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Aus: Ausgabe vom 13.07.2019, Seite 15 / Geschichte
Mittelamerika

Krieg in Mittelamerika

Vor 50 Jahren griff die Armee El Salvadors das Nachbarland Honduras ohne Kriegserklärung an
Von Frederic Schnatterer
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Honduranische Frauen auf der Flucht vor den Angriffen der Luftwaffe El Salvadors (Ocotepeque, Juli 1969)

Vor 50 Jahren begann in Mittelamerika ein in anderen Teilen der Welt wenig beachteter Krieg. Am Abend des 14. Juli 1969 flog El Salvadors Luftwaffe Angriffe auf die Militärflughäfen des Nachbarlandes Honduras. Bodentruppen rückten über die Grenze vor. Honduras antwortete am nächsten Tag mit Angriffen aus der Luft, am Boden konnte die unterlegene honduranische Armee den Angriffen wenig entgegensetzen. Bis zum von der Organisation Amerikanischer Staaten am 18. Juli durchgesetzten Waffenstillstand drangen die salvadorianischen Truppen weit in das Nachbarland ein, mussten sich dann allerdings wieder zurückziehen. Der Krieg, der als »Fußballkrieg« bzw. als »Krieg der hundert Stunden« in die Geschichte einging, forderte etwa 3.000 Tote und 6.000 Verletzte. Doch seine Ursachen liegen weder im Fußball, noch lässt sich seine Dauer auf hundert Stunden reduzieren.

Landkonflikte

Das mit etwa 21.000 Quadratkilometern Fläche kleine El Salvador liegt an der Pazifikküste und ist geprägt von Vulkanen, fruchtbaren Tälern und zur Küste abfallenden weiten Ebenen. Die spanischen Kolonisatoren, die weder Gold noch Silber fanden, konzentrierten sich schon früh auf die Ausbeutung indigener Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Ab dem 20. Jahrhundert entwickelte sich die Kaffeeproduktion zum wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes. Die fruchtbaren Täler boten beste Voraussetzungen für den Anbau von Kaffee, die steigende Nachfrage in der westlichen Welt versprach den Großgrundbesitzern hohen Umsatz. Der Bedarf an Boden und billigen Arbeitskräften steigerte sich rasant. Es kam zu einer extremen Konzentration von Land in den Händen weniger. 1965 besaßen zwei Prozent der Bevölkerung 60 Prozent des Bodens, nur elf Prozent befanden sich in den Händen von Bauern, die für einen Hungerlohn bei der Kaffee-Ernte helfen mussten.

Die Wirtschaft des fünfmal größeren Honduras war hingegen zu einem großen Teil von der tropischen Karibikküste geprägt. In den nördlichen Provinzen wurden Bananen angebaut. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine florierende Plantagenwirtschaft unter der Vorherrschaft der US-Firmen »Standard Fruit« und »United Fruit«. Wie in El Salvador der Kaffee, führte in Honduras die Bananenindustrie zu einer extrem ungleichen Landverteilung. Die Konzentration auf die Ausfuhr der Tropenfrüchte (45 Prozent der Gesamtexporte im Jahr 1960) gab den Unternehmen große Macht über die Regierung.

Ende der 1960er Jahre standen die Machthaber von El Salvador und Honduras innenpolitisch unter Druck. In El Salvador war im Jahr 1967 Fidel Sánchez Hernández an die Spitze der Militärregierung gewählt worden. Von Beginn seiner Amtszeit an sah er sich mit einer mächtigen Streikbewegung konfrontiert, die Gewerkschaften forderten Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen, Bauern demonstrierten für eine Landreform. In Honduras hatte sich 1963 der Diktator Oswaldo ­López Arellano an die Macht geputscht. Das Militär ging zusammen mit der paramilitärischen Gruppe »Mancha Brava« brutal gegen die Opposition vor. Trotzdem kam es immer wieder zu Landbesetzungen durch die gut organisierte Bauernschaft.

Zu den innenpolitischen Schwierigkeiten kamen ökonomische. Die 1960 eingeführte Freihandelszone »Mercado Común Centroamericano« hatte dazu geführt, dass El Salvador den zentralamerikanischen Handel dominierte, während Honduras ein großes Handelsdefizit – nicht zuletzt mit El Salvador – aufwies. Angesichts der Wirtschaftsprobleme kam es immer häufiger zu Streiks. 1968 legte ein Generalstreik die nördliche Küstenregion lahm. Trotz Verhaftungen und brutaler Repression legten bald auch die Lehrer ihre Arbeit nieder und die Universitäten wurden bestreikt. Der Ausstand hielt bis zum Ausbruch des Krieges an.

