Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 18.07.2019, Seite 4 / Inland
»Impertinente Forderungen«

»PR-Desaster« für Hohenzollern

Forderungen des ehemaligen Herrscherhauses stoßen auf breite Ablehnung
Von Kristian Stemmler
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Zeitlose Forderung: 1926 entwickelte sich auf Initiative der KPD eine breite Bewegung für eine entschädigungslose Enteignung der 1918 abgesetzten Fürstenhäuser

Vor gut einem Jahrhundert, nach dem von ihm mitausgelösten Ersten Weltkrieg, musste Kaiser Wilhelm II. abdanken, flüchtete ins holländische Exil. Sein Sohn, Kronprinz Wilhelm, kehrt 1923 zurück, unterstützte bald darauf die Nazis nach Kräften, nannte Adolf Hitler im April 1933 einen »genialen Führer«, dem man Zeit für »gewisse Aufräumarbeiten« lassen müsse. Dass nun die direkten Nachfahren, die heutigen Vertreter des Hauses Hohenzollern, frühere Besitztümer von unschätzbarem Wert zurückfordern und Wohnrecht in ihren alten Schlössern verlangen (siehe jW vom Montag), sorgt weithin für Empörung.

Der RBB sprach von »maßlosen, geradezu impertinenten Forderungen«. Der Berliner Tagesspiegel bezeichnete den Vorgang als »Zumutung für die aufgeklärte Gesellschaft«. Und sogar die Springer-Postille Welt wollte wissen: »Und was ist mit den Toten des Ersten Weltkriegs?« Die Frankfurter Rundschau beklagte die »blanke Gier« der Hohenzollern.

Am Wochenende war ans Licht gekommen, dass das Adelshaus seit mindestens fünf Jahren mit dem Bund sowie den Ländern Berlin und Brandenburg über Rückgabeforderungen verhandelt. Geltend gemacht hat die das heutige Oberhaupt des Hauses, Prinz Georg Friedrich von Preußen, Ururenkel von Wilhelm II. Bei den Gesprächen geht es nach Angaben aus dem Haus von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) um eine dauerhafte Gesamtlösung. Die Positionen lägen allerdings noch weit auseinander.

Es geht um bedeutende Kunstwerke, die fürstlichen Bibliotheken und das Königliche Hausarchiv, die sich vor allem bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und beim Deutschen Historischen Museum befinden. Auf der Liste stehe etwa Antoine Watteaus Gemälde »Einschiffung der Kythera« sowie der Sterbesessel von Friedrich II. Gefordert wird auch ein »dauerhaftes, unentgeltliches Wohnrecht« entweder im Schloss Cecilienhof, Schloss Lindstedt oder in der Villa Liegnitz in Potsdam.

Angesichts des verheerenden Medienechos versuchte der Anwalt der Familie, Markus Hennig, in den letzten Tagen die Wogen zu glätten. In einer Erklärung betonte er, man wolle die Sammlungen der Öffentlichkeit weiterhin zugänglich machen. Seine Mandanten seien an der Einrichtung eines »Hohenzollern-Museums« interessiert, in dem die geforderten Stücke gezeigt werden könnten. Der Tagesspiegel nannte dieses Vorhaben umgehend »einigermaßen bizarr«.

Nach der Revolution von 1918 wurde der kaiserliche Besitz beschlagnahmt. Ein Vertrag zwischen dem Land Preußen und den Hohenzollern über die Vermögensregelung wurde 1926 – die KPD hatte damals erst ein Volksbegehren und dann einen Volksentscheid für eine entschädigungslose Enteignung auf den Weg gebracht – geschlossen, wies aber viele Lücken auf. Erst 1945 erfolgte in der sowjetischen Besatzungszone eine echte Enteignung der Hohenzollern, die auch nach 1990 nicht angetastet wurde. Bereits vor Jahren hatten sie aber versucht, vom Land Brandenburg eine Entschädigung einzuklagen. Das Land hatte das mit Verweis auf die NS-Verstrickungen des Kronprinzen abgelehnt. Der Historiker Stephan Malinowski, der die Familiengeschichte für das Land begutachtet hatte, bezeichnete die neuen Forderungen als »unfassbar«. »Ich halte das für das größte PR-Desaster, was den Hohenzollern seit der Daily Telegraph-Affäre 1908, oder seit 1918, der Kaiserflucht, zugestoßen ist«, sagte er dem Deutschlandfunk.

Kritik gab es auch aus der Politik. Ulla Jelpke, innenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Bundestag, bezeichnete es als »schon ziemlich dreist«, dass Vertreter jenes Herrscherhauses, das »durch sein militaristisches Großmachtstreben erhebliche Mitverantwortung für den Ersten Weltkrieg trägt und sich später den Nazis andiente, mietfrei auf Steuerzahlerkosten in Prunkschlössern wohnen und nach 1945 enteignete Kunstschätze zurückhaben« wollen, sagte sie am Mittwoch gegenüber jW. Die Enteignung der »imperialistischen Kriegstreiber« sei zu Recht erfolgt. Da wünsche man sich »doch die Rückkehr der Roten Armee«.

Debatte

  • Beitrag von Reinhard Lauterbach aus (18. Juli 2019 um 17:44 Uhr)
    @Ulla Jelpke: Wenn sie denn noch eine Rote Armee wäre. In Russland sind die Romanow-Zaren von der Kirche heiliggesprochen worden, und das Zarenregime wird nach Kräften weißgewaschen. Es erweist sich als politisch weitsichtig, was menschlich unschön und sicherlich nicht rechtsstaatlich war: 1918 die gesamte Sippschaft angesichts der Gefahr ihrer Befreiung durch die Weißen physisch zu liquidieren. Hätte das in Deutschland nach 1918 irgend jemand unternommen, gäbe es das Problem heute nicht.
  • Beitrag von Michael Meier von Rouden aus Berlin (18. Juli 2019 um 18:40 Uhr)
    Die Schlossbaudemokraten werden sicher einen Weg finden, die Hohenzollern zufriedenzustellen, wenn etwas Gras über die Forderung gewachsen ist.

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