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Aus: Ausgabe vom 15.07.2019, Seite 7 / Ausland

Kochen für mindestens 20 Leute

Tag 4 (30. Juni 2019). An Bord der »Open Arms«
Von Valerio Nicolosi, TPI
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Zum Glück noch nicht beschlagnahmt: Die »Open Arms« kann weiterhin nach Menschen in Not suchen und diese retten

Antonella, eine 28jährige Argentinierin, schrieb vor drei Jahren zum ersten Mal an die Hilfsorganisation Proactiva Open Arms. »Ich bin Krankenschwester und Nothelferin mit der Erlaubnis zur Rettung auf See. Hier zu sein ist für mich die Erfüllung eines Traumes«, erzählt sie mir. Sie arbeitete damals in einem Krankenhaus in Buenos Aires, hatte zu jener Zeit aber noch keine Möglichkeit, zu reisen.

»Ich habe nach und nach das Geld zusammengespart und bin nach Europa gekommen. Die ersten zwei Monate arbeitete ich an Bord der ›Astral‹, des Segelschiffes der Proactiva Open Arms. Die Organisation hat mich aufgenommen wie ein Familienmitglied, und ich bin nicht mehr weggegangen. Dann kam der Einsatz, und als sie mich fragten, ob ich als Nothelferin an Bord gehen wolle, war ich froh darüber.«

In Argentinien kämen die Nachrichten nur sehr gefiltert an, berichtet sie. »Ich hätte nie gedacht, dass hier Krieg geführt wird gegen diejenigen, die auf See Menschenleben retten. Das ist eine Schande. Wir begehen kein Verbrechen, und ich verstehe nicht, warum die Regierungen so handeln.«

Für einen Italiener ist es schwer zu erklären, was hier vor sich geht. Ich sage ihr, dass sich der Hass in den letzten Jahren gegen die Migranten richtete und dass die NGOs als Sündenböcke für eine unaufhörliche Propaganda herhalten müssen. Antonella ist perplex, vor allem, weil sie nicht weiß, was uns bei einer eventuellen Rettungsaktion erwartet.

Sie hat Küchendienst und hilft Saverio, dem Schiffskoch. Ich sollte besser schreiben: Sie redet mit ihm, denn für ihn ist es eine Leichtigkeit, für 20 Personen zu kochen. »Wenn du daran gewöhnt bist, in Restaurants zu arbeiten, dann ist es wirklich leicht, diese wenigen Personen zu versorgen«, sagt er zu Antonella. »Wenn du mir also Gesellschaft leistest und abwäschst, dann ist das mehr als in Ordnung.«

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Vom Restaurant in die Bordküche: Saverio sorgt für die Versorgung der 20köpfigen Mannschaft und der Schiffbrüchigen

Saverio stammt aus Rom. Nach der Schule begann er, als Koch zu arbeiten, und war sozial und politisch aktiv. »Hier bin ich durch Zufall. Eines Abends fragte mich ein befreundeter Koch, ob ich mich einschiffen würde. Ich habe zugesagt, obwohl ich nicht genau wusste, was mich erwartete.« Der befreundete Koch war Lorenzo Leonetti, der früher einmal Schiffskoch auf der »Astral« war. »Ich hatte gerade in dem Restaurant aufgehört, in dem ich seit Jahren gearbeitet hatte und dessen Teilhaber ich war. Es war der Moment für eine Pause.« Saverio beschloss, diese Pause der spanischen NGO zur Verfügung zu stellen und für die Besatzung und, im Falle einer Rettungsaktion, für die Schiffbrüchigen zu kochen.

Unterdessen kommen über die »sozialen Medien« viele Botschaften an. Die einen unterstützen, die anderen beschimpfen uns. Über letztere lachen wir nur, aber ich nutze die Gelegenheit, ihn zu fragen: »Du weißt aber, dass sie dir, wenn du an Land gehst oder auch früher, sagen werden, dass du ein Salonradikaler bist, den sein Leben langweilt? Oder ein Freund von Soros, und dass du dafür, dass du an Bord gegangen bist, eine Menge Geld bekommen hast?« Seine Antwort ist so direkt, dass sie mich überrascht: »Ehrlich gesagt macht mir das überhaupt nichts aus, und ich glaube, denen, die mich kennen, habe ich bewiesen, dass das nicht stimmt. Aber wirklich, es kümmert mich einen Dreck.«

Saverios Küche ist optimal, sowohl für Fleischesser als auch für Vegetarier. Bei einem Einsatz, der lange zu dauern droht, ist es nicht schlecht, zwei warme Mahlzeiten am Tag zu bekommen.

Unterdessen nimmt das Schiff weiter Kurs gen Süden. An Bord setzen wir die Übungen und die Besprechungen fort, um uns über alle möglichen Rettungseinsätze und die Möglichkeiten der Erstaufnahme auf der Brücke klarzuwerden.

Jetzt, da man die Schiffe der Sea-Watch und der Mediterranea beschlagnahmt hat, kommen Menschen im zen­tralen Mittelmeer ums Leben, ohne von den Organisationen, die die Menschenrechte verteidigen, gesehen zu werden. Darum ist es für uns so wichtig, in die Such- und Rettungszone zu gelangen und dort zu patrouillieren.

Übersetzung: Christiane Barckhausen-Canale

Unser Autor berichtet von Bord der »Open Arms«, die im Mittelmeer unterwegs ist, um Menschen zu retten. Seine Beiträge für das italienische Onlineportal The Post International übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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