Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Sa. / So., 17. / 18. August 2019, Nr. 190
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 18.07.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Konjunktur

Rezession wird wahrscheinlicher

Wirtschaftswissenschaftler fordern öffentliche Investitionen
Eurozone_droht_Rezes_29259650.jpg
Containerabfertigung in Hamburg (19.10.2009)

Die Wahrscheinlichkeit, dass es innerhalb der nächsten drei Monate zu einer Rezession kommt, liegt laut dem »Konjunkturbarometer« des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) vom Juli bei 36,6 Prozent. Noch vor zwei Monaten hatte dieser Wert bei lediglich 28,3 Prozent betragen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Aufschwung fiel im gleichen Zeitraum von 18 auf 13,2 Prozent. Zudem wurde eine leicht erhöhte Anspannung an den Finanzmärkten ermittelt.

Schon seit Wochen häufen sich die Hiobsbotschaften. Große Konzerne wie BASF, Daimler oder Opel haben teilweise drastische Absenkungen ihrer Gewinn- und Wachstumsprognosen vorgenommen. Einer Unternehmensumfrage des Münchener ifo-Instituts von Anfang Juli zufolge ist im verarbeitenden Gewerbe in den nächsten drei Monaten eine Zunahme der Kurzarbeit von 3,8 auf 8,5 Prozent zu erwarten. Im Maschinenbau liegt das Volumen der Auftragseingänge laut dem Branchenverband VDMA um sieben Prozent unter dem Vorjahresniveau. Auch im Automobilsektor mit seinen 800.000 Beschäftigten häufen sich die Meldungen über Absatzrückgänge im In- wie im Ausland. Die IMK-Warnung kommt also nicht überraschend. Die jüngste Verschlechterung des Index ist laut dem Institut vor allem »auf einen Rückgang der Auftragseingänge aus dem Ausland« zurückzuführen.

Zugleich wiesen die Düsseldorfer Forscher aber auch darauf hin, dass die »prognostische Unsicherheit« derzeit besonders hoch sei. Schließlich ist die exportlastige deutsche Volkswirtschaft in besonderem Maße von außenwirtschaftlichen Entwicklungen abhängig. Diese sind angesichts der instabilen Weltkonjunktur, des US-Handelskriegs und des »Brexits« schwer einzuschätzen. Entsprechend beruhigte IMK-Konjunkturexperte Thomas Theobald: Die konjunkturelle Flaute müsse nicht »zwangsläufig in eine Rezession münden«.

Ein Hoffnungsschimmer besteht in der bislang stabilen Binnennachfrage, die einer rezessiven Entwicklung weiterhin kräftig entgegenwirke. Diesen Schutz sollte die Regierung über mehr öffentliche Investitionen verstärken, sagte Theobald.

Ermittelt werden die Wahrscheinlichkeiten des monatlich aktualisierten Konjunkturbarometers laut IMK anhand von »Frühindikatoren«, die in der Vergangenheit eine Rezession beziehungsweise einen Aufschwung zur Folge hatten. In die Berechnungen fließen sowohl Finanzmarkt- wie auch realwirtschaftliche Daten ein. Beispiele für die verschiedenen Kategorien sind Zinssätze, Auftragseingänge des verarbeitenden Gewerbes und der Geschäftsklimaindex des ifo-Instituts zur Investitionsfreudigkeit von Unternehmen. (jW)

Mehr aus: Kapital & Arbeit