Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.07.2019, Seite 12 / Thema
Literaturgeschichte

Der große Blues

Ein Vertreter der Avantgarde – heute wäre der früh verstorbene Schriftsteller Jörg Fauser 75 Jahre alt geworden
Von Frank Schäfer
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»Wir sind dazu da, um zu schreiben. Zu nichts anderem«. Jörg Fauser, geboren am 16. Juli 1944 in Bad Schwalbach, Taunus; gestorben am 17. Juli 1987 auf der A 94 zwischen Feldkirchen und München-Riem

Sein Großvater väterlicherseits wird während des Matrosenaufstandes 1918 hingerichtet. Sein Vater schließt sich dem Widerstand gegen die Nazis an, bevor man ihn aufgreift, in eine Strafkompanie steckt und in den Krieg schickt. Immerhin, er überlebt. Gibt es so etwas wie ein rebellisches Erbe? Und wenn ja, ist es eine Bürde?

Mit 23 erlebt Jörg Fauser sein persönliches Kriegserlebnis, das ihn endlich mit echten, existentiellen Erfahrungen versorgt, die es mit denen seiner Altvorderen zumindest halbwegs aufnehmen können. Im Istanbuler Tophane-Slum pumpt er sich Rohopium in die Venen, bis er nur noch 45 Kilo wiegt und seine eigene Mutter ihn nicht mehr wiedererkennt. »Was konnte einem Schriftsteller Besseres passieren, als in diesem Dreck zu sitzen und das Überleben zu trainieren?« fragt sich sein Alter ego Harry Gelb in »Rohstoff«. »Es waren Orte wie dieser, wo Schriftsteller hingehörten. Es waren Orte wie dieser, wo Mythen entstanden, sich fortsetzten und triumphierten. Ich dachte an Gorki, an Algren, an Fallada.«

Die Literatur, um die es Jörg Fauser geht, ist nicht vorstellbar ohne solche Randbezirke und gefährlichen Milieus und ohne den Mann – es ist bei Fauser immer der Mann – an vorderster Front, der sich dort bewähren muss. Erst als er selbst diese Erfahrungen gemacht hat, legt er tatsächlich los mit dem Schreiben. »Rohstoff«, Fausers Lebensroman, setzt passenderweise ein mit seiner Zeit als Junkie auf dem Dach des Gülhane-Hotels »oberhalb der Blauen Moschee«. Hier beginnt das wahre Leben, das Leben als Schriftsteller.

Das davor ist auch nicht ganz unwichtig. Seine Vater malt, preiswürdig, aber zu wenig markttauglich. Die Mutter verdient das Geld als morgendliche Radioratgeberin beim Hessischen Rundfunk, spielt auch diverse kleine Rollen im Fernsehen. Durch ihre Vermittlung reüssiert Fauser – als »Purzel«! – in der ersten Radio-Kindersendung des HR. Bald hat auch er einige Fernsehrollen. Er ist schon als Kind ein Profi im Mediengeschäft und weiß, wie man hier sein Geld verdient. Aber Jörg will Schriftsteller werden, schreibt Gedichte und Theaterstücke. Noch fehlt der »große Blues«.

Opiumsucht

Er kommt aufs Gymnasium und rebelliert, haut ab nach London und treibt sich in anarchistischen Kreisen herum. Er probiert Heroin, zeugt ein Kind, lässt sich jedoch bekehren vom Vater und macht das Abitur nach. Fauser fängt an zu studieren, aber jetzt meldet sich der Staat, will auch ihn in eine Uniform stecken. Er verweigert, 1964 eine absolute Seltenheit, und leistet Zivildienst in einem Krankenhaus, wo er sich nun regelmäßig am Medikamentenschrank bedient. Bei den Opiaten. Er wird süchtig und flieht nach Istanbul. An die Quelle. »Ich konnte nicht schreiben, und hier sitze ich und platze und dreh mich im Kreis und fluche und spucke und krepiere an mir selbst und bringe kein Wort heraus. Ich weiß, dass ich endlich etwas schreiben muss, und schaffe es nicht.«

