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Aus: Ausgabe vom 13.07.2019, Seite 6 / Ausland

Aus Calais auf das Mittelmeer

Tag 3 (29. Juni 2019). An Bord der »Open Arms«
Von Valerio Nicolosi, TPI
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Letizia Cabo ist Schiffsärztin an Bord der »Open Arms«

Ich weiß es noch: Zum ersten Mal sah ich die »Open Arms« im Hafen von Mallorca. Dort war gerade Josepha an Land gegangen, die man lebend im Meer gefunden hatte, zusammen mit den Leichen einer Frau und eines Kindes. Als ich das Schiff sah, schien es mir klein zu sein, winzig im Vergleich mit dem, was ich darüber gehört hatte, und im Vergleich zu der Idee, die es verkörperte: auf See Menschen zu retten, ohne nach ihren Pässen zu fragen.

35 Meter für 22 Personen, ein ständiges Hin und Her zwischen Küche, Toiletten und Arbeitsschichten. Wenn man von dem, was man tut, nicht überzeugt ist, dann ist es wirklich schwer, das zwangsweise Zusammenleben zu ertragen.

Der Wecker klingelt um 5.30 Uhr. Es ist gerade Zeit, sich zu waschen und den Kaffee auf die Herdflamme zu stellen, denn er muss um 5.55 Uhr auf der Brücke bei den Wachen sein. Dies ist die Schicht der beiden Fotoreporter an Bord, weil man im Morgengrauen das beste Licht hat. Auch wenn diese Situation, um ehrlich zu sein, nach drei aufeinanderfolgenden Tagen monoton wird.

Das Zusammenleben auf 35 Metern bringt einen dazu, sich etwas zu erzählen, einander kennenzulernen.

Letizia ist die Bordärztin, aber vor allem stärkt sie mit ihrem Lächeln die Moral der Gruppe. Abgesehen von der ersten Begrüßung und ein paar flüchtigen Worten spreche ich zum ersten Mal beim Mittagessen mit ihr. Sie erzählt davon, wie sie in Calais gearbeitet hat. Für mich ist es so, als spräche sie ein Zauberwort, das sofort einen Vorzugskanal der Kommunikation eröffnet. Der »Dschungel« von Calais war jahrelang das größte Flüchtlingslager in Europa. Etwa 10.000 Menschen lebten dort in Baracken und Zelten, nur wenige Kilometer von der Stadt entfernt, die dem Lager seinen Namen gab. Und vor allem war es der Name des letzten Bahnhofs für den Zug, der durch den Ärmelkanal nach Großbritannien fährt. Genau dorthin wollten alle diese Menschen gelangen.

Nach dem Essen halte ich sie auf und bitte sie, mir mehr von ihren Erlebnissen zu erzählen. »Wenn ich hier bin, dann verdanke ich es genau jenem Ort, denn dort lernte ich einen 16jährigen Jungen und seine Mutter kennen. Sie berichteten mir von einer Gruppe von Spaniern, die bei Lesbos Menschen in Seenot retteten. Sie baten mich, diese Leute zu suchen und ihnen zu danken, denn ihnen hätten sie es zu verdanken, dass sie am Leben sind«, erzählt sie mir bewegt.

Sie hat sie gefunden und ihnen gedankt. Aber vor allem gehörte sie nach zwei Wochen in Lesbos als Freiwillige zu ihnen. »Ich bin Ärztin, spezialisiert auf Notfälle. Das, was an den europäischen Grenzen passiert, hat mich dazu gebracht, mich denen, die es brauchen, zur Verfügung zu stellen.«

Letizia ist eine jener Personen, die man in Italien »vortrefflich« nennt. Sie ist in Krankenwagen und vor allem in Hubschraubern tätig. Wenn es ein Problem gibt, einen Unfall oder so etwas, dann kommt Letizia.

»An Bord der Schiffe muss man sofort das Problem der Austrocknung der Haut lösen, und im Winter das Problem der Unterkühlung. In den darauffolgenden Stunden haben wir die größten Probleme mit den Frauen, weil alle sexuell missbraucht wurden und viele von ihnen schwanger sind. Du kannst dir vorstellen, dass dies nicht nur ein physisches, sondern auch ein psychologisches Problem ist. Die Männer hingegen haben oft Wunden, die durch die Folter hervorgerufen wurden.« In diesem Moment verzerrt sich Letizias Lächeln, als verspüre auch sie etwas von den Schmerzen. Ich denke, dass es nicht leicht ist, eine solche Arbeit jeden Tag zu verrichten, ohne jemals aufhören zu können.

Solche Geschichten hört und liest man oft, aber es ist etwas anderes, Wunden zu heilen und die Berichte aus Libyen und von der langen Reise zu hören, die diese Menschen auf sich genommen haben, bevor sie »auf dem Meer« waren.

Ich lasse sie gehen, weil sie die Inventur beenden muss, aber am Nachmittag sind wir wieder zusammen. Sie zeigt uns einige Techniken, um Menschen auf der Trage festzumachen, wenn sie nicht mehr alleine laufen können. So etwas kann bei der Rettung vorkommen, und wer sich auf dem Rib, dem Schlauchboot, befindet, muss darauf vorbereitet sein.

Die Sonne geht unter, und die »Open Arms«, dieses Schiff von nur 35 Metern Länge, bewegt sich weiter gen Süden, um das zu tun, was richtig ist: Leben zu retten.

Übersetzung: Christiane Barckhausen-Canale

Unser Autor berichtet von Bord der »Open Arms«, die im Mittelmeer unterwegs ist, um Menschen zu retten. Seine Beiträge für das italienische Onlineportal The Post International übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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