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Aus: Ausgabe vom 16.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kleine Gesten

Der Mann und die Vögelein

Von Pierre Deason-Tomory
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Durch mein Küchenfenster sehe ich auf die hinteren Gärten zwischen zwei Reihenhausreihen. Kräftige Bäumchen, brummende Wiesen, hübsch renovierte Schuppen. Und viele Vögel.

Ich habe keinen Garten, nur ein Küchenfenster, aber ich will auch Vögel. Ich werde alt, neuerdings mag ich sie.

Also richtete ich im Herbst auf dem Küchenfensterbrett eine Futterstelle ein: Ich kaufte Meisenknödel und hängte einen mit einer Schnur ans zerbrochene Thermometer.

Kein Vogel kam. Nicht im Herbst und nicht im Winter.

Ich fragte meinen Bruder. Er und seine Frau und neuerdings auch sein Kind haben Vögel auf dem Küchenfensterbrett. Er sagte, ich muss Geduld haben und weitermachen. Mein Bruder ist so klug wie mein Vater.

Im nächsten Herbst habe ich wieder einen Meisenknödel aufgehängt und dazu ein Plastikschälchen auf das Fensterbrett gelegt, das eigentlich nur eine Hälfte einer im Gelenk zerteilten Tupper-Butterdose ist. In das Schüsselchen schüttete ich eine Körnermischung aus dem Rewe-Markt.

Nichts passierte.

Erst gegen Ende des Winters kamen sie. Spatzen. Leise und vorsichtig. Und fraßen, aber nur die Sonnenblumenkerne. Die anderen Körner warfen sie herum. Die Knödel ignorierten sie weiter. Also kaufte ich einen großen Beutel nur mit Sonnenblumenkernen.

Irgendwann wurde es lauter vor dem Küchenfenster. Nicht mehr nur leises Klappern, sondern Klein-Vogel-Gebrüll. Jetzt saßen da drei Spatzen, ein richtiger und zwei zerzauste Jungtiere. Der Große fütterte den einen Kleinen und der andere protestierte derweil, bis ihm endlich der Schnabel gestopft wurde.

Die Pubertät. Das Schälchen wurde schneller leer, und die Blagen fingen an, es vom Fensterbrett herunterzuwerfen. Ich also jedes Mal runter vor das Haus, Schälchen aufklauben, wieder hoch. Immer wieder. Die Nachbarn guckten schon. Irgendwann lag ein 50-Cent-Stück drin. Das hier ist eine soziale Nachbarschaft.

Doch dann änderte sich die Szene. Ich kam am Morgen in die Küche, und vom Fensterbrett glotzten drei Tauben rein. Das Schälchen war wieder weg.

Ich ging herunter und holte es. Oben versuchte ich, es mit Powerstrips am Fensterbrett festzukleben. Ging nicht. Ich nahm eine Schnur und band das Gelenk dieser zerteilen Plaste-Butterdose am zerbrochenen Thermometer fest. Das ging. Dann machte ich das Schälchen wieder voll.

Kontrollgang am Nachmittag. Das Schälchen war noch da, und schon fast leer. Als ich später wieder in die Küche kam, saß eine Taube auf dem Fensterbrett und starrte mich an.

Ich kam näher, erst spät flog sie weg. Das Schälchen ganz leer. Ich füllte es wieder auf.

Seitdem sind ein paar Tage vergangen. Jeden Tag füttere ich. Mehrmals. Es kommen viele Tauben, und es wird immer aufgegessen. Aber Spatzen habe ich keine mehr gehört und gesehen.

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