Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 17.07.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Glyphosat

Bayer in der Monsanto-Krise

Strafmilderung in Glyphosat-Verfahren. Über 13.000 Klagen anhängig
Von Steffen Stierle
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Der Unkrautvernichter »Roundup« ist laut Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation »wahrscheinlich krebserregend« (San Francisco, 24.2.2019)

Laut einem Geschworenengericht sollte Bayer 80 Millionen US-Dollar (71,1 Millionen Euro) berappen, um Edwin Hardeman zu entschädigen. Denn verantwortlich für dessen Krebserkrankung wird das glyphosathaltige Produkt »Roundup« der Bayer-Tochter Monsanto gemacht. Fünf Millionen US-Dollar sollte demnach die eigentliche Entschädigungszahlung betragen. 75 weitere Millionen sollten als Zusatzsanktion wegen der besonderen Schwere des Falls hinzukommen. Diese Zweiteilung sieht die US-Verfassung vor.

Nun wurde die Summe deutlich gesenkt. Denn die Verfassung sieht auch vor, dass die Zusatzsanktion die eigentliche Strafzahlung maximal um das Neunfache übersteigen darf. Doch statt 50 Millionen US-Dollar zu veranschlagen und das Urteil so in Einklang mit der Verfassung zu bringen, ging der zuständige Richter, Vince Chhabria, noch deutlich weiter nach unten. Insgesamt 25,3 Millionen muss Bayer demnach berappen.

Es überrascht nicht, dass der Konzern selbst gegen die stark reduzierte Strafzahlung in Berufung gehen will. Schließlich besteht das größte Problem für den Dax-Konzern mit seinen rund 40 Milliarden Euro Jahresumsatz nicht in der Strafzahlung selbst. Mehr Sorgen dürfte dem Management die Tatsache bereiten, dass auch nach der Strafmilderung ein weiteres Mal die Anwendung des Monsanto-Pflanzengifts als Ursache einer schweren Erkrankung anerkannt würde. Es handelt sich um die dritte Verurteilung zu Schadenersatz im dritten derartigen Verfahren. Weitere 13.400 Klagen stehen noch aus. Die meisten davon stützen sich auf eine Studie der Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation, die »Roundup« 2015 als »wahrscheinlich krebserregend« einstufte.

Im jüngsten Fall hatten die Geschworenen einem an Krebs erkrankten Rentnerehepaar im Mai insgesamt sogar umgerechnet fast 1,8 Milliarden Euro an Schadenersatz zugesprochen. Auch hier ist mit einer deutlichen Senkung des Strafmaßes zu rechnen. Doch selbst wenn es Bayer gelingen sollte, die Strafen immer wieder weit nach unten zu drücken, aufgrund der Vielzahl an Klagen droht Monsanto zum Milliardengrab zu werden.

Wegen der hohen Prozessrisiken und des Imageschadens war der Börsenwert von Bayer nach der Übernahme des Saatgut-Konzerns 2018 zeitweise sogar unter den Kaufpreis von 62 Milliarden Euro gesunken und liegt derzeit nur knapp darüber. Monsanto steht unter anderem wegen des Vertriebs gentechnisch veränderten Saatguts und dem Kopplungsgeschäft mit Pflanzengift - wer Monsantogift verwendet, muss auch Monsantosamen kaufen, denn alles andere wächst nicht mehr - weltweit in der Dauerkritik. In Leverkusen dürften einige Spitzenmanager die Übernahmeentscheidung längst bereuen.

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