Vielleicht auch, weil er keine Form findet, die zu diesem Stoff passt. Das ändert sich, als er, zurück in Deutschland, William S. Burroughs’ »Soft Machine« liest. Die Cut-up-Methode, das mehr oder auch mal weniger zufällige Zerschneiden und überraschende Rekombinieren des Textkonvoluts, löst endlich die Wortbremse. »Der traditionelle Roman war für das, was ich beschreiben wollte, einfach untauglich«, heißt es in »Rohstoff«. »Sucht zerstört Individualität, also über Bord mit individuellen Figuren, und die lineare Story gleich hinterher. Und da wir schon dabei sind: der klassische Satzaufbau, Subjekt, Prädikat, Objekt, damit lässt sich nicht beschreiben, was passiert, wenn das Opiat die grauen Zellen sprengt.«

Gleich seine erste längere Arbeit »Tophane« zeigt, dass er nicht als Burroughs-Epigone auftreten will, sondern an seinem eigenen Stil feilt. Auch hier ist der Schnitt strukturbildend, aber er überlässt nichts dem Zufall. Die unzähligen Gedankenstriche, die Fausers Prosa zerfasern und so den diskontinuierlichen Wahrnehmungsprozess des Opiatsüchtigen nachbilden, sind kalkuliert gesetzt. Dieser »Roman« ist ein in Kleinstsequenzen zersplittertes Gedankenprotokoll, ein Prosagedicht, das Cut-up eher imaginiert als wirklich betrieben. Passagenweise suggestiv, dann wieder hermetisch, gelegentlich ganz unlesbar. Es geht hier auch nicht um den Unterhaltungswert, sondern vielleicht um Genauigkeit, Artistik, Effekthascherei, sicher aber auch um das heimelige Gefühl, Teil einer Avantgardeszene zu sein, die sich in Deutschland gerade erst konstituiert.

Die Hinwendung zum Cut-up hatte also nicht zuletzt strategische Gründe. Mit Carl Weissner, Jürgen Ploog, Udo Breger und Walter Hartmann gehört er bald zu den Taktgebern der literarischen Gegenkultur, publiziert in diversen Little Mags und ist an verschiedenen Zeitungs- und Zeitschriftenprojekten beteiligt, ZOOM, UFO und dem legendären Gasolin 23.

Während sich der Druck von »Tophane« verzögert, plant er ein zweites Buch. »Vielleicht half es, mit einem witzig und flott gemachten Cut-up-Verschnitt in Zeitschriftenformat zu debütieren, und wenn das Ding erst mal für Furore gesorgt hatte, dann war man schon mit einem ganzen Blues und einem halben zur Stelle: Nachschub gefällig?« schreibt er in »Rohstoff«. »Ich machte mich gleich an die Arbeit.«

»Aqualunge« ist einerseits radikaler, andererseits auch epigonaler. Burroughs, den er in London besucht für seine erste professionelle Magazinstory über »Junk – die harten Drogen«, schenkt ihm sein Drogendossier »Apo-33«, und so etwas probiert er jetzt auch. Eine wilde Collage aus Fotos, Zetteln, Typoskriptkolonnen. Eine Art Cut-up-Drogen-Fanzine. Der kleine Textausschnitt in »Rohstoff Elements«, Band 1 der gerade begonnenen, mittlerweile dritten Werkausgabe bei Diogenes, fängt den chaotischen Charme des Originals naturgemäß nur sehr unvollständig ein. Es gibt aber einen schönen Nachdruck bei Moloko-Print. Dafür bietet die Sammlung neben »Tophane« eine schöne Auswahl aus Fausers frühen Texten.

