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Aus: Ausgabe vom 13.07.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die Wahrheit über Hans Traxler

Die Welt weiß, was zu tun ist: Eine Laudatio zum Neunzigsten!
Von Thomas Gsella
Bild 1: »Aber unter welchem Hügel ist nun Alberts Bau? Die sehen ja alle so gleich aus.«
Bild 2: »Da hilft alles nichts. Er wird Albert finden, und wenn er jeden Hügel aufgraben muss.«
Bild 3: »Der gute Mond scheint auf Franz, der da wie besessen schaufelt und schaufelt und schaufelt, bis ihn die Kräfte verlassen. Nur einen Moment will er sich ausruhen und dann weitermachen. Er setzt sich in den Schnee und ist im nächsten Moment eingeschlafen. Langsam fängt es wieder an zu schneien.«
Bild 4: »Mitten in der Nacht ist der Vater aufgewacht. Er steigt auf den Speicher und horcht an der Klavierkiste. Es ist totenstill, und die Kiste ist leer.«
Bild 5: »Franz ist verschwunden. Wir müssen ihn suchen!« »Ich geb’ den Nachbarn Bescheid«, sagt die Mutter ruhig. Aber sie ist ganz blass.

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um die Laudatio, die Thomas Gsella am 26. Mai 2019 bei der Eröffnung der Ausstellung »Hans Traxler – zum Neunzigsten« im Caricatura Museum Frankfurt am Main gehalten hat. (jW)

Alle Lexika und Suchmaschinen sind sich darin einig, dass drei Ereignisse die Entwicklung der Menschheit besonders befördert haben. a) Vor einer Million Jahren gelang es dem Homo erectus erstmals, Feuer zu machen und zu kontrollieren. b) Vor 140 Jahren erfand Thomas A. Edison die erste massenproduktionstaugliche Glühbirne. c) Am 21. Mai 1929 wird im damals westböhmischen Örtchen Herrlich ein Junge namens Hans Traxler geboren. Weil er sich bereits im Mutterleib alle Formen und Farben seiner Umgebung genauestens ansah und einprägte, beginnt er gleich nach der Geburt nach der Natur zu zeichnen und leichthin über sie hinaus und hat, darauf deuten alle Indizien, bis heute nicht damit aufgehört. Im Gegenteil: An jedem neuen Tag seines Lebens zeichnet er mehr als am jüngst vergangenen. Inzwischen entstehen monatlich etwa 3,7 Bücher, eines epochaler und verzaubernder als das andere. Ein Monolith und Monument der Zeichenkunst ist da am Werk, ein quietschfideles dazu, und als wäre seine bloße Existenz nicht Festanlass und Freude genug, wurde dieses Monument vor fünf Tagen, nein: nicht fünf Jahre alt, auch nicht 50 und nicht 60, auch nicht 70, nicht 75 und nicht einmal 80, sondern: 90.

Ja, ein Monument wird 90. Es in den Himmel zu loben, sind wir heute hier – ein goldrichtiges, wenn auch nicht allzu originelles Ansinnen. Von Hans Traxlers Kunst eine himmelhohe Meinung zu haben ist nämlich so unerhört wie die Feststellung, Igor Levit oder Messi spielten gar nicht mal schlecht Klavier oder Fußball: Die Welt weiß das. Und sie weiß auch, was zu tun ist. Zu Hunderttausenden kauft und verschlingt sie Hans Traxlers Bücher, also nicht mit kampfbereiten Augenbrauen und gekräuselten Lippen, die zögernd und möglichst halblöffelweise abschmecken. Sondern die Welt zieht Badezeug an und hüpft in den Teller, um naschend und trinkend in ihm herumzuplanschen und sich die Komik schmecken und die Pointen auf den Bauch scheinen zu lassen.

Was dem Laudator also zu lüften bleibt, ist kein dunkles Geheimnis, aber doch diese helle Wahrheit: Ja, stimmt, ihr alle habt recht, Hans Traxlers Kunst ist toll. Sie erfreut und begeistert, berührt und belehrt, erregt und beruhigt, entgeht dem Menschenfeind und tröstet den Menschenfreund, schmeichelt der klugen Frau und bessert und rettet, wer weiß, so manchen Blödmann.

