Gegründet 1947 Mittwoch, 21. August 2019, Nr. 193
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 16.07.2019, Seite 5 / Inland
Arbeitsmarkt

Krise erreicht Arbeitsmarkt

Prognostizierter Wirtschaftsabschwung: In Sachsen-Anhalt hat sich die Zahl der von Kurzarbeit Betroffenen mehr als verdoppelt
Von Susan Bonath
Maschinenbau_verlier_59679074.jpg
Automobil-, Maschinenbau- und Chemiebetriebe sind besonders von Kurzarbeit betroffen

Nach der Krise folgt die Krise: Während die Bundesagentur für Arbeit (BA) für den Juni noch eine leicht gesunkene Zahl Erwerbsloser gemeldet hatte, macht sich die von Ökonomen seit längerem prognostizierte Konjunkturflaute nun doch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Die Kurzarbeit ist auf dem Vormarsch. Allein in Sachsen-Anhalt gab es im ersten Halbjahr 2019 mehr als doppelt so viele Betroffene wie ein Jahr zuvor. Das teilte die BA-Regionaldirektion Sachsen-Anhalt/Thüringen der Mitteldeutschen Zeitung (Montagausgabe) mit.

Demnach wuchs die Zahl der Betroffenen in Sachsen-Anhalt binnen Jahresfrist von 1.237 auf 2.639 Beschäftigte an. Zuletzt hatten dort 137 Unternehmen für ihre Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet, 2018 waren es 79 Firmen. Zwar sei der Anstieg ein Vorbote eines Abschwungs. »Das Ausgangsniveau ist jedoch relativ niedrig«, beschwichtigte Kay Senius (SPD), Chef der BA-Regionaldirektion. Von einer Wirtschaftskrise wie 2009 sei man daher »weit entfernt«. »Drei Viertel der Anzeigen für Kurzarbeit kommen aus der Industrie«, erläuterte Senius zudem. Am stärksten treffe es die Automobilzulieferer.

Das war abzusehen. Bereits Ende Juni hatte der IG-Metall-Bezirksleiter für den Bereich Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, Thorsten Gröger, auf einer Konferenz der Landesregierung vorgeworfen, einen »strategischen Dialog« zu verweigern. »Die bevorstehenden Umbrüche erfordern ein erweitertes Arbeitsmarktinstrument, da die Betriebe ihre Produktion erheblich oder komplett umstellen müssen und dies über einen längeren Zeitraum«, erläuterte der Gewerkschafter dazu in einer Pressemitteilung. Er schlug ein Transformationskurzarbeitergeld vor, das auch in Umschulungen und Weiterbildung der Beschäftigten investiert werden müsse. »Hier stoßen wir aber auf erhebliche Widerstände«, konstatierte Gröger. Während in Niedersachsen zumindest ein Dialog zwischen Politik, Wirtschaft und Betriebsräten begonnen habe, »haben wir nicht den Eindruck, dass die Landesregierung Sachsen-Anhalt Vergleichbares mit uns anstrebt«, so der IG-Metall-Bezirksleiter.

Dem schloss sich vorige Woche der wirtschaftspolitische Sprecher der Linksfraktion im Magdeburger Landtag, Andreas Höppner, an. Die Automobilindustrie sei in seinem Bundesland mit rund 24.000 Arbeitsplätzen sehr bedeutend. Im August werde seine Partei deshalb die Landesregierung auffordern, eine Bestands- und Zukunftsanalyse vorzulegen, stellte der ehemalige Betriebsrat in Aussicht. Es gehe darum, eine Perspektive für die zunächst von Kurzarbeit, langfristig von Entlassung bedrohten Beschäftigten zu erarbeiten und zugleich den Klimaschutz voranzutreiben, so Höppner.

Die Zahl der Kurzarbeiter wächst indes bundesweit. Nach ersten Hochrechnungen der BA von Anfang Juli hat sie sich mehr als verdreifacht von 13.000 Betroffenen im April 2018 auf 44.000 ein Jahr später. Laut Timo Wollmershäuser, stellvertretender Leiter des Zentrums für Makroökonomik im Ifo-Institut München, ist dies aber nur eine Schätzung, die auf den gemeldeten Anzeigen von Firmen beruhe. Die erst später vorliegenden tatsächlichen Zahlen dürften Wollmershäuser zufolge höher liegen. Laut einer am 9. Juli veröffentlichten Studie rechnen die Ifo-Forscher im verarbeitenden Gewerbe mit einem Anstieg des Anteils der Unternehmen in Kurzarbeit von derzeit 3,8 auf 8,5 Prozent, betroffen insbesondere Automobil-, Maschinenbau- und Chemiekonzerne.

Auch die BA-Denkfabrik, das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dämpfte Anfang Juli die langjährigen Aufschwungserwartungen. Zwar sei das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal 2019 noch einmal geringfügig um 0,4 Prozent gestiegen. Es sei allerdings »davon auszugehen, dass sich die Dynamik deutlich abflacht«, so das IAB.

Bei der Kurzarbeit reduzieren die Unternehmen Arbeitszeit und entsprechend die Löhne und Sozialabgaben ihrer Beschäftigten. Einen Teil des Verdienstausfalls gleicht die Arbeitsagentur aus. Für Beschäftigte mit Kindern sind das 67 Prozent, wer keine Kinder hat, bekommt 60 Prozent der Differenz zum vollen Nettolohn von dort.

Ähnliche:

  • Räumkommando in Leipzig: Wenn der Winter kommt, gibt es viel zu ...
    07.11.2017

    Betreutes Ein-Euro-Jobben

    Neues Programm in Sachsen-Anhalt: Magdeburg will Langzeiterwerbslose mit Hilfe von »Intensivbetreuern« in Arbeitsmarkt integrieren
  • Anwohner in Bad Bibra versuchen Unwetterschäden zu beheben. Poli...
    10.06.2017

    Billige Reserve

    In Sachsen-Anhalt sollen Ein-Euro-Jobber Unwetterschäden beseitigen. Öffentliche Aufträge werden zu Dumpingpreisen ausgeschrieben
  • Ältere Erwerbslose sollen nicht die Statistik versauen, sondern ...
    14.07.2016

    Billiglöhner bis zur Rente

    Zu viele Langzeiterwerbslose: Sachsen-Anhalts Kommunen starten Beschäftigungsprogramm für über 58jährige

Mehr aus: Inland