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Aus: Ausgabe vom 18.07.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Tourismus

Ende der Idylle

An der polnischen Ostseeküste herrscht Baufieber. Der Charakter der Region verändert sich
Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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Strandidylle an der polnischen Ostsee (Leba, 17.9.2017)

Dreihundert Kilometer fast schnurgerade Küste, Strände aus feinem, weißem Sand, dahinter Kiefernwälder oder Wanderdünen – so kennen und lieben Touristen die polnische Ostseeküste. Wer dieses Bild jedoch noch sehen will, muss sich beeilen. Es herrscht Bauboom. Riesige Hotel- und Appartementobjekte verändern die Landschaft.

Nach einer Studie der polnischen Immobilienfirma Emmerson Evaluation gab es im dritten Quartal 2018 in den Urlaubsorten an der Küste 104 Appartementanlagen. Bis 2020 sollen weitere 56 dazukommen. 7.000 neue Ferienwohnungen sollen so entstehen. Die Preise nähern sich inzwischen jenen polnischer Großstädte und liegen nur noch knapp unter dem Niveau der Hauptstadt. Die Lokalzeitung Glos Szczecinski ermittelte für Swinoujscie im polnischen Teil von Usedom Quadratmeterpreise von knapp 5.000 Zloty (1.200 Euro).

Wie überall, wo die Grundstücke teurer werden, gehen auch die Gebäude in die Höhe. So entstehen in Miedzyzdroje auf der östlich an Usedom angrenzenden Insel Wolin zwei 17stöckige Appartementobjekte mit einer geplanten Höhe von 55 Metern. Der Plan, am selben Ort ein fast 150 Meter hohes Objekt zu errichten, scheiterte am Gemeinderat, der die bereits zugelassene Bauhöhe von 100 Metern nicht noch weiter erhöhen wollte. Denn klar ist: Wenn einmal mit einem solchen Objekt ein Präzedenzfall geschaffen wurde, kann weiteren Investoren die Genehmigung für strandnahe Wolkenkratzer nicht mehr verweigert werden.

Die neuen Gebäude entstehen auf immer kurioseren Grundrissen, um möglichst viele Zimmer mit dem preissteigernden Attribut »Meerblick« anbieten zu können. Generell sind die Gemeindeverwaltungen geneigt, Genehmigungen großzügig zu erteilen. Der Grund: Ob es Bebauungspläne gibt, ist Sache der Gemeinde selbst. Wo sie fehlen, kann jeder bauen, was und wie er will. Und die Grundsteuer auf Hotels liegt um das Vierzigfache über dem Satz, der für Wohnungen zu bezahlen ist. Bestehende Naturschutzvorschriften stören da nur, wie etwa in Pobierowo, einem Ortsteil des in älteren Reiseführern noch als gemütliches Fischerörtchen beworbenen Rewal. Dort befindet sich derzeit das künftig größte Hotel Polens im Bau: ein Objekt mit mehr als 1.000 Zimmern und dem üblichen Drumherum wie Kongresszentrum, Fitnessbereich und eigenen Restaurants. Der Investor der Mammutanlage, Tadeusz Golebiewski, hatte ursprünglich im weiter östlich gelegenen Leba bauen wollen, in Sichtweite des Slowinzischen Nationalparks mit seinen einzigartigen Wanderdünen. Als er es sich anders überlegte, hatte die Gemeinde Leba bereits ein Schutzwaldgrundstück von mehreren Hektar roden lassen, um einen baureifen Standort anbieten zu können.

Getrieben wird der Bauboom von zwei Faktoren: auf der Angebotsseite den niedrigen Zinsen und auf der Nachfrageseite davon, dass durch die Sozialleistungen der PiS-Regierung mehr polnische Familien sich einen Urlaub leisten können. Wegen relativ kurzer Anreisewege und der fehlenden Sprachbarriere ist das »polnische Meer« gerade für die unteren Klassen eine besonders beliebte Option.

Ein erheblicher Teil der neu gebauten Ferienwohnungen wird an Investoren aus den wohlhabenderen Klassen verkauft, die weiterhin in den Metropolen ihr Geld verdienen und hoffen, durch die Mieteinnahmen die zum Kauf aufgenommenen Kredite abzahlen zu können und so irgendwann »umsonst« in den Genuss einer Zweitwohnung am Meer zu kommen. Die Immobilienfirmen werben mit Renditegarantien – ein oft ignoriertes Warnsignal. Denn sie haben ihr Geschäft längst gemacht, wenn die stets befristete Vermietungsgarantie ausläuft und die Investoren gezwungen sind, ihre Kreditraten am Markt zu verdienen.

Genau dies lässt die Gefahr steigen, dass es zu Zuständen wie bei der Zupflasterung Ostdeutschlands mit steuerbegünstigten Gewerbeimmobilien in den neunziger Jahren kommt. Dass also an der Nachfrage vorbei gebaut wird und die Endkunden ihr Geld verlieren. Denn die Saison an der polnischen Ostsee dauert kaum länger als die Sommerferien in den Schulen: von Ende Juni bis Ende August, plus eine mit Feiertagen dicht belegte Woche Anfang Mai und die Zeit um Neujahr. Zu anderen Jahreszeiten ist Leerstand vorprogrammiert, zumal ein Großteil der touristischen Infrastruktur ebenfalls nur für wenige Monate im Jahr in Betrieb ist. Wer außerhalb der Saison durch Orte wie Ustka geht, in denen im Sommer »der Bär tanzt«, der kann dann hören, wie sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

So kann das Appartement in Strandnähe schnell zum Klotz am Bein werden, den man nicht mehr los wird. Spaniens Ferienimmobilienblase lässt grüßen, auch wenn die polnische Immobilienbranche beteuert, dass so etwas in Polen nie passieren könne. Das ist so wahr wie die Behauptung, dass jene Küstenverschandelung, die bereits in vollem Gange ist, nicht passieren kann. Wie Hans Magnus Enzensberger einst formulierte: Der Tourismus zerstört, was er sucht, indem er es findet.

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