagements. Ein Roman über den 17. Juni 1953 konnte nicht in der DDR erscheinen, 1976 unterzeichnete Heym die Petition gegen die Biermann-Ausbürgerung, 1979 wurde er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Er zählte zu den Rednern bei der Alexanderplatz-Demonstration am 4. November 1989 und war Mitinitiator des Aufrufs »Für unser Land«. Nach dem Anschluss engagierte sich Heym für die PDS und eröffnete 1994 den Bundestag als Alterspräsident. Er starb 2001 in Israel, wo er an einem Symposium teilnahm. (jW)

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