Ein kleinerer Blödmann war vielleicht auch ich, als ich Anfang der 80er Jahre die Titanic entdeckte und ihren Mitbegründer Hans Traxler. Denn viel zu lange, ein paar Jahre waren es wohl, quälte mich damals eine ganz unnötige Frage. Sie lautete: Wie kann es sein, dass dieser groß- und einzigartige Zeichner und Maler, der übrigens, und nicht nur für meinen Geschmack, sich viel zu rar machte in der Titanic (damals wusste ich nicht, dass er vor allem für Die Zeit, SZ und FAZ zeichnete); aber wenn er sich dann mal dazu niederließ, in der Titanic aufzutauchen und aufzuleuchten, war es immer ein Hammer, ein heilsgeschichtliches und aber mindestens globales Ereignis: »Ooaahh! Ein Traxler-Titel!« »Hier, guckt, illus­triert von Traxler!« Aber wie, so meine Frage, konnte es sein, dass dieser Herr Zeichner so großartig: schrieb?

Oder, anders gefragt: Was mischte der sich da ein? Der Neid auf das Können und den Erfolg des anderen genießt, zumal innerhalb einer grundsolidarischen Künstlergruppe wie der Neuen Frankfurter Schule, einen miserablen Ruf, und so war auch ich nicht ein Jota neidisch, als ich dann als Autor und Redakteur der Titanic mitbekam, dass Hans Traxlers erstes Buch, das parodistische und sagenhaft komische Prosawerk »Die Wahrheit über Hänsel und Gretel«, das 1963 erschienen war und offenbar immer wieder erschien und in immer neuen Auflagen bis heute erscheint mit einer verkauften, welche die Gesamtbuchverkaufszahl so manch anderer hier und heute versammelten Künstlerinnen und Künstler fast noch etwas kleiner erscheinen lässt, als sie ja eh schon ist – nein, all das hatte mit Neid so wenig zu tun wie Brot mit Mehl, es war vielmehr ein reines und doch unbändig starkes Sofort-auch-Haben-Wollen.

Inzwischen glaube ich die Antwort auf jene Frage zu kennen. Hans Traxler schreibt so ausgezeichnet, weil er schreibt, wie er zeichnet: Strich für Strich, Wort für Wort genau, mit klarer Linie und vollkommen stimmigen und triftigen Geschichten, Konturen, Farben, Gesamtkompositionen und Detailtonsätzen, dafür ohne jedes eitle oder sonstwie störende Beiwerk und derart fehlerlos, dass das Gezeichnete und zeichnerisch Geschriebene die Frage, ob denn alles so richtig sei, sozusagen verhütet: Sie kommt nicht zur Welt. Weil eben rein nichts den Eindruck macht, es wäre anders vielleicht besser geworden. Schon vor Jahren schrieb F. W. Bernstein: »Dass Hans es so gut kann, sieht man auch daran, dass man es gar nicht merkt, weil man in aller Deutlichkeit und Klarheit stets den Inhalt, die Story, die Pointe wahrnimmt; Technik und Form gehen darin auf.« Bernsteins Worte lobten Traxlers Bilder und passen, Wort für Wort, auch auf seine Texte.

»Die Wahrheit über Hänsel und Gretel«, Sie merken, ich komme nicht drüber hinweg, erschien, wie gesagt, 1963. O Gott: Wie gut sollen Traxlers Künste denn bitte heute sein, 56 überaus erfüllte Berufsjahre später? Nun ja: Natürlich haben sie das logisch Unmachbare gemacht und sind einfach noch mal besser geworden. Etwa alle zehn Jahre haben sie ihre Perfektion noch mal exponentiell perfektioniert, ein wie gesagt logisches und materielles Unding, aber warum sollte ein Traxler sich an irdische Gepflogenheiten oder gar Naturgesetze halten?

