Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 17.07.2019, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Arbeitsverdichtung auch im Urlaub

»Hemmschwelle sinkt in allen Branchen«

Technik im Dienste der Unternehmen: Ständige Erreichbarkeit bedroht Rechte von Beschäftigten im Urlaub. Ein Gespräch mit Thomas Steinhäuser
Interview: Gitta Düperthal
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Erholung Fehlanzeige: Immer mehr Beschäftigte bleiben im Urlaub für den Chef erreichbar

Für Beschäftigte tritt während der Urlaubszeit kein Erholungseffekt ein, wenn Unternehmer von ihnen verlangen, per Mail oder Handy für dienstliche Fragen erreichbar zu sein. Wie akut ist dieses Problem?

Aus der Tatsache zunehmender Nutzung elektronischer Kommunikationsmittel leiten Unternehmer eine gewisse Erwartungshaltung ab. Dann heißt es: Der Beschäftigte möge doch bitte auch im Urlaub erreichbar sein, falls mal etwas sein sollte. Urlaub ist aber dazu gedacht, sich vom Arbeitsstress lösen zu können, um sich zu entspannen und auszuruhen. Permanente Hab-Acht-Stellung ist da nicht förderlich, sondern stellt eine Belastung dar. Deshalb betonen wir als Gewerkschafter ausdrücklich: Selbst wenn das Unternehmen die technischen Kommunikationsmittel zur Verfügung stellt, muss es das Recht geben, nicht erreichbar zu sein. Wir fordern die Beschäftigten auf, entsprechende Tablets und anderes zu Hause zu lassen. Urlaub ist Urlaub.

Fordern hauptsächlich Unternehmen der Metallindustrie die Erreichbarkeit im Urlaub ein?

Nein, in nahezu allen Branchen und Bereichen sinkt die Hemmschwelle, ob in Großkonzernen oder mittelständischen Betrieben. In letzteren greift der Vorgesetzte zum Hörer und stört den Urlauber, etwa weil seine Personaldecke in der Sommerzeit ausgedünnt ist. Aber auch in größeren Betrieben treten offenbar häufig Fragen auf, die zur Kontaktaufnahme veranlassen.

Welche Folgen kann so eine Urlaubsunterbrechung haben?

Wir wissen, dass die Arbeitsverdichtung und damit verbundene psychische und physische Belastungen für die Beschäftigten zunehmen. Immer mehr scheiden deshalb früher als geplant aus dem Erwerbsleben aus. Wir müssen deshalb genau hinschauen, wo dieser wachsende Druck herrührt. Für den Beschäftigten steht die Frage: Was kann passieren, wenn er sich dem Druck des Vorgesetzten verweigert, im Urlaub verfügbar zu sein? Die Antwort: Gar nichts. Kein Unternehmer darf die Erreichbarkeit verlangen – auch nicht das Hinterlegen der Urlaubsadresse oder sonst eines Kontaktes.

War es früher anders?

In der Tat. Heute ist es über Handy, Whats-App oder was auch immer einfacher, Beschäftigte unterwegs zu erreichen. Ist dieser sowieso online und postet Urlaubsfotos auf Internetportalen, sagt sich der Chef: Dann kann ich auch mal schnell eine Frage schicken.

Welches sind die dreistesten Fälle von Urlaubsstörung?

Wenn Unternehmer etwa versuchen, den Urlaub komplett zu unterbinden, obgleich er schon lange vorher beantragt war. Sollte der Urlaub ordnungsgemäß beantragt und genehmigt worden sein, damit der Betrieb planen kann und die Beschäftigten sich mit Bekannten oder Verwandten abstimmen und buchen konnten, ist der Antritt problemlos möglich. Selbst wenn jemand krank wird, und der Unternehmer sagt, man können jetzt doch nicht fahren.

Ist das aber alles nur auf Zuruf verabredet, wird es schwierig. Ein eigenmächtiger Urlaubsantritt ist nicht vorgesehen, es braucht die ausdrückliche Genehmigung. Wo es einen Betriebsrat gibt, ist das Verfahren zustimmungspflichtig. Ansonsten ist es wichtig, sich frühzeitig zur Planung des Urlaubs die Bestätigung des Chefs geben zu lassen. 2018 kam ein Beschäftigter zu uns, weil der Arbeitgeber ihn aufforderte, seinen Urlaub unverzüglich abzubrechen, weil er im Betrieb dringend gebraucht werde. In dem Fall gilt: Nach einer ordnungsgemäßen Genehmigung gibt es dazu keine Verpflichtung. In einem anderen Fall war der Urlaub nur mündlich verabredet. Der Beschäftigte konnte aber vor dem Arbeitsgericht glaubhaft belegen, dass das Gespräch so stattgefunden hatte und Klarheit bestand, dass der Unternehmer zugestimmt hatte.

Welche Unterstützung bietet die Gewerkschaft in solchen Fällen?

IG-Metall-Mitglieder haben Rechtsschutz. Zuvor greifen wir aber oft zum Hörer und versuchen, den Chef oder den Verantwortlichen in der Personalabteilung zu erreichen. Wir teilen etwa mit, dass aus unserer Sicht eine Entscheidung falsch war und bitten, zur Vermeidung von Rechtsstreitigkeiten, den Fall zu überdenken. Das reicht manchmal schon aus.

Thomas Steinhäuser ist 1. Bevollmächtigter der IG Metall Suhl-Sonneberg in Thüringen

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