Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 18.07.2019, Seite 6 / Ausland
Schiffstagebuch

Eine kurze Begegnung

Schiffstagebuch: Tag 7 (4. Juli 2019): Umarmungen beim Treffen mit der »Alex«-Besatzung
Von Valerio Nicolosi, TPI
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Die Besatzung der »Mediterranea« ist, wie am Vortag angekündigt, wieder auf See, wenn auch mit einem kleineren Schiff. Die »Mare Jonio« liegt beschlagnahmt in Licata, nachdem sie im Mai Menschen gerettet und Migranten nach Lampedusa gebracht hat.

Die Mannschaft ist wieder ausgelaufen, weil sie beschlossen hatte, als Unabhängige zu beobachten, was in diesem Teil des Meeres vor sich geht. Sie bedienen sich dafür jetzt der »Alex«, eines kleinen, 15 Meter langen Segelschiffs.

Die »Open Arms« patrouilliert weiter, aber am Nachmittag ändert sie den Kurs und bewegt sich auf die »Alex« zu. Es ist eine kurze Begegnung, aber eine, die angenehm ist. Man tauscht Informationen aus und umarmt sich. Ich sehe Kollegen wieder, die ich gut kenne und mit denen ich schon auf See gearbeitet habe. Ich treffe andere, von denen ich oft etwas gelesen, sie aber nie persönlich kennengelernt hatte. Ich begegne Erasmo Palazzotto, Abgeordneter der Partei Sinistra Italiana (Italienische Linke) und Maso Notarianni, Mitglied des italienischen Kulturvereins ARCI, wieder. Sie hatten bereits an anderen Einsätzen teilgenommen, als auch ich auf einem Schiff war. Das Treffen findet bei Sonnenuntergang statt. Am Horizont liegt Lampedusa, und die Lichter sagen uns, dass diese kleine europäische Insel, die den Ankömmlingen als Tor dient, voller Leben ist.

Nach dem etwa zweistündigen Treffen nehmen beide Schiffe Kurs gen Süden, und wir nehmen unsere Patrouillenfahrt wieder auf. Das Meer wirkt wie ein Ölteppich. Sowohl für uns als auch für jemanden, der aus Libyen fliehen will, perfekt. In den nächsten Tagen soll das Wetter gut sein und es könnten durchaus Boote von der Küste ablegen.

Wie immer klingelt um 5.30 Uhr eindringlich der Wecker, aber bei der ruhigen Fahrt ohne Wellengang fällt es etwas schwerer aufzustehen. Ich habe Zeit, den riesigen Kaffeekocher aufzusetzen, dessen Inhalt für alle reicht, auch für diejenigen, die auf der Brücke Wache halten und auf ihre Ablösung warten.

Wir sind jetzt viel weiter im Süden. Um uns herum ist das Meer weiterhin spiegelglatt, und außer einigen Frachtschiffen in der Ferne ist nichts zu sehen. Auf diese Weise Patrouille zu fahren, macht nervös. Manchmal, bei anderen Einsätzen, ist es vorgekommen, dass wir tagelang niemanden sahen. Je südlicher wir kommen, umso weniger Schiffe gibt es. Durch die Änderung der Routen soll verhindert werden, dass die Frachtschiffe auf aus Libyen kommende Schlauchboote oder Kähne treffen und dann tagelang blockiert werden.
Während ich durch den Feldstecher sehe, unterhalte ich mich mit Esther, Jahrgang 1990. Sie ist noch jung, hat aber viel Erfahrung. 2015 hat sie als Freiwillige angefangen und ging auf das erste Schiff der Organisation »Proactiva Open Arms«, die »Golfo Azzurro«, die von Barcelona ablegte und bis nach Lesbos fuhr, wo die NGO mit ihrer Tätigkeit begonnen hatte.

»An dem Tag, als ich auf der griechischen Insel ankam, gab es eine Landung. Alles war ziemlich ruhig, die Leute kamen von selbst an Land, aber an Bord gab es auch noch Frauen, kleine Kinder, ältere Leute. Das hat mich beeindruckt, und in dem Monat, den ich dort als Freiwillige blieb, wurde mir klar, dass Hilfeleistung für Menschen genau das war, was ich im Leben machen wollte.«

Esther hat etwas studiert, was mehr zu meinem Beruf passt als zu dem, was sie jetzt macht. »Audiovisuelle Schule«, eine Art spanische Schule für Film und Fernsehen. Aber sie hat das Gelernte nie in die Praxis umgesetzt.

»Aber es ist nicht immer so gut gelaufen. Im Gegenteil. Einmal trieb da ein Boot mit vielen Menschen an Bord, die Behörden erlaubten uns nicht, einzugreifen und es bis in den Hafen zu schleppen. Nach fast vier Stunden bekamen wir die Erlaubnis, aber wir haben ein totes Neugeborenes von Bord geholt. Für mich war es das erste Mal, und es war wie ein Schlag ins Gesicht. Und so etwas gab es mehrmals.« Esthers Blick verrät eine unglaubliche Sensibilität. Diese Frau ist körperlich klein, aber physisch und geistig sehr stark.

Ich frage sie nach ihrem ersten Einsatz im zentralen Mittelmeer und sie erzählt mir von einem kleinen Kind, das in großer Gefahr war und von der »Sea-Eye« gerettet wurde und das zunächst auf die »Golfo Azzurro«, das Schiff der »Proactiva Open Arms«, gebracht und dann den maltesischen Behörden übergeben wurde. Auf die Frage nach ihrer schlimmste Erfahrung auf See antwortet sie nur: »Josepha«, als sei mit diesem Namen schon alles gesagt.

Dann beginnt sie zu erzählen: »Stundenlang hörten wir die Gespräche zwischen einem Frachtschiff und den Küstenwachen Italiens und Tripolis'. Wir wussten, dass sich da ein Schlauchboot in Schwierigkeiten befand, aber nicht, was da genau passierte, und das war frustrierend. Als wir etwa zwei Meilen entfernt waren, konnten wir mit dem Fernglas Körper erkennen, und es sah so aus, als seien die Menschen tot. Ihr Schlauchboot war voller Wasser. Die Libyer waren gekommen, hatten das Boot abgefangen und die Körper im Wasser gelassen.« Sie ist ernst, während sie spricht, aber dann erscheint ein kaum merkliches Lächeln auf ihrem Gesicht. »Dann sahen wir einen Arm, der sich bewegte. Wir stiegen in aller Eile hinunter und fanden Josepha. Sie war am Leben.«

Das Meer ist weiterhin spiegelglatt und am Horizont ist nichts zu sehen. Sollten wir heute jemanden finden, dann können wir nur hoffen, dass er am Leben ist.

Übersetzung: Christiane Barckhausen-Canale

Unser Autor berichtet von Bord der »Open Arms«, die im Mittelmeer unterwegs ist, um Menschen zu retten. Seine Beiträge für das italienische Onlineportal The Post International übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung des Autors

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