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Aus: Ausgabe vom 15.07.2019, Seite 15 / Politisches Buch
»Zickzack der Geschichte«

Ein anderer Name

Kapitulationen und Kompromisse: Spätschriften Jürgen Kuczynskis über den schwierigen Aufstieg neuer Gesellschaftsordnungen
Von Gerhard Feldbauer
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Niederlage der Feudalordnung in ihrer Blütezeit: Am 29. Mai 1176 schlug ein Heer des Lombardischen Städtebundes bei Legnano ein Ritterheer unter der Führung von Kaiser Friedrich I.

Zwei späte Arbeiten des 1997 verstorbenen Wirtschaftshistorikers Jürgen Kuczynski hat Papyrossa in einem Band vorgelegt. Sie bieten zusammen Überblick über 2.000 Jahre Geschichte seit der Antike. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf Aspekten von Ökonomie und Technik, Kunst, Philosophie und Literatur.

Kuczynski beginnt mit dem Befund, dass keine der auf die Sklavenhalterordnung folgenden Gesellschaften sich im ersten Anlauf durchsetzen konnte. Es geht ihm um die Einsicht in einen »Zickzack der Geschichte« und um das, was man den Zeitfaktor nennen könnte. Er regt an, nachzudenken, etwa darüber, dass über Jahrhunderte in Europa mit dem Frankenreich ein geographisch umfassendes Staatsgebilde bestand, das germanische, romanische und slawische Völker einbezog und zur Grundlage der politischen und kulturellen Entwicklung West- und Mitteleuropas, insbesondere Deutschlands und Frankreichs, wurde. Oder über den »Frühkapitalismus«, für dessen »Beginn« die Schlacht bei Legnano nahe Mailand steht, wo am 29. Mai 1176 das Ritterheer von Kaiser Friedrich I. (»Barbarossa«) vom Fußvolk des Lombardischen Städtebundes besiegt wurde.

Auf dem Höhepunkt ihrer Macht erlitt die Feudalordnung hier eine Niederlage, zugefügt vom städtischen Bürgertum, dem Träger der kommenden neuen Gesellschaftsformation, die im Schoße der alten heranreifte. Fortan wirkte »die Klasse, in der die Fortentwicklung der Produktion und des Verkehrs, der Bildung, der sozialen und politischen Institutionen sich verkörpert fand« (Engels), entscheidend auf die sozialökonomische Entwicklung zumindest Norditaliens ein. Die faktisch unabhängigen Städte wurden als »Glanzpunkt des Mittelalters« (Marx) innerhalb der Feudalgesellschaft zum vorwärtsweisenden Element des Geschichtsprozesses, die Kaufleute »die ersten Träger weltlicher Kultur in der Zeit des Feudalismus« (Ku­czynski). Die von ihnen vermittelten Ware-Geld-Beziehungen drängten die Naturalwirtschaft zurück. Literatur und Wissenschaft erlebten eine Blütezeit. Erste Universitäten entstanden, die Dichtkunst gedieh. Walther von der Vogelweide (die »politischen Lieder«), Wolfram von Eschenbach (»Parzival«), Hartmann von der Aue (»Der arme Heinrich«) und Gottfried von Straßburg (»Tristan und Isolde«) ergriffen Partei gegen die feudal-kirchlich-religiöse Auffassung. Ihre Werke beeinflussten alle nachfolgende deutschsprachige Literatur.

Kuczynski hebt hervor, dass der Kapitalismus im Schoß des Feudalismus die Renaissance in Bewegung brachte. Diese Zeit sei »eine der erstaunlichsten in der Geschichte der Menschheit«. Dennoch misslang südlich (und nördlich) der Alpen der Aufbau eines zentralisierten »Königsstaates« und damit die Überwindung der politischen Zersplitterung. Das erzeugte, so Kuczynski, vor allem in den deutschen Kleinstaaten auf allen Ebenen der Gesellschaft »Verfall, Fäulnis, Verwesung. Die Produktivkräfte verkamen, die Produktionsverhältnisse waren verknöchert und bröckelten, der Überbau ächzte«. Kein Wunder, dass die so geschundenen Bauern »so wenig wie möglich leisteten«. Der Deutsche Bauernkrieg löste die Konflikte nicht, trieb aber den historischen Prozess voran. Dann folgte die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges. Die Stagnation löste sich erst zweihundert Jahre später in den bürgerlichen Revolutionen von 1848/49 und dann in Bismarcks »Revolution von oben«.

Kurzum: Der Weg der bürgerlichen Klasse zur politischen Macht war von Niederlagen und Rückschlägen, Fehlentwicklungen, Kapitulationen und Kompromissen gezeichnet. Und er dürfte für die Bourgeoisie weniger problematisch gewesen sein, als es der Weg der Arbeiterklasse zur sozialistischen Revolution ist. Denn eigentlich ging es nur um die Ablösung einer alten Ausbeuterordnung durch eine neue.

Ein Blick auf diesen »Zickzack der Geschichte« hätte den Verantwortlichen in den sozialistischen Ländern des vergangenen Jahrhunderts zeigen können, dass der Aufbau einer neuen Gesellschaft nicht in Jahrzehnten bewältigt werden kann. Man hätte es sich dann vielleicht verkniffen, die These von der Unumkehrbarkeit des Erreichten noch zu Lebzeiten des Imperialismus zu verkünden. Man hätte lernen müssen, in Jahrhunderten zu denken. Einen ähnlichen Zeitraum setzen jedenfalls heute die chinesischen Kommunisten voraus.

Breiten Raum widmet Kuczynski den inneren Widersprüchen, an denen aus seiner Sicht der Sozialismus in der DDR scheiterte. Und er begründet, »warum wir der Idee des Sozialismus treu bleiben«. Nicht nur, »weil wir Marxisten sind, (…) sondern weil wir angesichts der Kenntnis der heutigen gesellschaftlichen Entwicklung wissen, dass nur eine sozialistische Lösung der sozialen Frage in unserer Epoche existiert«. Und diese Gesellschaftsformation werde, »wenn auch wohl unter einem anderen Namen (…), den Sieg davontragen«. Darauf zielt auch der Titel »Asche für Phönix«, mit dem Kuczynski der Gewissheit Ausdruck gibt, dass der Sozialismus aus seiner Asche hervorsteigen wird. Und dass das, da der Epochenwechsel bereits begonnen hat, keine 500 Jahre mehr dauern wird.

Jürgen Kuczynski: Asche für Phönix oder: Vom Zickzack der Geschichte. Aufstieg, Untergang und Wiederkehr neuer Gesellschaftsordnungen. Papyrossa, Köln 2019, 214 Seiten, 14,90 Euro

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