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Aus: Ausgabe vom 15.07.2019, Seite 16 / Sport
Tennis

Totes Tennis auf totem Gras

Gott, ist das öde: Simona Halep errennt sich Wimbledon
Von Peer Schmitt
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Es ist zum Heulen: Ballmaschine Simona Halep kann ihr Glück kaum fassen

Wer hätte aber ahnen können, dass die zweite Turnierwoche in Wimbledon noch schlimmer würde als unlängst die French Open. Öde wie totes Gras. Symptomatisch endete das Damenturnier am Samstag dann auch mit dem Sieg von Simona Halep über Serena Williams glatt 6:2, 6:2 in nur 58 ziemlich unerfreulichen Minuten. Die unermüdliche defensive Ballmaschine Halep hat wider alle Wahrscheinlichkeit Wimbledon gewonnen. Wie konnte es zu dieser Apokalypse des Rasentennis kommen?

Da war zum einen ein grob wettbewerbsverzerrender »Draw«. Nach der Auslosung waren so gut wie alle halbwegs kompetenten Rasenspielerinnen der letzten Jahre in der oberen Hälfte des Tableaus versammelt, darunter die Wimbledon-Siegerinnen der letzten fünf Jahre – Serena Williams, Angelique Kerber (in der zweiten Runde ausgeschieden), Petra Kvitova (Achtelfinale) und Garbiñe Muguruza (erste Runde). Zu ihnen gesellte sich die Weltranglistenerste Ashleigh Barty, Siegerin bei den French Open und beim Rasenturnier in Birmingham. Deren Siegesserie von 15 Matches in Folge wurde am Achtelfinalmontag, dem »Manic Monday«, von Alison Riske beendet. Die Rasenspezialistin lieferte dann bei ihrer 4:6-6:4-3:6-Viertelfinalniederlage gegen Serena Williams auch eine der besten Leistungen des Turniers ab.

Gute Matches waren allerdings rar dieses Jahr. Das beste der Damenkonkurrenz fand ausgerechnet in der unterbesetzten unteren Hälfte des Tableaus ebenfalls am Manic Monday statt. Die an drei gesetzte Eastbourne-Siegerin Karolina Pliskova verlor hochfavorisiert gegen ihre 22jährige tschechische Landsfrau Karolina Muchova im dritten Satz mit 11:13. Muchova schlug dann im Viertelfinale gegen Elina Switolina bei 5:4 zum Satzgewinn auf, als sich der Aufwand des Irrsinnsmatches vom Vortag bemerkbar machte. Switolina staubte ab, wie es so ihre Art ist. Bereits in der zweiten Runde stand sie vor dem Aus, als ihre Gegnerin Margarita Gasparjan im zweiten Satz zum Matchgewinn aufschlug, sich während der Aufschlagbewegung aber verletzte und wenig später bei 7:5, 5:6 aufgab.

Ausgesprochen glückliche Umstände hatten Switolina in das erste Major-Halbfinale ihrer Karriere gespült, in dem sie auf Halep traf und mit 1:6, 3:6 chancenlos blieb. Das Spiel war eine Monstrosität endloser Mondball-Marathon-cross-court-Ballwechsel. Mit klassischem Rasentennis hatte es in etwa so viel zu tun wie eine Mondlandung.

Ein Grund dafür liegt im schwer verdaulichen Spielstil von Halep wie Switolina. Andere Gründe waren die in diesem Jahr noch einmal langsameren Plätze und langsamer gemachte Bälle. Der argentinische Spieler Guido Pella brachte es nach seinem verlorenen Viertelfinale gegen Roberto Bautista Agut auf den Punkt: »Der Platz war so langsam, dass es für uns leichter schien, einfach so zu spielen, als wäre es ein Sandplatz.«

Ein entschleunigter, toter Rasen – ein Paradies für die Ballmaschine Halep. Dass in diesem Jahr eine Debütantin im Wimbledon-Finale der Damen stehen würde, war schon nach der ersten Runde klar, weil mit Venus Williams die einzige Wimbledon-Finalistin in der unteren Hälfte des Tableaus gegen die Sensation der ersten Turnierwoche, die 15jährige Qualifikantin Cori Gauff, ausgeschieden war. Dass es Halep sein würde, lag an der Langsamkeit der Plätze und an einem traumhaften Draw. Bezeichnenderweise war es auch Halep, die im Achtelfinale die unerfahrene Gauff lässig abkochte.

Das Finale zwischen der Rumänin und der siebenfachen Wimbledon-Siegerin Serena Williams war dann mehr oder weniger eine Wiederholung des ebenfalls ungenießbaren Finales des Vorjahres, als Williams gegen Angelique Kerber 3:6, 3:6 einging. Nur dass Williams diesmal noch unbeweglicher und unaufmerksamer wirkte. Genau wie im letzten Jahr war sie auf dem Weg ins Finale nur auf eine einzige Spielerin aus den Top 30 getroffen. Es war wie im Vorjahr Julia Görges, diesmal begegneten sie sich allerdings in der dritten Runde und nicht erst im Halbfinale.

Die direkte Bilanz zwischen Williams und Halep lautete vor dem Finale beeindruckend 9:1. Es wurde schnell deutlich, dass Williams abermals dem Druck, mit dem 24. Grand-Slam-Titel im Einzel als »beste Spielerin aller Zeiten« in die Geschichte einzugehen, nicht gewachsen war. Sie stand in drei der letzten fünf Major-Finals und verlor sie alle glatt in zwei Sätzen. Eine für sie ungewöhnlich schlechte Ausbeute. So schlecht wie am letzten Samstag aber hatte sie vermutlich noch nie gespielt – zumindest in einem so bedeutenden Finale. Sie spielte praktisch aus dem Stand. Halep hingegen rannte wie besessen und brachte praktisch jeden Ball zurück, bot unangenehme kurze Winkel und präzise Cross-court-Passierschläge.

Die entscheidende Statistik: Halep spielte nahezu fehlerlos, bei geringem Risiko, drei unerzwungene Fehler im gesamten Match. Williams hingegen beging 26 unerzwungene Fehler – in einem derart kurzen Match eine überwältigende Zahl. Da zudem ihr ansonsten gefürchteter erster Aufschlag am Finaltag überraschend wirkungslos blieb, war sie gegen die Ballmaschine und Marathonläuferin auf der anderen Seite des Netzes chancenlos.

»Ich liebe es zu rennen«, benannte Halep ihr Erfolgsrezept mit korrekter Selbstironie. Sie errannte sich nun den Titel in Wimbledon. Totes Tennis auf totem Gras. In der wirklich verkehrten Welt ist das Falsche ein Moment des Wahren, oder so.

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