Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Montag, 16. September 2019, Nr. 215
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 17.07.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Abschuss MH17

Rakete oder Kanone

Unterschiedliche Theorien zum Hergang des Flugzeugabschusses über dem Donbass
Von Reinhard Lauterbach
RTS2LVHP.jpg
Sowjetisches Fabrikat, aber auch von der ukrainischen Armee eingesetzt: beschädigte »Buk«-Rakete als Beweis präsentiert (Bunnik, 24.5.2018)

Das einzige, was beim Absturz der malaysischen Boeing mit ihren 298 Insassen unstreitig ist, ist die Tatsache des Absturzes selbst und die Zahl der Opfer. Die folgenden Hypothesen zum Hergang lassen sich heute grob in zwei Gruppen einteilen: die »Raketen-« und die »Bordkanonentheorie«. Diese Unterscheidung erlaubt bzw. erzwingt Rückschlüsse auf die mutmaßlichen Täter.

Der westliche Mainstream und die niederländischen Ermittlungen gehen davon aus, dass die Maschine durch eine russische Flugabwehrrakete des Typs »Buk« abgeschossen wurde. Das beweist aber noch nicht viel, weil auch die ukrainische Armee identische Geschosse in ihrer Ausrüstung hatte. Die Ermittler behaupten, nachweisen zu können, dass die Raketenbatterie der russischen 53. Luftabwehrbrigade zuzuordnen sei, die damals bei Kursk im Grenzgebiet zur Ukraine stationiert gewesen sei. Die Abschussvorrichtung sei im Sommer 2014 an die Aufständischen im Donbass »ausgeliehen« worden, um die bis dahin bestehende Luftherrschaft der ukrainischen Seite zu brechen. Belegt wurde dies durch Amateurfotos von einem Transportfahrzeug, das angeblich im Morgengrauen des 18. Juli in Lugansk gesichtet worden sei. In Gegenanalysen wurde darauf hingewiesen, dass ein im Hintergrund zu sehendes Werbeplakat einer Stadt im ukrainisch kontrollierten Teil der Region zuzuordnen sei, dass bei nachgeschobenen Satellitenfotos der angeblichen Batterie der Lichteinfall von der falschen Seite komme und andere Details mehr.

Die ukrainische Behauptung, sie habe im Donbass keine »Buk«-Raketen stationiert gehabt, widerlegt eine Reportage des ukrainischen Militärfernsehens vom Vortag des Abschusses, die den damaligen Verteidigungsminister Walerij Heletej im Kampfgebiet bei der Inspektion einer »Buk«-Einheit zeigte. Merkwürdig ist auch, dass auf ukrainischer Seite alle Radarstationen, die das Abschussgebiet abdeckten, gleichzeitig wegen »Wartungsarbeiten« abgeschaltet gewesen sein sollen, dass die Aufzeichnungen des Kontrollturms in Dnipropetrowsk, der das Flugzeug auf ukrainischer Seite führte, »verschwunden« sind, und dass ein Aufklärungsflugzeug der deutschen Bundeswehr seine Beobachtung des Luftraums über der Ukraine im Auftrag der NATO eine halbe Stunde vor dem Moment des Abschusses abbrach. Auch haben die USA bisher kein einziges Bild ihrer eigenen Aufklärungsgeräte veröffentlicht.

Die mit der Raketentheorie konkurrierende Bordkanonenhypothese beruht im Kern darauf, dass die malaysische Boeing nicht mit einer Rakete, sondern durch ein ukrainisches Kampfflugzeug abgeschossen worden sei. Diese These ist schon schnell nach dem Abschuss von verschiedenen unabhängigen Autoren vertreten worden. Durch eine Analyse der Beschädigungen am Cockpit der Boeing kamen sie zu dem Schluss, dass es sich dabei nicht um die Spuren von Raketensplittern handle, sondern um Einschüsse aus der Bordkanone eines Kampfflugzeuges. Brisant daran ist, dass ein Raketenabschuss noch irrtümlich passiert sein kann; ein Abschuss durch eine Bordkanone jedoch Absicht voraussetzt, und zwar von ukrainischer Seite. Dass ein russisches Kampfflugzeug im Himmel über dem Donbass unterwegs gewesen sei, behauptet nicht einmal Kiew. Die Bordkanonentheorie krankt daran, dass sich die verschiedenen Varianten, unter Annahme unterschiedlicher Typen von abschießenden Flugzeugen, in einigen Punkten gegenseitig ausschließen, und dass ein Zeuge für diese Hypothese kurz nach seiner Aussage verstorben ist und ein anderer in eine ukrainische Psychiatrie eingewiesen wurde. Dieses relative Durcheinander erlaubt es der westlichen Propaganda, entsprechende Thesen ohne weitere Nachprüfung als angeblich russische Desinformation abzuqualifizieren.

