Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Sa. / So., 17. / 18. August 2019, Nr. 190
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 16.07.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Automobilindustrie

Freiwillige vor

Bei früherer »Neue Halberg-Guss GmbH« wieder Stellenstreichungen im Gespräch. Kündigungen »erst«, wenn niemand gehen will
Von Bernd Müller
Die_wichtigsten_Erei_59593707.jpg
Beschäftigte am sächsischen Standort des Automobilzulieferers während des Streiks im vorigen Jahr (14.6.2018)

Die mehrwöchigen Streiks bei der früheren »Neue Halberg-Guss GmbH« im letzten Jahr sind beachtlich gewesen: Für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze hatten die Beschäftigten letztlich den notwendigen Eigentümerwechsel erzwungen. Wie nun bekannt wurde, dürfen dennoch nicht alle von ihnen bleiben, 200 Stellen sollen gestrichen werden. Und wie ein Bericht des Handelsblatts von Ende Juni nahelegt, könnte die Sanierung des Unternehmens auch komplett scheitern.

Während am Standort in Leipzig die Kurzarbeit nach dem Eingang neuer Aufträge aufgehoben wurde, sieht es am Standort Saarbrücken düsterer aus. Dort soll von den insgesamt 1.200 Arbeitsplätzen jeder sechste wegfallen. Das hatte die Gewerkschaft IG Metall nach Angaben der Saarbrücker Zeitung am Sonntag mitgeteilt.

Die Stellenstreichung soll demnach über ein Freiwilligenprogramm sozialverträglich ablaufen. Details sollten der Belegschaft aber erst heute mitgeteilt werden. So viel ist aber schon klar: Wer freiwillig geht, soll eine Abfindung erhalten. Thorsten Dellmann, der zweite Bevollmächtigte der IG Metall (Saarbrücken), hat demnach gesagt, dass zuerst die Grenzgänger aus Frankreich angesprochen werden sollen, die kurz vor der Rente stehen. Beschäftigte mit Wohnort in der Bundesrepublik könnten in eine Transfergesellschaft wechseln und würden in diesem Fall ebenfalls eine Abfindung bekommen. Sollten sich keine 200 Freiwilligen finden lassen, stünden betriebsbedingte Kündigungen an. Für Patrick Selzer, Gewerkschaftssekretär der IG Metall (Saarbrücken), ist die Jobvernichtung ein gravierender Einschnitt. Er hoffe aber, dass damit die Chance auf eine langfristige »positive Fortführung des Unternehmens« steigt.

Nach einem Bericht des Handelsblatts vom 27. Juni ist das aber nicht unbedingt zu erwarten. Wie die Zeitung aus dem Umfeld des Unternehmens erfahren habe, könnte die Muttergesellschaft der beiden Gießereistandorte bald insolvent sein. Es sei denn, wichtige Geldgeber aus dem Kundenkreis könnten sich kurzfristig unter anderem auf die Verteilung weiterer Finanzhilfen einigen. Nach einem Gutachten der Düsseldorfer Prüfungsgesellschaft Mazars gebe es weiteren Finanzbedarf in Höhe eines niedrigen zweistelligen Millionenbetrages.

Den Bericht einer drohenden Insolvenz bezeichnete Frank Günther, Chef ebenjener Muttergesellschaft, gegenüber der Leipziger Volkszeitung als totalen Unsinn. »Wir haben die Produktion nach den Verwerfungen im vergangenen Jahr stabilisiert und bekommen seither auch neue Aufträge rein«, sagte er weiter. Zwar gebe es noch offene Fragen über die Aufteilung der Restrukturierungskosten auf die beiden Standorte in Saarbrücken und Leipzig, aber er sei zuversichtlich, diese Frage zeitnah lösen zu können.

Das Handelsblatt hatte berichtet, dass unter den Kunden wie General Motors, Volkswagen, Daimler und auch dem Kölner Motorenhersteller Deutz ein Streit schwele, wer welchen Beitrag leistet, um das Unternehmen wieder in die Spur zu bringen. Schon der Kauf des Automobilzulieferers durch den Sanierer »One Square Advisors« sei nur mit Hilfe der Unterstützung wichtiger Kunden möglich gewesen. Die Transaktion sei vollständig von einem Konsortium finanziert worden, an dem sich wichtige Kunden beteiligt hatten.

Nur Volkswagen war nicht dabei und verweigere dem Bericht zufolge auch jetzt noch, einen Teil zu den nun nötigen Finanzhilfen beizusteuern. Das sorge in dem Konsortium für Unmut, hieß es weiter im Handelsblatt. »VW verhält sich wie ein Trittbrettfahrer«, klagte demnach ein Manager. Entweder würde der Konzern sich verweigern oder überzogene Bedingungen stellen.

Sollten sie sich nicht einigen und deshalb keine Finanzhilfen leisten können, stünden dann auch in Aussicht gestellte Staatsgelder auf dem Spiel. So erklärte beispielsweise das Wirtschaftsministerium des Saarlandes, dass es noch keine rechtsverbindlichen Zusicherungen gebe. Bevor die in Aussicht gestellten 50 Millionen Euro gezahlt würden, müsste erst noch die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens gutachterlich geprüft werden.

Ähnliche:

  • Wirksamer Widerstand: Halberg-Guss bleibt – bis auf weiteres
    29.12.2018

    Denkwürdiger Streik

    Jahresrückblick 2018. Heute: Neue Halberg-Guss GmbH. Arbeiter erstreiken Werkserhalt in Leipzig und Saarbrücken
  • Haben sich nicht unterkriegen lassen: Streikende »Halberger« vor...
    04.12.2018

    Etappensieg erkämpft

    Neue Halberg-Guss verkauft, Standorte vorerst gesichert. Versprechungen wecken Hoffnung, aber Gewerkschaft IG Metall bleibt skeptisch
  • Im Arbeitskampf bei Halberg-Guss war zumindest zeitweise richtig...
    24.10.2018

    Plattmacher loswerden

    Monatelanger Konflikt um Arbeitsplätze beim Automobilzulieferer Halberg-Guss. IG Metall setzt auf Wechsel des Eigentümers

Mehr aus: Betrieb & Gewerkschaft