Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Dienstag, 20. August 2019, Nr. 192
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 18.07.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto Leserbriefe.png

Rüstungsindustrie lahmlegen

Zu jW vom 24.6.: »Come together«

Dass sich die Jugend der Welt gegen die Umweltfrevler empört, ist beachtlich und lobenswert. Aber wird dabei nicht das Pferd am Schwanz gepackt? Es gibt doch auf unserem Erdball eine noch viel bedrohlichere Entwicklung. Das ist die durch den militärisch-industriellen Komplex (MIK) hervorgerufene Kriegsgefahr. Während sich die Erderwärmung als objektiver Prozess sehr langsam vollzieht, der durch menschliche Handlungen nur beschleunigt wird, ist das Drehen an der Profitschraube »Kriegsgewinne« ausschließlich durch den MIK und seine Helfershelfer bedingt. Also, als alter Knacker empfehle ich Euch Jungen, nicht allein die Braunkohlekraftwerke und die Dieselstinker aufs Korn zu nehmen, sondern die Rüstungsindustrie lahmzulegen. Wenn Ihr das schafft, habt Ihr Euch und Euren Nachkommen den größtmöglichen Dienst, nämlich ein für lange Zeiten gesichertes Leben, erwiesen.

Dr. Günther Freudenberg (über die Onlinekommentarfunktion)

Geschichte wiederholt sich

Zu jW vom 8.7.: »Gebt die Häfen frei«

Was wir gegenwärtig mit der »Sea-Watch 3« und anderen Rettungsbooten auf dem Mittelmeer erleben, erinnert schmerzlich an die Irrfahrt des deutschen Dampfers »St. Louis« im Jahre 1939, als er mit über 900 Juden an Bord weder in Havanna noch in Florida oder in New York einlaufen durfte und nach Europa zurückkehren musste. Passagiere drohten mit Selbstmord, denn »wir fürchten das KZ mehr als den Tod«. Man ersetze »KZ« durch »Libyen« und hat die Situation auf der »Sea-Watch 3« vor sich.

Was wir heute in Italien und anderswo erleben, erinnert schmerzlich auch an die 1938 von US-Präsident Roosevelt nach Évian einberufene Konferenz zur Lösung des deutschen »Judenproblems«. Von 32 Ländern war nur eines bereit, Juden aufzunehmen. Für die anderen war »ein Jude einer zuviel«. Man ersetze »Jude« durch »Flüchtling« und ist bei der Wortwahl von Italiens Innenminister Matteo Salvini.

Die Festung Europa ist mit einem hohen Wall versehen; wer hinein möchte, ist nicht willkommen. Seit 2000 sollen 35.000 Menschen bei dem Versuch, auf dem Landweg oder über das Meer nach Europa zu kommen, gestorben sein. Soviel zu unserer Humanität. Die Geschichte wiederholt sich.

Lothar Spillmann, Freiburg

Klassenfrage entscheidend

Zu jW vom 13./14.7.: »Der Osten wird vom Westen verwaltet und beherrscht«

(…) Es wird immer mal angebracht sein, den Gegensatz Ost-West zu thematisieren. Das sollte aber nie den wesentlichen, übergeordneten Konflikt und Gegensatz vergessen machen. (…)

Wer sind die Verwalter und Beherrscher des Ostens? Meine Freunde und Genossen nicht, (…) die Gewerkschafter und viele andere auch nicht (…). Die Frage nach den Krupps und den Krauses ist zu stellen – und nicht nach Wessis oder Ossis. Wer hat den Krupps den roten Teppich ausgerollt, sie ehrfürchtig erwartet und herbeigesehnt?

Das Oben und Unten weglassen, von Wessi und Ossi reden, die Klassenfrage nicht mehr stellen wollen: Dann entsteht ein Ost-West-Konstrukt zu »Wende« und Konterrevolution, bei dem die wesentlichen Themen, um die es von Beginn an ging und bis heute geht – Macht, Herrschaft, Einfluss, Rückeroberung eines Teils des verlorenen Deutschlands – unter den Tisch fallen. (…) Es stellen sich heute wie zu Marx’ Zeiten die Fragen: Wohin gehören wir? Woher kommen wir? Womit bestreiten wir unseren Lebensunterhalt? Wer wird damit reich, und wer bleibt arm, wird ärmer? Die Klassenfrage bleibt, ob wir sie beim Namen nennen oder nicht sehen wollen, wegreden oder -beten.

Wessi-Erfahrungswelten kennen Berufsverbote, Verfolgung von Kriegsgegnern und Kommunisten, Radikalenerlass und auch Überwachung, Bespitzelung vom Klassen-(Rechts-)Staat, in dem Nazis nach dem Krieg bestens aufgehoben waren, in höchste Ämter kamen, über ihre Opfer wieder richten konnten.

Roland Winkler, Aue

Dem Fass den Boden ausgeschlagen

Zu jW vom 8.7.: »Gehorsamst pro Netanjahu«

Der Anti-BDS-Beschluss des Bundestags, der unkritisch die gewollt schwammige und neuzionistische »Antisemitismus«-Definition der »Internationalen Holocaustgedenkallianz« ­(IHRA) übernahm, hat (…) die Hetzjagd auf Kritiker der Unterdrückungs- und Apartheidpolitik der israelischen Regierung (…) eröffnet bzw. verschärft. Von wegen Meinungsfreiheit und Artikel fünf des Grundgesetzes! Jetzt wird die »Antisemitismuskeule« auch gegen jüdische Mitbürger und Organisationen geschwungen.

Dem Fass den Boden ausgeschlagen hat jedoch die (im Juni 2019 erfolgte, jW) Kündigung des Kontos der »Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost« (JS) (…) durch die Bank für Sozialwirtschaft (BFS). Man wirft der »Jüdischen Stimme«, die für eine gerechte Friedenslösung zwischen Israel und Palästina eintritt, BDS-Unterstützung vor.

In München berichtete bei der Veranstaltung »Meinungsfreiheit in Gefahr« (am 26.6., jW) Nirit Sommerfeld von der JS von ihrem Brief an die BFS. Hier einige bewegende Auszüge, die für uns alle geschrieben sind: »Glauben Sie, es macht mir oder uns anderen Jüdinnen und Juden, die sich bei der JS engagieren, Freude, über die Untaten der israelischen Regierung zu sprechen? Glauben Sie ernsthaft, ich mache dies aus Selbsthass? (…) Können Sie sich nicht vorstellen, dass wir (…) uns schon seit Jahren Tag und Nacht den Kopf darüber zerbrechen, wie dem Unrecht beizukommen sei? (…) Wie wir den Palästinenserinnen und Palästinensern, die sich der Gewaltfreiheit verschrieben haben, zur Seite stehen können? Haben wir nicht klar auf unserer Website formuliert, dass wir uns von jeder Form von Gewalt distanzieren? (…) Daher unterstützt die JS in ausgewählten Fällen, die mit unseren Prinzipien einhergehen, bestimmte BDS-Aktivitäten.

Wie können Sie es wagen, uns deswegen als antisemitisch zu diffamieren? (…) Was Sie tun, ist vorauseilender Gehorsam – aber ich frage Sie: Steht bei Ihnen die SA vor der Tür, so wie sie bei den Nachbarn meines Großvaters vor der Tür stand, die ihn unter Lebensgefahr versteckten?«

Leonhard Schäfer, per E-Mail

Die Frage nach den Krupps und den Krauses ist zu stellen – und nicht nach Wessis oder Ossis. Wer hat den Krupps den roten Teppich ausgerollt, sie ehrfürchtig erwartet und herbeigesehnt?