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Aus: Ausgabe vom 15.07.2019, Seite 2 / Inland
Schiffbrüchige im Mittelmeer

Retten und zurückbringen

FDP-Chef Lindner will »illegale Migration« reduzieren. Seemannsmission: Reedereien meiden Seegebiet
Von Kristian Stemmler
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Versorgungsgüter an Bord: Das Rettungsschiff »Topaz Responder« vor der libyschen Küste (18.6.2016)

In der Debatte über die Seenotrettung im Mittelmeer hat sich FDP-Chef Christian Lindner dafür ausgesprochen, gerettete Flüchtlinge an die nordafrikanische Küste zurückzubringen. Notwendig sei eine Seenotrettung in staatlicher Hand, die Migranten »aber nicht nach Europa bringt, sondern zunächst an den Ausgangspunkt der jeweiligen Reise«, sagte Lindner am Sonntag den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Unterlassene Hilfeleistung sei nicht zu rechtfertigen, auf der anderen Seite dürfe es »keine Beihilfe zur Schlepperkriminalität bei Wirtschaftsmigranten« geben.

Der FDP-Chef plädierte dafür, mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in Nordafrika »menschenwürdige Unterbringungsmöglichkeiten« und »legale Fluchtwege« zu schaffen. Die deutsche Einwanderungspolitik müsse geändert, die »illegale Migration« reduziert werden. »Leider geht bei uns alles durcheinander: Jeder, der auf dem Seeweg nach Europa kommt, wird als Flüchtling bezeichnet«, erklärte der Liberale. Man müsse »der Wahrheit ins Auge blicken, dass darunter auch nicht verfolgte Wirtschaftsmigranten sind, die keine legale Bleibemöglichkeit haben«.

Unterdessen hat die Deutsche Seemannsmission darauf hingewiesen, dass die Handelsschiffahrt auf dem Mittelmeer in großen Teilen ihre Routen geändert hat, um Flüchtlingswege zu umfahren. »Die Reedereien nehmen die Kosten von längeren Routen in Kauf, um sich nicht dem Vorwurf der indirekten Schlepperhilfe auszusetzen«, sagte Seemannsdiakon Markus Schildhauer dem Evangelischen Pressedienst (epd). Vor allem Italien, das die Seenotrettung kriminalisiere, trage dazu bei, dass die Reedereien Begegnungen mit Flüchtlingsschiffen vermieden.

Einen weiteren Grund sieht Schildhauer, der das Seemannsheim der Deutschen Seemannsmission im ägyptischen Alexandria leitet, in negativen Erfahrungen. Eine Reihe von Frachtschiffen habe versucht, Flüchtlinge aufzunehmen. Dabei hätten Schiffsbesatzungen erleben müssen, wie die von den Strapazen der Flucht erschöpften Menschen keine Kraft mehr hatten, die hohen Schiffswände zu erklimmen, wie Boote kenterten, ohne dass die Seeleute Hilfe leisten konnten. »Ich habe sehr traumatisierte Seeleute erlebt«, sagte Schildhauer.

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