Darum kann ich Ihnen auch keinen Beleg liefern für meine unhaltbare These, dass Traxler früher kein bisschen schlechter war und heute trotzdem noch besser ist und morgen noch, noch besser sein wird; stimmen tut sie aber. Also verschlingen Sie nebst allen seinen älteren Werken selbstverständlich auch seine jüngste und sehr komische Neuerzählung der biblischen Geschichte »Das Wunder von Anning«, seine Kindheitserinnerungen »Mama, warum bin ich kein Huhn?«, beide kürzlich erschienen; und Sie verschlingen selbstverständlich auch mein Lieblingsbuch mit meiner Traxler-Lieblingsstelle. Das Buch heißt »Franz, der Junge, der ein Murmeltier sein wollte«, erschien 2009 und ist seit 2016 enthalten in der bei Insel verlegten »Alpentrilogie«.

Es geht um die Freundschaft zwischen Franz und dem Murmeltier Albert, die sich einen Sommer lang kennenlernen und anfreunden (und der Kürze halber tu ich gleich, was man mit Traxlers Bildern nicht tut: ich überspringe einige), aber dann kommen der Winter und der Schnee. Franz befürchtet, Albert sei eingeschneit und müsse sterben. Zwar erklären ihm seine Eltern, die aussehen wie Sabeeka und Hansi Well, in deren Gartenhaus Inge und Hans Traxler seit Jahren übersommern, auch die gemalte und die echte Küche mögen sich kaum auseinanderhalten – die Eltern also erklären Franz den Winterschlaf mit seiner reduzierten Herz- und Atemfrequenz. Als auch Franz sich in eine alte Klavierkiste auf dem Speicher zum Winterschlaf zurückziehen will und wiederholt an Luftnot scheitert, mag er seinen Eltern nicht mehr recht glauben und macht sich nachts auf den Weg zum Freund, um ihm, wer weiß, zu helfen. Und jetzt meine Lieblingsstelle, und da bin ich mucksmäuschenstill und lasse Hans Traxler sprechen:

»Aber unter welchem Hügel ist nun Alberts Bau? Die sehen ja alle so gleich aus.« (Bild 1)

»Da hilft alles nichts. Er wird Albert finden, und wenn er jeden Hügel aufgraben muss.« (Bild 2)

»Der gute Mond scheint auf Franz, der da wie besessen schaufelt und schaufelt und schaufelt, bis ihn die Kräfte verlassen. Nur einen Moment will er sich ausruhen und dann weitermachen. Er setzt sich in den Schnee und ist im nächsten Moment eingeschlafen. Langsam fängt es wieder an zu schneien.« (Bild 3)

»Mitten in der Nacht ist der Vater aufgewacht. Er steigt auf den Speicher und horcht an der Klavierkiste. Es ist totenstill, und die Kiste ist leer.« (Bild 4)

»Franz ist verschwunden. Wir müssen ihn suchen!« »Ich geb’ den Nachbarn Bescheid«, sagt die Mutter ruhig. Aber sie ist ganz blass. (Bild 5)

So viel Mensch in so wenig Worten, so viel Welt in so wenig Bildern; und natürlich wird Franz rechtzeitig gefunden.

*

Da passt jede Farbe, da sticht jeder Strich,

Ein Himmel für Pinsel und Feder.

Das ist eine Gabe, die hat jeder nich.

Doch ist ein Hans Traxler nich jeder.

*

Er zeichnet Gemälde. Und schaust du eins an,

Dann schaut es zurück. Und es sieht dich.

Es sieht dich und sagt dir: So, jetzt bist du dran,

Und nimmt deine Hände und zieht dich

*

Mit einem Ruck kopfüber in sich hinein,

Dich Glückspilz, denn nichts ist dir lieber,

Als mitten in diesen Gemälden zu sein.

So drehst du dich langsam fußüber

*

Und streunst in den Bergen und Welten umher

Voll Traxlerscher Farben und Dinge

Und Leute und Tiere. Dann kommst du ans Meer.

Und an seinem Ufer sitzt Inge.

*

Sie heißt dich willkommen, ihr trinkt einen Schluck,

Und nie war gelassen so heiter.

Doch pötzlich, als wär dir selbst das nicht genug,

Schiebt Inge dich raus: »Du musst weiter.«

*

Wie wahr. Denn schon lockt ja ein weiteres Bild.

Doch Vorsicht! Wie oft hört man sagen:

Der Hunger auf Traxler wird falschrum gestillt –

Je voller, je mehr knurrt der Magen.

