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Aus: Ausgabe vom 16.07.2019, Seite 1 / Titel
Arbeitskampf im Einzelhandel

Packer aller Länder ...

Prime Day bei Amazon: Beschäftigte in Deutschland und den USA streiken für höhere Löhne und menschenwürdige Arbeitsbedingungen
Von Gerrit Hoekman
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Der Schnäppchentag für die Kunden war Streiktag bei den Beschäftigten

Bereits Tage vorher spannten die Schnäppchenjäger ungeduldig ihre Büchsen: Prime Day bei Amazon! Das Onlinekaufhaus lockt die Kunden am Montag und Dienstag mit mehr als tausend vermeintlichen Preisknallern. Für die Belegschaft bedeutet der Kaufrausch einen weiteren Großkampftag: In Leipzig, Koblenz, Bad Hersfeld, Rheinberg und Werne (beide Nordrhein-Westfalen) und Graben bei Augsburg wird gestreikt.

Die Beschäftigten kommen sich inzwischen nämlich selbst vor wie Ramschware auf dem Arbeitsmarkt. »Während Amazon mit satten Preisnachlässen beim Prime Day zur Schnäppchenjagd bläst, wird den Beschäftigten eine existenzsichernde tarifliche Bezahlung vorenthalten«, klagte Orhan Akman von der Gewerkschaft Verdi am Montag in einer Presseerklärung.

Das US-Unternehmen finanziere die jährliche Sonderaktion praktisch aus dem Portemonnaie der Lohnabhängigen. »Die Rabatte an die Kundinnen und Kunden lässt sich Amazon durch Tarifflucht und Niedriglöhne der eigenen Beschäftigten bezahlen – damit muss Schluss sein«, fordert Akman. »Die Löhne und Gehälter dürfen nicht länger nach Gutsherrenart bestimmt werden.« Geld genug sollte vorhanden sein, denn der Konzern habe im ersten Quartal 2019 nach eigenen Angaben einen Rekordgewinn von 3,2 Milliarden Euro erzielt.

Für den Standort in Werne bei Dortmund rechnete Karsten Rupprecht von Verdi in Westfalen mit einer ansehnlichen Beteiligung: Von den rund 1.800 Angestellten befänden sich gut 300 im Ausstand, schätzte er am Montag auf Nachfrage von junge Welt. Der Konzern habe es sich einiges kosten lassen, die Belegschaft zum Arbeiten zu bewegen. »Zehn Euro pro Tag Anwesenheitsbonus, der sich nach einer Woche verdoppelt«, erklärte er. Außerdem gebe es am Ende der Woche einen freien Tag extra. Für Rupprecht ein Indiz dafür, dass Amazon den Streik fürchtet: »Sonst würden sie das bestimmt nicht machen.«

Natürlich fehlen die 300 Streikenden an allen Ecken und Enden, denn die Arbeitsabläufe sind eng getaktet. Um die effiziente Amazon-Maschine am Laufen zu halten, muss jedes Rad ins andere greifen. Jede Warenbewegung wird gescannt und vom System erfasst. Netter Nebeneffekt für die Chefetage: Sie weiß immer genau, wer von den Arbeitern welche Ware wann und wie lange in den Händen hatte. Wer zu lange braucht, bekommt Druck von oben, wie ehemalige Beschäftigte berichten und investigative Reporter bestätigen.

In den USA speist der Konzern am Standort Baltimore die Daten in eine Software, die ohne menschliches Zutun die Produktivität des Einzelnen misst, wie die Medien im April berichteten. Berechnet wird unter anderem, wie viele Pakete ein Mitarbeiter pro Stunde bewegt. Falls die Leistung den Erwartungen nicht genügt, ist das Computerprogramm sogar in der Lage, eigenständig Mahnungen zu schreiben.

Immerhin: Die Kündigungen müssten von einem Vorgesetzten aus Fleisch und Blut geprüft und persönlich übergeben werden, versicherte Amazon. Wie das Magazin The Verge berichtete, entließ das Internetkaufhaus trotzdem zwischen August 2017 und September 2018 rund 300 Angestellte – mehr als zehn Prozent der gesamten Belegschaft. In Europa sei eine solche Software nicht im Einsatz, beteuerte das Unternehmen.

Kein Wunder also, dass die Arbeiter am US-Standort in Shakopee (Minnesota) ebenfalls am Prime Day für sechs Stunden die Arbeit niederlegten. Die Liste ihrer Forderungen ist lang: bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen, höhere Sicherheitsstandards, ein Ende der Belastung.

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