Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 18.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Sie kommt und geht

In Jonathan Robijns Krimi »Kongo Blues« bleiben viele Fragen offen
Von Thomas Schaefer
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»Warum muss er sie gelegentlich zum Bahnhof begleiten, wo sie auf einen Zug aus Lüttich wartet?«

Es gibt Bücher, deren Erzählvor­aussetzung maßgeblich darin besteht, dass die Figuren nicht miteinander reden. Der Kriminalroman »Kongo Blues«, das erste ins Deutsche übersetzte Werk des 1970 in Gent geborenen Jonathan Robijn, gehört zu dieser Sorte: In ihm stellt man keine Fragen, nicht aus philosophischen Gründen oder psychologischer Disposition heraus, sondern weil die Geschichte ohne diese Zurückhaltung nicht funktionieren könnte.

Der so beharrlich nichts erfahren will, ist der schwarze Jazzpianist Morgan. Zurückgezogen lebt er in Brüssel in einer winzigen Wohnung und bestreitet seinen Unterhalt mit gelegentlichen Gigs in kleinen Klubs. Am Neujahrsmorgen 1988 kommt es zur schicksalhaften Begegnung. Auf dem Heimweg entdeckt er im Schnee eine betrunkene junge Frau. Um sie vorm Erfrieren zu retten, nicht zuletzt aber, weil sie seiner toten Exfreundin ähnelt, nimmt er sie mit nach Hause. Diese Simona könnte einem Truffaut-Film entstammen, eine kapriziöse, rätselhafte Fremde: »Sie hat anscheinend viele Menschen getroffen, aber niemand kannte sie.« Sie kommt und geht, wann sie will, bleibt fort, so lange es ihr beliebt, und Morgan lässt alles mit sich machen. Fragen pflegt er ihr nicht zu stellen, und wenn, dann gibt er sich mit knappen Ausweichantworten zufrieden. Warum muss er sie gelegentlich zum Bahnhof begleiten, wo sie auf einen Zug aus Lüttich wartet, um nach dessen Eintreffen wieder zu gehen? Was sind es für Termine, die sie bei irgendeinem Ministerium hat? Wer ist sie überhaupt? Woher stammt ihr vieles Geld? Warum ist sie nicht wie angekündigt nach Zürich gefahren, sondern hält sich immer noch in Brüssel auf, wo Morgan sie zufällig in der Metro sieht. »Sollte er sie einfach ansprechen?«, »Hätte er sie ansprechen sollen?« All diese Fragen stellt er sich zu spät. Und erst nachdem Simona endgültig verschwunden ist, beginnt er, ihre Geschichte zu recherchieren, was u. a. dadurch erschwert wird, dass er nicht mal ihren Nachnamen kennt.

Die Nachforschungen, das hat uns (leider) bereits der Klappentext verraten, führen in Belgiens koloniale Vergangenheit und in Morgans Familiengeschichte: Geboren wurde er im Kongo als Sohn einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters, dann in ein kirchliches Internat und schließlich in eine Adoptivfamilie nach Belgien verbracht, man kann auch sagen: verschleppt. Diese traumatische Sozialisation mag als Motivation für Morgans Melancholie und Einsamkeit gelten, ihre Anlage im betont Vagen tut aber weder dem Roman als Krimi noch dem bitteren und hochinteressanten zeitgeschichtlichen Stoff gut.

Jonathan Robijn: Kongo Blues. Kriminalroman. Aus dem Flämischen von Jan-Frederik Bandel. Edition Nautilus, Hamburg 2019, 176 Seiten, 16,90 Euro

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