*

Als ob vielleicht »falschrum« das Zauberwort wär,

Ist vieles vertauscht und verschoben.

Wie lustig der Ernst! Und das Leichte: Wie schwer!

Wie zwiespältig unten und oben!

*

Wie mühsam die andere Welt ist und ganz

Beschwerlich, ein Steilhang, für Kraxler;

Wie herrlich hingegen die Welt von dem Hans,

Geboren in Herrlich: Hans Traxler!

*

Am Schluss möchte ich Herrn Traxler noch einen beruflichen Tip geben. Als er mir die Ehre antrug, sein Lobredner sein zu wollen, schaute ich in meinen stets prallst gefüllten Lesungskalender und rief »Hui, das würde recht knapp! Am Vorabend bin ich Juror in Übersee, nein, halt, hier steht’s: in Menden/Sauerland, beim ›Großen Dinggang‹, ein nach einem Bernstein-Gedicht benannter Wettbewerb für Komische Lyrik. Die Preisfeier, lieber Herr Traxler, dauert bis dreivier Uhr morgens, da hätte ich also nur vier Stunden Schlaf und eine gleichlange Autofahrt vor mir, ich könnte meine liebe Frau zwar bitten zu fahren, aber ...«

»Herr Gsella«, sagte Herr Traxler, und nie klang jemand unbeeindruckter, »Sie schaffen das. Sie sind jung.«

Er hat recht. Ich bin jung, jedenfalls heute. Hans Traxler zu ehren macht nämlich jung, und aus Dank möchte ich ihm raten: Lieber Hans Traxler, schicken Sie doch auch mal was Gereimtes ins Sauerland! Unter die letzten zehn, zwanzig hätten Sie’s womöglich geschafft! Vielleicht mit einem Ihrer gereimten Klassiker? »Karl Marx in London« zum Beispiel:

*

»Marx, wie man weiß, der hatte mal

nen Hang zum Küchenpersonal.

So sah Frau Marx bald voller Wehmut

den Flirt von Karl mit Lenchen Demuth.

Mein liebes Weib, ruft Marx, ich seh se

doch nur als deine Antithese!

So elegant verwissenschaftet

hat auch Frau Marx den Fall verkraftet,

und alles endet äußerst schicklich.

Auch die Partei ist überglücklich!«

*

Und überglücklich sind auch Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, weil Ihr Rundgang nun endlich beginnen kann. Vielen Dank.

Thomas Gsella, Jahrgang 1958, ist Dichter und Schriftsteller, vor allem komischer. Er war viele Jahre lang Redakteur und von 2005 bis 2008 Chefredakteur des Frankfurter Satiremagazins Titanic, aber auch sonst nicht faul: Mit seinen Gedichten und Geschichten bereichert er WDR, SWR und alle führenden deutschsprachigen Printmedien, seit kurzem auch junge Welt. Daneben veröffentlicht er fleißig Bücher, zuletzt »Personenkontrolle. Leute von heute in lichten Gedichten« (Kunstmann). Dafür gab es natürlich auch Preise, zum Beispiel den Robert-Gernhardt-Preis 2011.

Hans Traxler, Jahrgang 1929, ist das, was man eine lebende Legende nennt. Der Maler, Zeichner und Schriftsteller arbeitete zu dessen besten Zeiten beim Satiremagazin Pardon und gründete mit den anderen Größen der Neuen Frankfurter Schule (u. a. Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt, F. W. Bernstein) 1979 das Satiremagazin Titanic. Robert Gernhardt nannte ihn zu Recht einen »Cartoonisten der Weltklasse«, Traxlers Porträts von Helmut Kohl als »Birne« sind ein Teil deutscher Kulturgeschichte. Zu den bekanntesten seiner unzähligen Werke zählen »Die Wahrheit über Hänsel und Gretel« (als Georg Ossegg, 1963) und »Birne. Das Buch zum Kanzler« (mit Peter Knorr, 1983). Zuletzt erschien »Mama, warum bin ich kein Huhn? Kindheitserinnerungen« (Insel). Für sein Schaffen gab es natürlich auch Preise, etwa den Göttinger Elch (2006) und die Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main (2014).

»Hans Traxler zum Neunzigsten«, Caricatura-Museum Frankfurt, noch bis 22. September 2019

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