Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 18.07.2019, Seite 15 / Medien
Radio-Geschichte(n)

Radio Sandino: Stimme der Revolution

Vor 40 Jahren meldete der Sender den Sieg der Sandinisten in Nicaragua
Von André Scheer
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Gut für Radio Sandino: Seit 2008 ist die FSLN wieder an der Macht. Demo für Präsident Daniel Ortega nach dem Wahlsieg

Nicaragua, 19. Juli 1979. Der Diktator ist geflohen, die Revolution hat gesiegt. Aus den Rundfunkgeräten ertönt die Siegesmeldung: »Volk von Nicaragua, das gesamte Land ist befreit! Nicaragua ist frei!« Es ist das Signal von Radio Sandino.

Wenige Monate zuvor, am 27. Dezember 1978, hatte sich der Sender der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) erstmals gemeldet. Guerilleros der Südfront »Benjamín Zeledón« nahe der Grenze zu Costa Rica betrieben ihn. In dem Nachbarland waren bereits gut ein Jahr zuvor Beiträge von Radio Sandino produziert worden, ausgestrahlt von einem alten und schwachen, in einem Baumwipfel versteckten Kurzwellensender. Zu Beginn gab es täglich nur drei halbstündige Sendungen.

Möglichst leise, damit die Schergen der Somoza-Diktatur nichts bemerkten, hörten Menschen im Land damals die Ansage: »Hier Radio Sandino, wir senden aus irgendeinem Ort in Nicaragua«. Das Programm bestand aus revolutionärer Musik und Nachrichten über den Vormarsch der Aufständischen sowie Aufrufe an die Bevölkerung, sich dem Kampf gegen die Nationalgarde anzuschließen. Auch die wichtigsten Comandantes der FSLN, unter ihnen Daniel Ortega, sprachen über Radio Sandino.

Die technische Basis der Radiomacher war und blieb provisorisch. Oscar Mazier, einer der Betreiber, erzählte später in einem Interview, dass sie damals von sowjetischen Journalisten besucht worden seien. Die fragten, wie sie helfen könnten. »Sagt den Kollegen von Radio Moskau, dass sie ein bisschen zur Seite rutschen sollen«, habe er ihnen geantwortet. Der starke sowjetische Kurzwellensender habe auf einer Frequenz direkt neben der von Radio Sandino gefunkt und den Empfang gestört. Tatsächlich erfüllte man in Moskau den Wunsch.

Dabei blieb es nicht. Wie das sandinistische Onlineportal Barricada Ende 2018 berichtete, lieferte Radio Moskau wohl auch technische Unterstützung. Und Radio Habana Cuba übernahm die Sendungen aus dem Süden Nicaraguas und strahlte sie über seine starken Antennen aus. So wurde die Stimme der Sandinisten nicht nur im ganzen Land, sondern auf dem ganzen Kontinent vernehmbar.

Doch erst ab dem 20. Juli 1979 konnten die Menschen im Lande ohne Angst Radio Sandino hören. In der Hauptstadt Managua waren die Anlagen der Sender übernommen worden, die zuvor Propaganda der Diktatur verbreitet hatten. Das Programm wurde zur offiziellen Stimme der Sandinistischen Revolution. Es mobilisierte zum Widerstand gegen den Terror der von den USA ausgehaltenen Contra-Banden und zur Unterstützung der Alphabetisierungskampagne und anderer sozialer Maßnahmen der neuen Regierung.

Nach der Abwahl der Sandinisten 1990 begann für den Sender eine schwierige Zeit, mehrfach drohte die Abschaltung. Erst mit der Rückkehr Ortegas an die Regierung 2007 konnte Radio Sandino seine frühere Bedeutung wiedererlangen. Heute ist es auf UKW und Mittelwelle zu hören – und weltweit über Internet. Auf »La S grande«, dem »großen S«, laufen schmalzige Liebeslieder und Popmusik, unterbrochen von Werbespots. Dann wieder gibt es revolutionäre Lieder aus den Zeiten des Befreiungskampfes und aktuelle politische Songs zur Unterstützung der FSLN sowie kurze historische Beiträge, zum Beispiel über Che Guevara und Karl Marx. Radio Sandino ist also ähnlich widersprüchlich wie die Regierung, auf deren Seite es steht.

Internet: lasandino.com.ni

Debatte

  • Beitrag von Wolfgang Herrmann aus Grünow (18. Juli 2019 um 10:21 Uhr)
    »Radio Sandino ist also ähnlich widersprüchlich wie die Regierung, auf deren Seite es steht.«

    Nicht die Regierung könnte widersprüchlich sein, sondern ihre Politik. Wer sich genauer mit der Geschichte der sandinistischen Volksrevolution und der FSLN beschäftigt, wird herausfinden, dass die Politik der aktuellen Regierung Nicaraguas den Bedingungen und Möglichkeiten, die das Land hat, entspricht. Das von der FSLN angeführte Bündnis »Unida Nicaragua triunfa« übernahm im Januar 2007 ein Land am Abgrund: Nach den Indices der Vereinten Nationen für menschenwürdige Entwicklung nahm Nicaragua 1990 den 85. Rang unter den begutachteten Ländern ein. 2006 lag es auf Rang 128. 83 Prozent der Bevölkerung lebten in Armut. Nur jeder dritte Nicaraguaner hatte Arbeit. Jeder zweite Nicaraguaner war Analphabet. Die Energieversorgung war zusammengebrochen.

    Die »widersprüchliche« Regierung führte das Land in kurzer Zeit aus diesem Chaos. Sie normalisierte die Beziehungen zu Kuba und Venezuela, trat ALBA und Petrocaribe bei. Die nicaraguanische Regierung wirkte aktiv an der Bildung der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten (CELAC) mit. Die FSLN nimmt einen wichtigen Platz im Forum von São Paulo ein. In ihrer Politik stützt sich die Regierung auf die Kräfte, deren Vertreter im Regierungsbündnis vertreten sind. Sie ist eine Regierung der Versöhnung und nationalen Einheit. Sie musste gegenüber ihren Verbündeten Kompromisse schließen. Das ist doch folgerichtig und nicht widersprüchlich. Oder?

    Es kann ja durchaus sein, dass mancher Kompromiss zuweit ging. Natürlich war die beabsichtigte Rentenreform im Frühjahr 2018 eine Fehlleistung. Die Regierung dachte, mit den beabsichtigten Maßnahmen die Auflagen des IWF umgehen zu können. Diese Reform war aber nicht der Grund für den Putschversuch der nationalen und internationalen Reaktion. Nicaragua wird angegriffen, weil das Land wie Kuba und Venezuela im Fadenkreuz der aggressiven Politik der US-Administration steht.

    Am 19. Juli 2019 begehen das nicaraguanische Volk, seine Freundinnen und Freunde in aller Welt, die FSLN und die Regierung der Versöhnung und Nationalen Einheit den 40. Jahrestag des Sieges der Sandinistischen Volksrevolution über die Somoza-Diktatur. Was das nicaraguanische Volk und die FSLN in den vergangenen Jahrzehnten leisteten, ist aller Ehren wert. Und sie hätten ein anderes Urteil verdient als das, eine widersprüchliche Regierung zu haben.

    Wolfgang Herrmann, Dreesch

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