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Aus: Ausgabe vom 11.07.2019, Seite 5 / Inland
Arbeitsentgelt

Neue Niedriglöhner

Arbeitsagentur meldet mehr Flüchtlinge mit Jobs. Die meisten davon prekär
Von Susan Bonath
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Gebäudereinigerin mit Arbeitsmaterial (Potsdam, 14.1.2014)

Immer mehr Geflüchtete sind nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Zudem zählte die Behörde in diesem Frühjahr etwas weniger unterbeschäftigte Asylbewerber als vor einem Jahr. Dennoch gibt es mehr Erwerbslose aus den Fluchtländern. Das Onlineportal des Kooperationsprojektes O-Ton Arbeitsmarkt erklärte am Dienstag den Grund.

Demnach waren im März 2019 knapp 400.000 Asylbewerber unterbeschäftigt, rund 40.000 weniger als Anfang 2018. In dieser Kategorie führt die BA nicht nur Mini- und Teilzeitjobber, sondern auch Teilnehmer an Förderkursen, die nicht als erwerbslos gelten, obwohl sie es sind. Der Rückgang sei, so die Autoren von O-Ton Arbeitsmarkt, vor allem darauf zurückzuführen, dass Integrationskurse für Asylsuchende abgebaut wurden. Die Zahl der dort Teilnehmenden sank binnen Jahresfrist von 183.000 auf 125.000.

Indes stieg die Zahl der als erwerbslos erfassten Menschen aus den Asylherkunftsländern Afghanistan, Eritrea, Syrien, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan und Somalia um nur 17.000 auf 206.000 an. Offenbar fand also ein Großteil früherer Maßnahmeteilnehmer einen Arbeitsplatz. Diesen Eindruck vermittelt auch die Statistik: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Fluchthintergrund wuchs im Jahresverlauf von 230.000 auf knapp 312.000 Personen an. »Trotz höherer amtlicher Zahlen sinkt also de facto die Erwerbslosigkeit von Geflüchteten«, kommentierten die Autoren.

Allerdings bleibt die Situation vieler Betroffener prekär. Das geht aus BA-Zahlen vom März 2019 hervor. Danach landen etwa zwei Drittel im Niedriglohnsektor. Das heißt, sie arbeiten für weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens abhängig Beschäftigter. So erhielten zum Jahreswechsel 2017/2018 knapp 66 Prozent der vollzeitbeschäftigten Menschen aus den Asylländern weniger als 2.190 Euro brutto, gut die Hälfte arbeitete in Helferjobs, fast ein Viertel als Leiharbeiter. Insgesamt arbeitet in Deutschland etwa jeder fünfte Beschäftigte im Niedriglohnsektor, gut zwölf Prozent sind Helfer, drei Prozent Leiharbeiter.

Selbst bei gleicher Qualifikation entlohnten die Firmen Flüchtlinge weitaus schlechter als Einheimische. Der durchschnittliche Bruttoverdienst letzterer lag Anfang 2018 bei 3.200 Euro. Asylbewerber kamen im Schnitt auf 1.840 Euro, als Leiharbeiter sogar nur auf 1.450 Euro monatlich (400 Euro weniger als Einheimische). Bei gelernten Fachkräften (1.970 Euro) betrug der Unterschied rund 1.000 Euro. In technischen oder medizinischen Spezialberufen klaffte die Schere sogar noch weiter auseinander: Geflüchtete arbeiteten für rund 2.700 Euro monatlich, Einheimische erhielten etwa 1.500 Euro mehr.

Dass prekäre Beschäftigung ein großes Problem bleibt, zeigen ebenfalls BA-Zahlen. Fast 650.000 Geflüchtete, mehr als dreimal so viele wie als arbeitslos erfasst sind, benötigen den Angaben zufolge Hartz IV. Insgesamt stagniert die Zahl der Menschen in Hartz-IV-Haushalten seit 2012 bei rund sechs Millionen.

Bald könnten Lobgesänge auf den Arbeitsmarkt verstummen. Die Zahl der Leiharbeiter sank von gut einer Million Ende 2017 auf 750.000 im April 2019. Die BA bezeichnete dies am 4. Juli als »Frühindikator für Abschwung«. Sebastian Lazay, Präsident des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister (BAP) sprach gegenüber der Wirtschaftswoche (Ausgabe vom 4.7.) von einem deutlichen Zeichen für »konjunkturelle Eintrübung«. »Die deutsche Industrie befindet sich seit Mitte 2018 in einer Rezession«, erklärte Timo Wollmershäuser vom Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) bereits im April. Er rechnet mit mehr Kurzarbeit.

Entsprechend polemisierte der Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Hans-Eckhard Sommer (CSU), am Dienstag in Nürnberg gegen »potentielle Asylbewerber«. Diese seien, so Sommer, »alle sehr vernetzt und haben alle Handys«. Damit informierten sie dann ihre Angehörigen daheim, sobald sie einen Job hätten. Dies setze »falsche Anreize«, so der CSU-Mann.

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