Er schreibe manchmal auch Gedichte, lässt er seinen Verleger Benno Käsmayr wissen. Sie erscheinen 1973, »Die Harry Gelb Story«, und zeigen einen stilistischen Wandel an. Es gibt hier immer noch die zerhackten Suchtprotokolle, die Aufzeichnungen vom »Hinterhof in Alfaville«, aber ein anderer Einfluss wird hier schon deutlich erkennbar – der von Charles Bukowski. »Trüber Sommernachmittag in Fat City, / sie hockten auf Harrys Bude und kippten Bier, / irgendwo im Hinterhof stieg eine Teenager-Party / und die Beatles leierten einen ihrer total / schwachsinnigen Songs runter, / ›Lucy in the sky with diamonds‹ / oder sonst einen abgedroschenen Heuler. / Son abgedroschener Heuler, sagte Charlie, / aber die Miniröcke sind wohl immer noch scharf darauf. / Stimmt, sagte Harry, macht einen ganz fickrig.«

Vorbild Bukowski

Bier kippen ist das Stichwort. Burroughs rät ihm in London zum Entzug mit dem Brechmittel Apomorphin. Fauser schafft es tatsächlich, er bekommt seine Sucht in den Griff bzw. sattelt von Junk auf Alkohol um und gehört bald zur Stammkundschaft in Frankfurter Kaschemmen und Stehbierkneipen wie dem »Schmalen Handtuch«. Damit ändern sich auch seine literarischen Sujets. »Wozu den Danse Macabre in Alexandria tanzen lassen, wenn der Stoff direkt vor der Haustür lag?« meint Harry Gelb in »Rohstoff«. »Aber dazu musste man erst wieder die Sätze zusammenbekommen, die der Cut-up-Vorgang – das schnelle Quer- und Gegenlesen, das Zerschneiden der linearen Einbahnsätze – zerschnipselte. Die Sätze des Amerikaners Bukowski taten das« und auch die »Autoren, die als Kriminalschriftsteller von den deutschen Feuilletons so gut wie überhaupt nicht wahrgenommen wurden«.

Der Dirty Old Man wird ein wesentlicher Faktor in Fausers Werk. »Nach Acid und Fernweh und Ausflippen, nach Mystik und Junk und Nirvana zeigt uns Bukowski die Welt, in die wir zurückgekehrt sind, und er zeigt uns, dass es richtig war, in sie zurückzukehren«, heißt es bereits in seinem ersten Porträt 1974. »Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Wir haben nichts mehr zu verlieren außer einem Bündel wertloser Illusionen und verramschter Träume. Ich finde, das ist ein guter Ausgangspunkt.« Bukowski ist der Autor, den er sich wirklich erschreibt, dessen Größe und Qualität er in immer neuen Artikeln zu taxieren versucht, weil sich in seiner Literatur nicht nur der eigene autobiographische Sinneswandel, sondern seiner Ansicht nach auch der seiner Generation manifestiert. Seine Identifikation geht so weit, dass er Malocherjobs annimmt, als Nachtwächter oder an der Gepäckaufgabe des Frankfurter Flughafens, um ähnliche Erfahrungen zu machen. Später trifft er ihn persönlich in Los Angeles und interviewt ihn für den Playboy.

Bukowski-Nachfolge birgt stets die Gefahr, sich lächerlich zu machen, auch Fauser entgeht ihr nicht immer. Aber in seinen Stories und Gedichten steckt doch genügend bundesrepublikanische Tristesse und Fauser-Blues, man kann das nicht einfach als Epigonentum abtun. Sogar das Großfeuilleton wird jetzt aufmerksam. Und Achim Reichel, für den er in den folgenden Jahren sehr erfolgreich Songtexte schreibt.

