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Aus: Ausgabe vom 12.07.2019, Seite 6 / Ausland

Nur eine Übung

Tag 2. An Bord der »Open Arms«
Von Valerio Nicolosi, TPI
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Es geht weiterhin langsam aber beständig Richtung Süden. Heute früh um sechs Uhr, als ich Wachdienst hatte, befanden wir uns bereits außerhalb der italienischen Hoheitsgewässer, waren also 24 Meilen von der Küste entfernt.

Wir wissen, dass es ein schwieriger Einsatz werden wird. Nicht so sehr wegen der Dinge, die wir in der Praxis zu tun haben, sondern wegen des Klimas, das in der Diskussion um die Migranten in Europa herrscht. Diese Schlacht ist zu groß für uns, sie müsste in den Zimmern in Brüssel ausgetragen werden und nicht auf See, wie es vor dem Hafen von Lampedusa der Fall ist.

Die Geschehnisse rund um die »Sea-Watch« beschreiben genau, in welchem Maße die italienische Gesellschaft gespalten ist. Die einen meinen, die geretteten Personen seien rechtlose Illegale, und die anderen denken, dass man niemanden auf See sterben lassen darf und dass Libyen ein Ort ist, an den man Menschen nicht bringen darf – wie es auch die UNO erklärt hat. Kraftstrotzende Erklärungen und Gesten einerseits, andererseits Gesten, die italienisches Recht verletzen, dafür aber die internationalen Gesetze und vor allem die Gebote der Menschlichkeit respektieren.

Die andere Spaltung betrifft natürlich diejenigen, die auf See Hilfe leisten, die NGOs: »Negerhändler«, »Sklavenhändler«, »Verbrecher«, sagen die einen – »neue Partisanen«, »Helden« die anderen … So viele Bezeichnungen, die keine Zwischentöne kennen, sondern nur Hass oder Liebe. In den letzten 24 Stunden hat die Liebe gesiegt und erreicht, dass für die »Sea-Watch« mehr als 100.000 Euro gesammelt wurden, so dass die im »Sicherheitsdekret« der italienischen Regierung vorgesehene Geldstrafe gezahlt werden kann.

An Bord lautet das Thema natürlich: Was werden wir tun? Die »Sea-Watch« läuft Gefahr, beschlagnahmt zu werden, und wenn ich in all diesen Jahren etwas gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass das Schiff Priorität vor allem anderen hat. Ohne Schiff kann man niemanden retten, ohne Rettung kommen die Menschen um. Es gibt keine Alternativen. Das Schiff und seine Einsatzfähigkeit zu »beschützen«, ist also etwas grundlegend Wichtiges, nur wissen wir noch nicht, wie wir das bewerkstelligen sollen.

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An Bord der »Open Arms« wird das Retten Schiffbrüchiger geübt. Der Ernstfall könnte bald eintreten

Da gibt es nicht, wie die Verleumder der NGO meinen, irgendeine versteckte Strategie. Es gibt nur den Willen, in jenem Teil des Meeres Patrouille zu fahren und anzuprangern, was dort geschieht, wobei wir für jede Eventualität gewappnet sind, denn nach internationalem Recht sind alle Schiffe aufgerufen im Falle eines »Distress«, also einer Notsituation, einzugreifen.

Mit uns an Bord sind professionelle Retter, aber einige von ihnen machen ihre erste Erfahrung auf offener See. Einzugreifen, wenn sich an Bord eines Schlauchbootes mehr als 100 Personen befinden, ist nicht dasselbe wie eine »normale« Rettung. Darum wurden heute die Rib, die schnellen Schlauchboote, zu Wasser gelassen, um eine Übung durchzuführen. Wir versuchen verschiedene Manöver: solche, bei denen sich alle Personen an Bord befinden und solche, bei denen die Menschen im Wasser sind. Wir praktizieren das, was wir am Vormittag auf einigen Videos gesehen haben.

An Bord eines jeden Rib befinden sich vier Personen: der Skipper, zwei Retter und ein Journalist. Die beiden Retter haben jeweils unterschiedliche Aufgaben, und an die müssen sie sich halten. Da ist kein Platz für Improvisation, denn – und dabei war ich Zeuge – wenn nicht alles ganz perfekt gemacht wird, kann auch die einfachste Situation kompliziert werden. Der Journalist muss seine Arbeit machen, aber natürlich muss er, wenn nötig, eingreifen und Hilfe leisten.

Wenn man für eine Rettungsaktion zu Wasser gelassen wird, ist da auch immer ein wenig Angst, denn man weiß nie, was man vorfinden wird, ob es Tote gibt oder Kinder, und in welcher Verfassung sie sind. Heute war es zum Glück nur eine Übung, und alles ging glatt.

Übersetzung: Christiane Barckhausen-Canale

Unser Autor berichtet von Bord der »Open Arms«, die im Mittelmeer unterwegs ist, um Menschen zu retten. Seine Beiträge für das italienische Onlineportal The Post International übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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