Migranten vertrieben

Infolge eines rasanten Bevölkerungswachstums lebten bei Ausbruch des Krieges in El Salvador im Durchschnitt 142 Personen auf einem Quadratkilometer. Honduras dagegen war mit 21 Personen pro Quadratkilometer dünn besiedelt. Die extreme Armut und der fehlende Zugang zu Land führten im Verlauf der 1960er Jahre zu vermehrter Migration von Salvadorianern in das Nachbarland. Anfangs von der Arbeitskräfte benötigenden Bananenindustrie gefördert, änderte sich die Stimmung gegenüber den etwa 300.000 Migranten bald. Ende 1968 begann die honduranische Regierung mit der Umsetzung einer Landreform, die bereits 1961 beschlossen worden war. Statt jedoch das Land der Großgrundbesitzer und der Bananenindustrie anzutasten, wurden Salvadorianer vertrieben und mussten innerhalb von 30 Tagen das Land verlassen.

Die Rückkehr von 80.000 bis 150.000 Migranten verschärfte die sozialen Spannungen in El Salvador weiter, zumal die Oligarchie nicht bereit war, die Besitzverhältnisse auf dem Land zu ändern. Nachdem die Regierung unter Sánchez Hernández Honduras am 26. Juni 1969 vor der Organisation Amerikanischer Staaten des »Genozids« bezichtigt hatte, bombardierte sie schließlich am 14. Juli ohne Kriegserklärung die Flughäfen des Nachbarlands und schickte ihre Soldaten über die Grenze. Mit der Androhung von Sanktionen gegen beide Staaten erzwang die OAS einen am 18. Juli um 22 Uhr einsetzenden Waffenstillstand. Der Rückzug der salvadorianischen Truppen aus Honduras wurde am 2. August abgeschlossen, ein Friedensvertrag zwischen beiden Ländern erst elf Jahre später unterzeichnet. Infolge des Krieges brach der von den USA als Gegengewicht zur erfolgreichen sozialistischen Revolution auf Kuba gedachte »Mercado Común Centroamericano« zusammen. In El Salvador spitzten sich die sozialen Auseinandersetzungen zu, die von den USA gestützte Militärdiktatur reagierte mit Repression. Das führte letztlich 1980 zum bewaffneten Konflikt zwischen der Guerillaorganisation »Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional« (FMLN) und den Militärs.

Noch heute werden die Qualifikationsspiele zur Fußballweltmeisterschaft in Mexiko 1970 als Auslöser für den Krieg dargestellt. Nachdem Honduras das erste und El Salvador das zweite Spiel jeweils für sich entscheiden konnten, kam es am 26. Juni 1969 auf neutralem Boden in Mexiko-Stadt zum Entscheidungsspiel. Nach dramatischem Verlauf gewann schließlich die salvadorianische Auswahl mit 3:2 Toren in der Verlängerung. Zwar wird die Rolle der Spiele maßlos übertrieben, historisch waren sie jedoch allemal. Sie legten den Grundstein für die erste WM-Teilnahme von El Salvador.

Den Begriff »Fußballkrieg« wurde durch eine Reportage von Ryszard Kapuscinski geprägt. Der polnische Journalist lebte und arbeitete während der militärischen Auseinandersetzung zwischen El Salvador und Honduras in Mexiko. Von dort flog er – dem Rat seines Freundes Luis Suárez folgend – einen Tag vor Kriegsausbruch in die honduranische Hauptstadt Tegucigalpa.

»Luis Suárez sagte, es werde Krieg geben, und was Luis sagte, glaubte ich. (…) Diesmal prophezeite Luis den bevorstehenden Krieg, als er die Zeitung weglegte, in der er einen Bericht über ein Fußballmatch zwischen den Mannschaften von Honduras und Salvador gelesen hatte. Beide Mannschaften kämpften um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft, die 1970 in Mexiko stattfinden sollte.

Das erste Spiel wurde am Sonntag, den 8. Juni 1969, in der Hauptstadt Honduras, Tegucigalpa, ausgetragen. (…) Die Mannschaft von Salvador traf am Samstag in Tegucigalpa ein und verbrachte eine schlaflose Nacht im Hotel. Die Mannschaft konnte kein Auge zutun, weil sie das Opfer der psychologischen Kriegsführung der honduranischen Fans wurde. (…) Am nächsten Tag besiegte Honduras die schlaftrunkene Mannschaft Salvadors eins zu null.

Eine Woche darauf fand in der Hauptstadt von Salvador, San Salvador, in einem Stadion mit dem klingenden Namen Flor Blanca, das Rückspiel statt. Diesmal verbrachten die Spieler von Honduras eine schlaflose Nacht. (…) Salvador siegte drei zu null. Nachdem Luis das alles in der Zeitung gelesen hatte, sagte er, dass es Krieg geben werde.«

Ryszard Kapuscinski: Der Fußballkrieg. Berichte aus der Dritten Welt, Frankfurt am Main 2000, S. 251–254

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