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Aus: Ausgabe vom 15.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Festival

Regler auf Wahnsinn

Nicht nur für Hippies: Das Burg-Herzberg-Festival vom 25. bis 28. Juli
Von Thomas Behlert
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Zurück zu den Wurzeln: Das Burg-Herzberg-Festival bietet viel krautige, psychedelische und anderweitig verwirrende Musik

Es ist nicht einfach, im Wust der kommenden Festivals ein ganz besonderes zu entdecken. Doch das am Fuße der Herzberger Burg stattfindende (Hippie-)Festival ist immer einen Text wert. Jetzt gehen die Veranstalter ins 51. Jahr und freuen sich weiterhin wie Bolle, dass sie damit alle Altersgruppen ansprechen. Wer auf dem großen Zeltgelände gezeugt wurde, reist mittlerweile mit eigener Familie an und tanzt noch verrückter nach psychedelischen Klängen, Blues und hartem Rock ’n’ Roll.

In diesem Jahr haben die Veranstalter zurück zu den Wurzeln gefunden, stellen alles unter das Motto »Stardust We Are« und bringen viele Helden vergangener Jahre auf die Bühnen. So darf man Graham Nash bewundern, Chris Robinson Brotherhood, die Progressivrocker Riverside, Love Machine und die seit 1998 mit hartem instrumentalen Rock für Verwirrung sorgenden Rotor. Die Hardrocker UFO sind auf Abschiedstour und wollen im hessischen Land noch einmal zeigen, dass man sie nie nur auf den Hit »Doctor, Doctor« reduzieren konnte. Hier gilt es für das Publikum, ihren zahlreich mitgebrachten Kindern einen ordentlichen Ohrschutz zu verpassen, denn die Briten werden kein Erbarmen haben und alle Regler auf Wahnsinn drehen.

An die Zeit des Krautrocks, der schwer duftenden Rauchutensilien und ewiglangen und verschrobelt-genialen Songs erinnern Jane und Embryo. Berauschende Bläser präsentieren die vielen Musiker von der Band Meute, die die Aussage »Mit Pauken und Trompeten« ganz neu definieren und einen direkten Überfall auf die Hippiegemeinde planen. Blues und Rock ’n’ Roll spielen Otis mit ganzer Macht, und Sophie Hunger mit geschlossenen Augen und an die Träume der traurigen Mitmenschen denkend, minimalistischen, elektronisch verzauberten Folk.

Neben der »Freakstage« und der »Mainstage« steht auch eine Lesebühne bereit, die nicht zuletzt für Kinder offen ist und dem diskursstarken Berthold Seliger oder Michael Fuchs-Gamböck einen Platz zum Lautlesen bietet. Samstag mittag, zu bester Schlafenszeit (12 Uhr), wird sich ein typisches Bild bieten: Diverse Festivalbesucher werden mit ihren Gitarren über das Gelände irren, um begierig Neues vom »Gitarrenlehrer der Nation«, von Peter Bursch, zu lernen.

Keinesfalls vergessen dürfen die Besucher den Schweizer DJ Electric, der Sonntag morgen für das Morgentanzritual in die aufgehende Sonne Musik nicht alltäglicher Prägung bereithält und viel krautige, psychedelische und anderweitig verwirrende Songs auflegt. Das Burg-Herzberg-Festival ist nämlich einfach dazu da, den beschissenen Alltag auszublenden. Vier Tage lang sollen all die schlechten Erinnerungen vergessen werden, wird den lieblichen Ordnern freundlich auf die breiten Schultern geklopft, sich internationales Essen und heimisches Bier einverleibt, großartige Rauchwolken eingeatmet und der Regen höflich gebeten, sich gefälligst auf die umliegenden Felder zu verziehen.

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