In der Zwischenzeit hat er als Drehbuchautor gearbeitet und sich als Journalist einen Namen gemacht. Mit seiner ersten Junk-Reportage für das Twen-Magazin löst er die Eintrittskarte. Ein weiterer Ausweg aus der Sackgasse Cut-up. Man kann mit Journalismus Spaß haben und Geld verdienen – und durch Leute wie Norman Mailer und Hunter S. Thompson gewinnt er auch an literarischem Renommee.

In nur wenigen Jahren erwirbt er hier eine Professionalität, die alle bestätigen, mit denen er zusammengearbeitet hat. Er gibt nicht viel auf sein Talent und versucht das vermeintliche Defizit mit manischem Fleiß und gusseiserner Disziplin wettzumachen. Hinzu kommt eine obsessive Lust am Produzieren. »Er war einer der wenigen Autoren, die ich kenne«, erinnert sich die Faßbinder-Schauspielerin Y Sa Lo in der Fauser-Biographie von Ambros Waibel und Matthias Penzel, »der wirklich morgens um sieben Uhr dreißig aufgestanden ist, sich an den Schreibtisch gesetzt und wirklich geschrieben hat. So um halb zwölf hat er dann aufgeschaut, und gesagt: Jetzt ist Zeit für einen ersten Hemingway-Drink. Dann hat er weitergeschrieben, mindestens bis vier. Er war keiner von denen, die schreiben, wenn ihnen was einfällt, sondern er hat einfach geschrieben, von morgens bis abends, jeden Tag.« Fauser brauchte die Literatur, vielleicht als Ersatzsucht. »Beim Schreiben vergaß ich alles andere. Pech war nur, dass man nicht 24 Stunden schreiben konnte, und dann wieder 24 Stunden, das ganze dumme Leben einfach vollschreiben. Aber die Weckamine halfen.«

Er ist schnell, meistens gut, manchmal brillant, und er kann, wie Harry Rowohlt ihm attestiert hat, tatsächlich »alles schreiben«: Besinnungsaufsätze, Feuilletons, Polemiken, Literaturkritiken, Reportagen, Short Stories, Interviews – und wenn für ein Yps-Heft noch ein paar Sprechblasen zu füllen sind, dann macht er auch das noch. Er ist sich für nichts zu schade und hat keine Berührungsängste, nur die Sitzriesen und »Kulturverweser« der E-Kultur verfolgt er mit meistens unterhaltsamen, aber nicht immer gerechten Sottisen.

Erfolg

Ein Roman fehlt ihm noch. Bei den hartgekochten US-Autoren Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Chester Himes, Ross Thomas etc. findet er den gleichen dreckigen Realismus, den er für sich beansprucht. Er breitet seinen Privatkanon in diversen Zeitungs- und Rundfunkartikeln aus, bevor er selbst Krimischriftsteller und endlich auch Erfolgsautor wird. »Der Schneemann«, in einem knappen Jahr neben der journalistischen Brotarbeit in die Maschine gehauen und bald darauf mit Marius Müller-Westernhagen frei, komödiantisch und sehr erfolgreich verfilmt, ist eher ein Blues, wie eigentlich alles, was Fauser literarisch anfasst: Die Geschichte des kleinen Schmugglers Blum, der auf Malta Pornos im allerkleinsten Stil verhökert, durch Zufall an fünf Pfund Kokain gerät, sie in München, Frankfurt und Amsterdam loszuschlagen versucht und doch schließlich alles wieder verliert. Er ist ein Moralist, der zwar aus Pragmatismus das Gesetz schon mal etwas freizügiger auslegt, aber mit den wirklichen Verbrechern nichts zu tun haben will. Ein Verlierer – und vielleicht doch nicht so ganz: »Ihm war ja nichts passiert. Und das, was ihm passiert war, passierte allen jeden Tag. (…) Er steckte sich die letzte Zigarette an. Vielleicht sollte ich sie mit dem letzten Geldschein anmachen, dachte er, aber so frei wurde man doch nie. Man blieb, was man war, man hatte noch Glück dabei, man wurde, was jeder werden wollte, ein Sieger im Kleinen, auf der langen Strecke zwischen Sekt und Selters.« »Der Schneemann« ist nicht nur ein Krimi, sondern auch ein Schelmenroman – mit Blum als tumbem Taugenichts, der durch die Welt reist und sie eigentlich nicht versteht. Nur dass er am Ende nicht sein Glück macht, wie es die Gattung will, sondern der kleine mediokre Einzelgänger bleibt, der Möchtegerndesperado mit den abgeschmackten Sprüchen, die er aus amerikanischen Kinofilmen geklaut hat.