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald Wenk aus Hagen (17. Juli 2019 um 11:56 Uhr)
    Da die Niederlande der NATO angehören und die NATO diesen Abschuss zum Casus belli, zum tatsächlichen Kriegsgrund, erklärte, haben wir ein Befangenheitsproblem als Richter der »unabhängigen« Kontrollkomission.
    Wir erinnern uns an die Giftgas-Besitz-Vorwürfe als Casus belli, an Saddam Hussein – dem ich »an sich« wenig Tränen nachweine –, trotz 10jähriger Beobachtung ohne Meldung durch UN-Beauftragte, an denen tatsächlich nichts dran war!
    Auch in Syrien wurden Giftgasangriffe von der NATO als Casus belli ins Schlachtfeld geführt, obwohl Syrien unter Aufsicht (Linke-MdBs mit dabei!) alle »zweifelhafte« Chemie verklappt hat in der Nordsee.
    »Unbenommen« wurde der Irak von der NATO mit niederländischer Beteiligung überannt und Saddam Hussein öffentlich exekutiert, so dass wir eine NATO-Kolonialregierung im Irak haben.
    Ich erinnere mich auch an einen G-8-Gipfel, auf dem der Tod von bin Laden durch die NATO-Geheimdienste und den Saudi-Arabiens gemeldet wurde, obwohl bin Laden noch geschlagene zehn Jahre unbehelligt in Pakistan lebte – was allerdings die Afghanistan-Mission der NATO in Afghanistan ihrer völkerrechtlichen Grundlage beraubte. Bin Laden veröffentlichte ein Video als Lebensbeweis – allerdings ohne Angabe, dass er in Pakistan war.

    DAS WAR WOHL DER VÖLKERRECHTLICHE SINN DER DURCHTRIEBENEN GEHEIMDIENSTAKTION!

    Die Legtimation ist weg, spätestens seit bin Ladens Exekution, die die US-Geheimdienste unbedingt völlig alleine und ohne jede Vorinformation, Geheimhaltung vor den pakistanischen Behörden »alle miteinander« auf pakistanischem Gebiet durchführte.
    Die Öffentlichket wird offen brutal völkerrechtlich relevant zu Aggressionskriegshandlungen der NATO belogen und betrogen!
    Präsident Trump, nachdem schon die UNESCO verlassen wurde, erklärte, sich durch die UNO in keinster Weise völkerrechtlich gebunden zu »fühlen«. Er denkt nicht daran, die UNO politisch oder rechtlich ernst zu nehmen, während anderen ständig mit »Menschenrechtsbegründung« Sanktionen und Krieg aufoktroyiert werden

    INCIPIT REALSATIRE VÖLKERRECHT

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Politisch motiviert Selbst Malaysias Premier Mahathir behauptet, dass der MH-17-Abschlussbericht rein politisch motiviert sei. Mahathirs Kritik richtet sich gegen das durch niederländische Ermittler geführte gemeinsame U...

Ähnliche:

  • Offizielle Übergabe: Bewohner der »Volksrepublik Donezk« erhalte...
    25.06.2019

    Dosierte Einbürgerung

    Vergabe russischer Pässe an Donbass-Bewohner läuft träge
  • Beweise vorgelegt: Ein Mitarbeiter des russischen Verteidigungsm...
    19.09.2018

    Doch ukrainische Rakete?

    Russland legt neue entlastende Belege zum Abschuss einer malaysischen Boeing vor
  • Abschuss über dem Kriegsgebiet: Das MH17-Trümmerfeld im Donbass ...
    17.07.2015

    Wer hat womit geschossen?

    Vermutungen und Indizien zum Flug MH17: Ein Jahr danach ist der Abschuss der malaysischen Boeing über der Ostukraine nach wie vor nicht aufgeklärt

Mehr aus: Schwerpunkt