Gegründet 1947 Mittwoch, 21. August 2019, Nr. 193
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 18.07.2019, Seite 4 / Inland
Mietpreisexplosion

Nicht ohne Hintergedanken

Forschungsinstitut DIW plädiert für staatlich gefördertes »Mietkaufmodell«
Von Ralf Wurzbacher
Reihenhaeuser_in_ein_61286468.jpg
Könnte auch der Staat hinstellen: Reihenhäuser in einem Neubaugebiet (Hannover, 6.5.2019)

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) will jungen Familien mit kleinem und mittlerem Einkommen mithilfe eines staatlichen »Mietkaufmodells« zu Wohneigentum verhelfen. Dies könne ein Weg sein, »sich vor immer stärker steigenden Wohnkosten zu schützen und gleichzeitig Vermögen aufzubauen«, schlagen Markus Grabka vom »Sozio-oekonomischen Panel« des DIW und der Finanzberater Peter Gründling in einem Beitrag des aktuellen DIW-Wochenberichts vor. Dabei solle die öffentliche Hand als Bauherr in neuen Wohnraum investieren und die Objekte zum Selbstkostenpreis sowie zum Nullzinstarif an Kaufinteressenten vergeben werden. Durch »konstante monatliche Tilgungen« könnten diese dann nach und nach Besitzer der Immobilie werden, heißt es in einer begleitenden Pressemitteilung vom Mittwoch.

Der Vorstoß hat durchaus Charme: Während normale Mietzahlungen mehr oder weniger »verschenktes« Geld sind, erwirbt man beim Mietkauf mit jedem Monat ein Stückchen mehr von den vier Wänden, bis sie eines schönen Tages die eigenen sind. Konkret sollte dafür der Staat durch den Bau von »Eigentumswohnungen in Mehrfamilienhäusern mit qualitativ guter Ausstattung« in Vorleistung gehen, empfehlen die Autoren. Weil sich das nötige Kapital »faktisch zinsfrei« oder mitunter gar »mit negativen Zinsen« beschaffen ließe, könnten der Vorteil an die Bewohner weitergereicht und und so die Finanzierungskosten klein gehalten werden. Bestenfalls befänden sich die Grundstücke in öffentlichem Eigentum und würden in Form einer Erbpacht zur Verfügung gestellt. In diesem Fall würden sich Kosten für den Staat »auf die Anschubfinanzierung und einen Inflationsausgleich über die Jahre beschränken«, konstatieren Grabka und Gründling.

Zwei weitere Vorzüge: Anders als beim kreditfinanzierten Hausbau verdienen die Banken nicht mit und die großen Wohnungskonzerne bleiben außen vor. Außerdem sollen allein solche Bewerber zum Zug kommen, die auf dem regulären Wohnungsmarkt schlechte Karten haben – vornehmlich »Familien mit Kindern, in denen der Haushaltsvorstand nicht älter als 40 Jahre ist und die über kein nennenswertes Eigenkapital verfügen«. In einer Modellrechnung kalkulieren die Verfasser mit Aufwendungen, die »in etwa der Miete für eine vergleichbare Wohnung entsprechen«. So läge bei einer 100-Quadratmeter-Wohnung, deren Bau sie mit rund 210.000 Euro veranschlagen, die Monatsrate bei einer Laufzeit von gut 24 Jahren bei rund 933 Euro, inklusive Erbpachtzins und einer Rücklage für Instandhaltungsmaßnahmen. Bei einer Zeitspanne von 33 Jahren wären es monatlich »knapp 756 Euro«. Das entspreche etwa dem, was eine Familie in einer Großstadt 2017 im Schnitt an Kaltmiete gezahlt habe.

Liefe alles nach Plan, sollte die Immobilie spätestens bis zum Rentenbeginn abbezahlt sein, damit die Betroffenen im Alter ein Vermögen besitzen, »das sie – auch weil die Wohnkosten dann weitgehend entfallen – vor Altersarmut schützt«, erfährt man im DIW-Wochenbericht. Damit die Sache aufgeht und etwa auch eine Entlastung des freien Wohnungsmarktes mit sich bringt, müsste die Bundesregierung allerdings reichlich Geld mobilisieren. Richtgröße der Studie ist das Baukindergeld, das mit etwa zehn Milliarden Euro zu Buche schlägt. Mit dieser Summe könnten in zehn Jahren die Bewohner von rund einer halben Million Wohnungen zu Eigentümern dieser werden, rechnen die Autoren vor.

Freilich wird das schöne Rezept nicht ohne Hintergedanken angeboten. Angesichts der laufenden Debatte um Enteignungen und Mietendeckel sorgt man sich beim DIW augenscheinlich um das Wohl des freien Unternehmertums im Immobiliensektor. Die derzeit diskutierten »restriktiven Regelungen« setzten »nur am Symptom der stark gestiegenen Mieten an, ohne die grundlegenden Probleme auf dem Immobilienmarkt zu beseitigen«, moniert Grabka. Das Mietkaufmodell wäre dagegen »ein Baustein zur Lösung der Wohnungsmarktprobleme«, weil es den Druck auf dem Markt reduzieren würde. Die Politik solle aber weitere Maßnahmen in Erwägung ziehen, etwa eine reduzierte Grunderwerbsteuer beim Ersterwerb einer selbstgenutzten Immobilie. Eine Wiederbelebung des sozialen Wohnungsbaus schlägt das DIW nicht vor. Auch Beihilfen für die Bedürftigsten, etwa die vielen armen Rentnerhaushalte, die sich ihre Wohnkosten vom Munde absparen müssen, sind kein Thema. Auch das passt ins Bild.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Markus Grabka: Ungerechtfertigte Kritik Ich habe mit Interesse Ihren Beitrag »Nicht ohne Hintergedanken« von heute gelesen. Was mich aber verwundert, ist Ihre Kritik an unseren Forschungsbericht, dass wir z. B. folgende Masnahmen nicht vor...