In einem Aufsatz über sein Vorbild Raymond Chandler hat Fauser bereits einiges zur Poetik des Romans skizziert, das auch für den »Schneemann« gelten kann: »Heute wird in jedem Feuilleton, das auf sich hält, nachgebetet, was André Gide, unter anderen, schon vor 40 Jahren feststellte: dass Chandler und Hammett Spitzenwerke der realistischen Literatur dieses Jahrhunderts geschaffen haben. (…) Für mich ist Chandler als Schriftsteller von immensem Interesse, weil er die Beschreibung dessen beherrscht, was William Burroughs den Set genannt hat. Dieser aus der Filmsprache stammende Ausdruck ist mit Szene nicht genau übersetzt, der Set nämlich ermöglicht erst eine Szene, diese kann sich nur dort realistisch entwickeln, wo der Set bis ins kleinste Detail stimmt: Atmosphäre, Licht und Schatten, der Hut auf dem Vertiko, der Winkel, den etwa eine Waffe beschreibt, Geräusche von der Straße, vielleicht eine Blume im Haar des blonden Mädchens, der schmal getrimmte Schnurrbart des mexikanischen Messerhelden, jedes Bild muss alles enthalten, was zu seinem Verständnis nötig, und alles verbergen, was für sein Geheimnis unabdingbar ist. (…) Wenn bei Chandler alles hinhaut, sind seine Szenen von einer knisternden Prägnanz, die ihresgleichen sucht; Bilder, die wie von allein im Hirn abrollen; Kopf-Kino, aus Sprache gezaubert, pure & simple.« Wenn bei Fauser alles hinhaut, kann man über ihn das gleiche sagen.

Er liefert im »Schneemann« ein pointillistisches Bild vom Dekadenwechsel. Westdeutschland im Winter. Diese seltsame Endsiebzigertristesse und die sich bereits ankündigende überfeinerte Dekadenz und lethargische Gleichgültigkeit der Achtziger, all das wird hier treffsicher eingefangen. Und die Großmetapher ist das Kokain. Kurze, drehbuchartige Szenen geben dem Buch ein ziemliches Tempo, und Fausers sanft elegische Kapitelschlüsse zeigen ihn voll auf der Höhe seiner Kunst: »Blum ließ sich die Rechnung bringen. Er hatte das starke Bedürfnis, sich auf dem Klo einzuschließen oder die Notbremse zu ziehen, aber er blieb sitzen, trank noch einen Kaffee und sah zu, wie der Zug in die Chemiezone rollte, wo der Himmel so grün wie eine Wiese war.«

Fauser wird dann Redakteur beim Tip, zieht nach Berlin und schreibt weiter manisch jedes Jahr ein Buch. Erzählungen, Essays, Romane. Auch noch zwei Krimis. »Kant«, zunächst als Fortsetzungsroman im Wiener publiziert, und zuvor »Das Schlangenmaul«. Nicht Fauser bestes Buch. Harder, der ehemalige Journalist und jetzige »Bergungsexperte« soll ein Mädchen wiederfinden, das in einer Schlangensekte untergetaucht ist und dort gefügig gemacht wird, ein ganz böser Gentlemanschurke hat seine Hände im Spiel, ein korrupter Politiker ist auch irgendwie beteiligt, und die Mutter des Mädchens erst recht. Der archetypische Thrillergeneralverdacht, demzufolge die Welt ein stinkender Sumpf ist und die Politik bis zum Hals mit drinsteckt, wird hier oft geäußert und besprochen, aber nicht wirklich konkretisiert. Und die Sprache versinkt zu sehr in Pulp- und Noirstereotypen. Trotzdem kann man den Roman immer noch lesen, als ein asphaltgraues Porträt Berlins in den frühen Achtzigern. Fauser fängt die Stimmung in dieser ausgelaugten, verlebten Stadtlandschaft, die auch Leute wie David Bowie und Iggy Pop fasziniert hat, ziemlich gut ein.

