Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 19.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Ballett

Es muss funkeln

»Ballettwoche«: Vom 20. bis 28. Juli zeigt die Stuttgarter Compagnie moderne Hochkaräter
Von Gisela Sonnenburg
Ballett
Getanztes Manifest der Menschenwürde: Szene aus »One of a Kind« von Jiří Kylián

Mit Ballett ist es wie mit Schmuck: Es muss glitzern und glänzen, darf aber keinesfalls überladen wirken. Solche Meisterwerke schufen im ausgehenden letzten Jahrhundert Choreographen wie John Neumeier, John Cranko, Jiří Kylián und Kenneth MacMillan. Die Stuttgarter »Ballettwoche« bietet ab dem 20. Juli täglich solche getanzten Juwelen – und fungiert damit als brillantes Schlusslicht der diesjährigen deutschen Ballettsaison.

Zu Beginn tanzen »Shades of Whi te«: Die weißen Schatten, die der Titel beschwört, setzen sich aus drei Stücken zusammen, die jedes für sich Ballettgeschichte schrieben. John Cranko, der 1973 verstarb, aber der geistige Vater des Stuttgarter Balletts blieb, kreierte sein »Konzert für Flöte und Harfe« zur Musik von Mozart: als üppiges Sahnehäubchen für zwei Paare und das Ensemble. Die souveräne Primaballerina Alicia Amatriain, ihre zarte Kollegin Ami Morita sowie die beiden männlichen Jungstars Martí Fernández Paixà und David Moore locken in dieses Paradies aus Verspieltheit und Verve.

Es folgt das entrückte »Königreich der Schatten« aus dem Ballett »La Bayadère«, angeführt von Elisa Badenes und Adhonay Soares da Silva. Elisa bezaubert mit Charme und Präzision, Adhonay mit Willensstärke und hohen Sprüngen. Und: Das Damenensemble zieht im mit Arabesken gespickten Defilee alle Aufmerksamkeit auf sich, füllt mit berauschender Schönheit die Bühne. Festlich folgt die »Sinfonie in C« von George Balanchine: Klassizismus nach Klängen von Bizet. Hier tanzen unter anderem die schon gerühmte Alicia Amatriain und der dramatisch-dynamische Jason Reilly.

Heinrich Heine unterteilte die Kulturgeschichte bekanntlich in Bereiche des Sensualismus, also in sinnliche Aspekte, und in solche des Spiritualismus, des Übersinnlichen. In den »Shades of White« treffen sich beide Komponenten zu einer Art surreal-schwebender Supershow. Wer hierfür kein Ticket mehr ergattern kann, setzt sich einfach mit der Picknickdecke in den Park vor der Stuttgarter Oper, denn dort wird diese Vorstellung kostenlos live übertragen. Für gute Plätze zeitig da sein – um 19 Uhr beginnt das Spektakel.

Am 21. Juli, also sonntags, geht es schon vormittags los, ebenfalls mit einer Live-Übertragung: Ab 11 Uhr zeigt der Nachwuchs von der John-Cranko-Schule, was er drauf hat. Am Abend geht es – ab jetzt allerdings ohne Parkübertragung – weiter mit »Atem-Beraubend«, das drei etwas einschläfernde zeitgenössische Stücke vereint. Sie sind nur was für sehr Geduldige.

Aber am Montag und Dienstag brausen die Gemüter wieder glücklich auf, denn dann zelebrieren »Romeo und Julia« im Cranko-Ballett ihre Liebe. Der treuherzige David Moore und die leidenschaftliche Anna Osadcenko sowie Jason Reilly und die rührende Hyo-Jung Kang tanzen das zu Tode verliebte Teenagerpärchen.

Ebenfalls als Doppelpack kommt »Die Kameliendame« von John Neumeier am 25. und 26. Juli: ein absolutes Megaballett, von vielen Fans gefühlt unendlich oft gesehen und jedes Mal noch mehr geliebt. Und das seit 1978. Denn die Liebesgeschichte einer Luxushure hat es in sich: Passion, Krankheit, Tragik und seelische Schönheit vermischen sich zu einer Melange, die das Leben feiert und mit der Liebe stirbt. Alicia Amatriain mit Friedemann Vogel sowie Miriam Kacerova mit Martí Fernández Paixà reißen hier mit.

Und es gibt noch ein ganz anderes Highlight: »One of a Kind« von Jiří Kylián, das 1998 in den Niederlanden als getanztes Manifest der Menschenwürde entstand. Inspiration lieferte der erste Artikel der Erklärung der Menschenrechte: »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.« Erotik spielt dennoch oder gerade deswegen eine Rolle. Wer modernes Ballett auf hohem Niveau genießen möchte, sollte sich diese Tour de sentiment von 20 Tänzerinnen und Tänzern nicht entgehen lassen.

Dazu passt, dass die BBTK, die Bundesdeutsche Ballett- und Tanztheaterdirektoren-Konferenz, kürzlich eine Resolution gegen Rassismus und Machtmissbrauch verabschiedet hat. Gerade in Stuttgart versuchte nämlich die AfD, mit Fragen bezüglich der verschiedenen Nationalitäten der an der Oper Beschäftigten selbigen das Wasser abzugraben.

Bislang ohne Erfolg – zumal zum Saisonende »Mayerling« von Kenneth MacMillan erneut begeistert, in der neuen Ausstattung von Jürgen Rose. Im Mai hatte das Ballett über den Untergang der österreichischen Monarchie seine Premiere in Roses neuen Gewändern, wurde auch hier in der jW belobigt – und am 28. Juli ab 18 Uhr beendet es die Spielzeit. Doch einige Stunden vorher, um 11 Uhr, gibt es für Wissbegierige noch einen wichtigen Termin: Rose, eine wandelnde Legende, spricht über seine Neukreation der Kostüme. Auch hier gilt, wie bei Schmuck und Ballett überhaupt: Es kann gar nicht genügend Details geben, aber auch das Gesamtbild muss überzeugen. Wie das in diesem Fall funkelt!

www.stuttgarter-ballett.de

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