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Aus: Ausgabe vom 15.07.2019, Seite 16 / Sport
Tour de France

Abteilung Attacke

Nicht soviel rechnen: Julian Alaphilippe fährt Rad wie dazumal und begeistert ganz Frankreich
Von Tom Mustroph
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Top Timing: Die Franzosen Julian Alaphilippe (l.) und Thibaut Pinot siegten pünktlich zum Nationalfeiertag

Frankreich im Freudentaumel: Pünktlich zum Nationalfeiertag streifte sich Julian Alaphilippe aus dem Département Cher das Gelbe Trikot des Führenden der Tour de France über. Der Hobbyschlagzeuger zeigte dabei eine beeindruckende Beinarbeit. Seine Füße traten so heftig in die Pedale, dass ihm auf der achten Etappe am Samstag durch das Zentralmassiv niemand zu folgen vermochte – abgesehen von seinem Landsmann Thibaut Pinot. Aber das beglückte die Gastgeber nur um so mehr. Als »vereinte Heroen« feierte die Sportzeitung L’Équipe das Duo. Pinot durfte sich als Etappenzweiter über wertvolle Sekunden im Gesamtklassement freuen. Alaphilippe wurde zwar nur Tagesdritter, rückte aber wieder auf Gesamtrang eins vor.

Alaphilippe tat das in bekannter Manier: Er attackierte unablässig. »Mir macht Radfahren einfach Spaß. Ich agiere nach Instinkt und rechne nicht soviel«, meinte er nach seinem Coup. Bereits auf der dritten Etappe hatte er sich das Gelb geholt, nach einem ähnlichen Parforceritt, mit Etappensieg sogar. Drei Tage später verlor er das Trikot auf der Planche des Belles Filles. »Ich war gar nicht so traurig darüber, ich hatte alles gegeben, und der Rückstand danach war nur gering. Und ich hatte mir vorgenommen, am Samstag auf dem letzten Berg zu attackieren, um mir das Trikot zurückzuholen. Jetzt ist es phantastisch, es am Nationalfeiertag zu tragen. Ich werde das niemals vergessen«, meinte er.

Alaphilippe knüpft damit an ein exzellentes Frühjahr an. Er gewann Klassiker wie Mailand–Sanremo und den »Wallonischen Pfeil«. Er siegte auch beim Neoklassiker Strade Bianche, einem Lehmstraßenrennen, das Männer mit Mut und Punch belohnt. Vor allem aber begeistert, wie er seine Siege erringt. Meist holt er sie als Solist, schießt explosiv aus dem Feld hervor und kann auch über zehn oder 20 Kilometer nicht eingefangen werden. Er betreibt Radsport in alter Manier, ohne auf Wattzähler zu schielen. Deshalb liebt ihn das Publikum, auch über Frankreich hinaus.

In Alaphilippes Glanze verblasst die starke Anfangsperformance von Team Jumbo-Visma mit dem Etappensieg von Mike Teunissen und dem am Folgetag im Teamzeitfahren verteidigten Gelben Trikot. Überstrahlt wird auch der wechselhafte Auftritt von Titelverteidiger Geraint Thomas. Der Waliser ließ sich erst fünf Sekunden von seinem Teamkollegen Egan Bernal abnehmen, holte sich dann an der Planche des Belles Filles neun Sekunden zurück, war beim Glanzauftritt Alaphilippes am Samstag aber in einen Sturz verwickelt – und froh, ohne große Blessuren und mitten im Hauptfeld ins Ziel gekommen zu sein.

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