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Aus: Ausgabe vom 11.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Glosse

Strom, Strom, Strom

Von Iven Einszehn
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Wo steckt der Akku?

Na klar, wir alle müssen was tun, um die Umwelt zu schützen, die Existenz des blauen Planeten zu retten. Ob uns das gelingt, indem wir immer mehr Strom verbrauchen? Wohl kaum.

Und doch propagieren und produzieren Politik und Wirtschaft seit Jahren E-Autos, -Bikes, -Roller und -Skateboards. So, als würde Stromverbrauch der Umwelt nicht schaden. Bekanntlich ist es nun aber so: Sauberen Strom gibt es gar nicht, auch wenn sogenannter grüner Strom uns das suggerieren soll. Stromerzeugung ist immer umweltschädlich. Solarzellen müssen produziert, Windkrafträder gebaut, Anlagen zur Stromerzeugung errichtet werden. Ohne Eingriffe in die Natur und den Verbrauch natürlicher Ressourcen, ja, der Natur selbst, geht das nicht. CO2-neutral ist das alles sowieso nicht. Ich hab jedenfalls noch nie davon gehört, dass überhaupt mal versucht wurde, einen Windenergie- oder Solarpark klimaneutral zu bauen. Das hieße z. B., dass das dafür erforderliche Material nicht aus aller Herren Länder um die halbe Welt gekarrt werden dürfte. Der Stromtransport und die Herstellung von Batterien kommen noch hinzu. Und das Konsumproblem, sich stets das Neueste anzuschaffen – das sowieso. Vieles davon frisst wiederum: Strom.

Wollen wir lieber nicht so genau drüber nachdenken, nicht wahr? Die tollen Leute machen es einem ja auch vor, wie elegant die stromverliebte Zeitgeistwelt funktioniert. Da kann man doch wohl mal selbst mitmachen, kann so schlimm ja nicht sein, wenn das mittlerweile üblich ist, elektronisch auf jede erdenkliche Art durch die Stadt zu gurken.

Die Elektromotorisierung der Fortbewegungsmittel ist freilich eine – inhaltlich betrachtet – folgerichtige Entwicklung: Vom Auto, zum Fahrrad, zum Roller. Denkt man sie weiter, ist allerdings zu befürchten, dass über kurz oder lang alles motorisiert wird, was Rollen hat. Einkaufswagen und Rollkoffer zum Beispiel. Die größte Marktlücke sind aber unsere Schuhe. Mit selbstfahrenden Schuhen erübrigt sich so einiger anderer Quatsch!

Ich kapier’s einfach nicht. Ich kapier’ nicht, was so schlimm daran sein soll, auf dem Fahrrad ordentlich in die Pedale zu treten, auf dem Roller mit dem Fuß für Schwung zu sorgen, das Auto stehen zu lassen und einfach mal zu Fuß zu gehen. Ist doch toll, man kriegt was von der Umgebung mit, derweil man sich körperlich betätigt. Aber wie’s ausschaut, dauert es nicht mehr lang, und Spaziergänger machen sich verdächtig, müssen sich unangenehme Fragen gefallen lassen. Dabei behaupten Ärzte ständig, tägliche Bewegung sei gesund, nicht zuletzt weil wir alle viel zu oft am Schreibtisch hocken. Seit wir uns über die miniaturisierten – und nebenbei bemerkt: elektrifizierten – Schreibtische unserer Smartphones beugen, ist eher mal von Whats-App-Daumen und Nackensteifheit die Rede. Die körperliche Bewegung wurde derweil ins Fitnessstudio outgesourct, aufs strombetriebene Laufrad.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Toll! Permanent unter Strom – von der elektrischen Zahnbürste und der vollautomatischen Kaffeemaschine bis zur permanenten Smart Communication bei allgegenwärtiger E-Mobility – weswegen wir körperlich immer...

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