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Aus: Ausgabe vom 15.07.2019, Seite 4 / Inland
Wahlkampf in Brandenburg

Das Landei hat Bock

Manchmal sogar eine Botschaft: Eindrücke vom Wahlkampf in Brandenburg
Von Matthias Krauß
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Hat den Sekt dabei: Björn Höcke beim Wahlkampfauftakt der Brandenburger AfD am Samstag in Cottbus

Sinnend geh’ ich durch den Garten unsrer deutschen Politik: So beginnt ein schönes Tucholsky-Gedicht. In Brandenburg wirft die Landtagswahl ihre Schatten voraus – bislang vor allem in Gestalt von Wahlplakaten. Kaum haben die Nachzügler und Säumigen die Laternenpfähle von verblasster Wahlwerbung für die EU- und Kommunalwahl befreit, hängen die politischen Werbebotschaften der nächsten Wahl bereit – wenn man denn so wohlwollend urteilen und von »Botschaften« sprechen mag.

Die AfD hat am Samstag ihren Wahlkampf offiziell eröffnet. Unter dem Motto »Vollende die Wende« trat Spitzenkandidat Andreas Kalbitz bei einem »Volksfest« vor der Stadthalle in Cottbus zusammen mit dem Thüringer Landeschef Björn Höcke auf. Auch Parteichef Jörg Meuthen schaute vorbei und versicherte, die Partei stehe keineswegs vor der Spaltung. Meuthen war schon wieder abgereist, als Höcke mit Verspätung in Cottbus eintraf. Der wurde auf dem Platz vor der Stadthalle mit Jubelrufen und Sprechchören empfangen. In Potsdam dagegen halten die AfDler noch Ruhe. Ihre Wahlwerbung hängt spärlich – ein einziges Plakat begegnet mir auf dem Arbeitsweg. Dort werde ich aufgefordert, »Geschichte zu schreiben«. Na ja, Geschichte wurde in Potsdam auch 1914 und 1933 geschrieben. Da soll es jetzt wohl wieder einmal soweit sein.

Andere waren schon viel fleißiger. Mit Abstand die meisten Plakate hat die SPD gehängt, so als könne sie den Wahltag kaum erwarten. Die seit 30 Jahren regierende »Brandenburgpartei« will natürlich nach der Landtagswahl am 1. September weitermachen und wirbt mit einem Plakat, das eine kurze, heftige Beschwörung ausstößt: »Ein Brandenburg« steht darauf. Mehr nicht? Das lässt mich etwas ratlos zurück. Der schöne Satz von François Mauriac fällt mir ein: »Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich froh bin, dass es zwei davon gibt.«

Die CDU bockt. Also: Sie »hat Bock«, und zwar auf Brandenburg. Das ist die große Botschaft ihres Spitzendkandidaten Ingo Senftleben. Und dann verrät er noch, dass er ein »Landei« sei. Man mag sich ja gar nicht den durchschnittlichen CDU-Wähler vorstellen, aber will der wirklich so angesprochen werden? Seit Rezo die CDU auf Trab gebracht hat, zappelt sie ganz wild in den Seilen. Als »Ihr Fels in der Brandenburg« präsentiert sich der lokale CDU-Kandidat. Warum eigentlich, wenn eh alles geht, nicht »Fels in der Brandenburg«?

Die FDP bleibt vernünftig: »Jetzt wieder verfügbar – Vernunft«, behauptet Spitzenkandidat Hans-Peter Goetz. Fünf Jahre war seine Partei nicht im Landtag, jetzt will sie endlich wieder Lobbypolitik für die Gutverdiener machen. »Wirtschaft bekommt wieder einen Partner«, droht sie andernorts. Und: »Brandenburg wächst mit seinen Menschen.« Da ja die meisten Regionen Brandenburgs nach wie vor Einwohner verlieren: Stimmt der Satz auch mit »schrumpft«?

Die Grünen bieten Inhalte an, das kann man nicht anders sagen. Nachdem sie einst mit Angriffskrieg, Hartz IV, Steuersenkung für die Reichen und Entschärfung der Bankenkontrolle ihren Beitrag zu den Katastrophen der letzten Jahrzehnte geleistet hatten, waren sie zwischen Elbe und Oder lange marginalisiert. Inzwischen aber – Greta sei Dank – geht es in Umfragen für sie wieder aufwärts. Seltsam beschwingt heißt es auf ihren Wahlplakaten »Hallo, Pflege – Tschüs, Notstand«, »Hallo, Klima – Tschüs, Braunkohle«, »Hallo, Bahn – Tschüs, Frust«. Offenbar fahren die brandenburgischen Grünen nicht mit der Bahn.

Es gibt auch neue Trends. Die traditionelle Verbundenheit der Linkspartei mit der Bolschewistenfarbe Rot ist zumindest in Brandenburg passé. Die »neuen Linken« hüllen sich auf ihren Wahlplakaten in Pastellfarben. Themenfreudig sind sie: Ost, Bahn, Arzt, Team, Bus, Lohn, Wohn und Wut – alles kommt vor. Nur »Kita« und »Biene« durchbrechen diese Einsilbigkeit auf den kleinen Quadraten. Auf den großen Aufstellern steht »Freiheit«, »Osten« und »Zuhause«. Näheres dann im Kleingedruckten.

Das Ergebnis der Brandenburg-Wahl am 1. September ist immer weniger kalkulierbar. Weil vier, vielleicht sogar fünf Parteien in den Umfragen fast gleichauf liegen, könnten schon 20 Prozent reichen, um die meisten Stimmen in einem Wahlkreis zu erreichen. Früher waren 30 oder gar 40 Prozent erforderlich, um ein Direktmandat zu erobern. Solche »Gewinner«, die von der großen Mehrheit in ihrem Wahlkreis gar nicht gewählt wurden, werden den Landtag bevölkern und – merkwürdig genug – den »Volkswillen« repräsentieren. Na dann, auf geht’s.

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