Porträt einer Generation

In diesen Passagen ist er unmittelbar dran an seinen Erfahrungen. Wenn ihm das gelingt, ist Fauser immer am besten. Wie in »Rohstoff«, diesem melancholischen, desillusionierten, hart an der eigenen Biographie entlang geschriebenen Porträt seiner Generation, das er gleich nach dem »Schneemann« in Angriff nimmt. Die konservativen Kreise wollten das gern als »Abgesang« auf ’68 verstehen, aber dagegen hat er sich verwahrt. »Ich würde nie einen Abgesang auf irgendeine Zeit machen«, gibt er dem Journalisten Hellmuth Karasek in der Talkshow »Autor-Scooter« Bescheid. »Ich fand diese Zeit toll, das war meine Jugend, das war ein großes Abenteuer; diese Generation, die damals da war und was gemacht hat, das war gut – was immer auch im einzelnen daraus geworden ist – das interessiert nicht. Das ist eine gute Vorlage, da haben wir alle angefangen, die Welt zu sehen, und das ist kein Abgesang. Es ist einfach aus einer gewissen Distanz heraus gesehen. Deshalb hab’ ich den Mann auch nicht Jörg Fauser genannt, sondern Harry Gelb – also schon eine fiktive Figur, die eben das transportiert, was ich am eigenen Leib erfahren habe.«

Und so schickt er Harry Gelb noch einmal in die Opiumhölle Tophane, lässt ihn Drogen schmuggeln, in Berliner Kommunen eher halbherzig Revoluzzer spielen und nach einer kleinen Auszeit in der Spießeridylle Göttingen bei der Frankfurter Hausbesetzerszene mitmischen. Inmitten dieser aufgeregten Zeit, in der auch noch die Literatur für tot erklärt wird, geht es Harry Gelb aber eigentlich nur darum ein Schriftsteller zu sein.

Mehr wollte auch Fauser nie sein im Leben, das an jenem ominösen 17. Juli 1987, in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag, nach Suff und Puff und einem bekloppten Spaziergang auf der Autobahn ein viel zu frühes Ende nahm. Sein Freund und Kollege Michael Köhlmeier erinnert sich im schönen Nachwort zur »Rohstoff«-Neuausgabe an sein letztes Gespräch mit ihm. »Wir sind dazu da, um zu schreiben. Zu nichts anderem«, soll er gesagt haben. Er sei wieder mal betrunken gewesen, natürlich, aber »so viel getrunken konnte J. F. in der Nacht gar nicht haben, dass er am nächsten Morgen um acht Uhr nicht am Schreibtisch saß und tat, wozu er auf der Welt war.«

Jörg Fauser bei Diogenes, Zürich 2019: »Rohstoff Elements«, mit einem Nachwort von Jürgen Ploog, 320 Seiten, 24 Euro; »Rohstoff«, mit Nachworten von Michael Köhlmeier und Matthias Penzel, 352 Seiten, 24 Euro; »Das Schlangenmaul«, mit einem Nachwort von Friedrich Ani, 348 Seiten, 24 Euro

Frank Schäfer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 1. Juni 2018 über den Naturwissenschaftler, Aufklärer und Satiriker Georg Christoph Lichtenberg.

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