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Aus: Ausgabe vom 11.07.2019, Seite 16 / Sport
Basketball

Das Fenster ist offen

Überraschende Verpflichtungen machen die NBA wieder spannend
Von Rouven Ahl
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Greift mit den Los Angeles Clippers erneut nach dem Titel: NBA-Star Kawhi Leonard

Die Frage nach dem großen Favoriten auf den Titel in der Nordamerikanischen Basketballiga NBA ließ sich in den letzten Jahren immer mit denselben drei Wörtern beantworten: Golden State Warriors. Das Team aus Oakland war mit Stars wie Kevin Durant oder Stephen Curry stets der Meisterschaftsanwärter Nummer eins. Wirklich gefährlich werden konnte den Warriors dabei meist nur die von LeBron James angeführten Cleveland Cavaliers. James verließ die »Cavs« zwar letzte Saison, um sich den Los Angeles Lakers anzuschließen – mit den Toronto Raptors und ihrem Star Kawhi Leonard erwuchs Golden State aber ein neuer Konkurrent.

Raptors und Warriors standen sich dann auch im Juni im Finale um die Meisterschaft gegenüber. Das Team aus Kanada setzte sich durch und holte den ersten Titel seiner Geschichte. Dass die beiden Teams auch im Endspiel der kommenden Saison aufeinander treffen werden, ist jedoch sehr unwahrscheinlich. Das liegt an den Entwicklungen in der sogenannten Free Agency – jene Periode, in der sich vertragsfreie Spieler offiziell neuen Teams anschließen dürfen. Dieses Jahr waren Hochkaräter wie Torontos Leonard und Kevin Durant auf dem Markt, dessen Achillessehnenriss im fünften Finalduell die Warriors wohl den Titel kostet hatte. Spieler, die den berühmten Unterschied machen und dementsprechend begehrt sind. Beide kehrten schließlich nicht zu ihrem alten Franchise zurück, sondern suchten sich neue Herausforderungen.

Vor allem der Wechsel von Leonard zu den Los Angeles Clippers hat die NBA-Machtverhältnisse in ihren Grundfesten erschüttert. Der hochbegabte Small Forward überzeugte zusätzlich auch den sechsfachen NBA-All-Star Paul George von Oklahoma City Thunder (OKC) davon, sich den Clippers anzuschließen. Ein Schachzug, den Leonard wohl schon von langer Hand geplant hatte und aus einem eher durchschnittlichen Team vielleicht den großen Titelaspiranten der kommenden Spielzeit macht.

Eine ungeschrieben Regel der NBA lautet: Wenn du einen der absoluten Superstars verpflichten kannst, dann schlag zu. Koste es, was es wolle. Dementsprechend taten die Clippers alles, um Leonards Bedingung zu erfüllen, ihm einen zweiten Star an die Seite zu stellen. Den braucht es mittlerweile, um realistische Chancen auf den Titel zu haben. Leonard lieferte ihn mit George dann gleich selbst. Für diesen gaben die Clippers Toptalent Shai Gilgeous-Alexander sowie Danilo Gallinari an Oklahoma ab. Aber das war noch nicht alles: OKC bekommt von den Clippers für die erste Runde des Draft (der jährlichen Verteilung der besten Nachwuchsspieler auf die NBA-Teams) zusätzlich noch fünf Picks, also Auswahlrechte. Das Team aus L. A. gibt damit mehr oder weniger seine unmittelbare Zukunft aus den Händen.

Einen Deal in dieser Größenordnung hat die NBA noch nicht gesehen. Warum gehen die Clippers ausgerechnet jetzt All-in? Ganz einfach: Kevin Durant hat die Warriors in Richtung Brooklyn Nets verlassen und Klay Thompson, ein weiterer Star aus dem Kader von Golden State, fällt wohl die gesamte nächste Saison verletzt aus. Die Vormachtstellung der Warriors ist damit vorerst gebrochen, der Weg zur Meisterschaft nun auch für viele andere Teams frei. Aufgrund der Struktur der NBA, mit ihrer Gehaltsobergrenze, ist das Zeitfenster für einen Titelgewinn meist nur kurz offen. Wenn sich dieses Fenster also nur einen Spalt weit öffnet, müssen die Verantwortlich einem Franchise mit allen Mitteln versuchen, die Gelegenheit zu nutzen. Genau das haben die Clippers getan – und als netten Nebeneffekt dem Stadtrivalen L. A. Lakers Leonard vor der Nase weggeschnappt.

Die Lakers gehören mit LeBron James und Neuverpflichtung Anthony Davis ebenfalls zum engeren Favoritenkreis, verfügen aber nicht über die Tiefe des Clippers-Kader, sind also noch stärker von ihren Starspielern abhängig. Andere Teams wie die Utah Jazz oder die Philadelphia 76ers haben nicht die ganz großen Namen verpflichtet, aber Lücken in ihrem Kader vernünftig geschlossen. Und dann gibt es da auch noch die immer wieder gefährlichen Houston Rockets um James Harden und die Milwaukee Bucks um Giannis Antetokounmpo. Die Ende Oktober beginnende Saison verspricht somit eine der spannendsten in der jüngeren Geschichte der NBA zu werden.

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