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Aus: Ausgabe vom 18.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Liedermacher

Er beißt nicht

»Albanien«: Das neue Album von Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung
Von Harald Justin
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»Ein lieber Kerl«: Liedermacher Rainald Grebe

Mit dem Humor der Deutschen ist nicht zu spaßen. Allein schon, weil es ihn nicht gibt. Denn wer mit Fips Asmussen oder Mario Barth lacht, berührt der die gleichen Lachmuskeln wie die des Publikums von Karl Valentin oder Harald Schmidt? Klatscht auf die Schenkel, wer Kurt Tucholsky hört? Sorgt Michael Mittermeier für den gleichen Salzgehalt in den Lachtränen wie ein Rainald Grebe? Im schlimmsten Fall mischt sich die Humorkritik ein, und dann hat niemand mehr etwas zu lachen. Womit es nun entschlossen ernst wird, denn der besagte Rainald Grebe macht nach fünfjähriger Albumpause, »Berliner Republik« erschien im Jahr 2014, mit »Albanien« dort weiter, wo ihn und Die Kapelle der Versöhnung die Fans am liebsten hören. Für sie steht er in einer Reihe mit Bodo Wartke und Gerhard Polt, sie stellen seine sozialkritischen Texte gar in eine Traditionslinie mit denen von Brecht oder Degenhardt. Über all diese Verortungen und ihre doch recht diffusen Wertungen mag man streiten, und richtig, seine Fanbase versteht keinen Spaß und überzieht andersmeinende Kritiker bei Wikipedia mit regelrechten Edit Wars. Fans, die sich ernst nehmen, sind echt lustig.

Der Rest ist Geschmacksache. Eigentlich macht der Mann nichts falsch. Wer in Köln geboren wurde, an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« im Fach »Puppenspieler« diplomiert, mit Preisen ausgezeichnet wird, Dauergast in TV-Kabarettsendungen ist und sich unter einem Porträt von Iggy Pop ablichten lässt, muss das Humorzentrum zwischen Zwerchfell und Hirn zumindest des sozialkritischen Publikums links der Mitte getroffen haben.

Aber nichts falsch zu machen, das muss nicht zwangsläufig richtig sein. Der sehr unlustige Vertreter der Humor- und Sozialkritik muss nun leider konstatieren, dass Die Kapelle der Versöhnung brav diverse Musikstile beherrscht und ihren Chef kompetent begleitet. Dessen Texte widmen sich erwartungsgemäß den Themen der Zeit mit Kritik am Tourismus, am Deutsch- und Volksein, am Wunschtraum nach Regionalität und dem ganzen Gewese im Milieu. Sind alle Themen und Pointen durch, bleibt die Frage: Muss man sich das ein zweites Mal anhören? Die Fans schreien »Ja«, der gereizte Kritiker sagt »Nein«, weil ihm die Nettigkeit Grebes nicht genug ist. Der Puppenspieler zieht nicht die Fäden der anarchischen Verstörung, er unterhält, wo es jener Fallhöhe des Witzes bedürfte, die das Publikum nicht freundlich lächelnd und mit sich und der Welt versöhnt aus dem Konzertsaal entlässt. Grebe ist ein lieber Kerl. Er will spielen. Aber er beißt nicht.

Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung: »Albanien« (Versöhnungsrecords/Broken Silence)

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