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Aus: Ausgabe vom 11.07.2019, Seite 5 / Inland
Sozial-ökologischer Umbau

IG Metall wird grün

Gewerkschaft und Umweltverbände stellen gemeinsame Eckpunkte für »Klima- und Mobilitätswende« vor
Von Steffen Stierle
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Großkundgebung der IG Metall am 29. Juni 2019 in Berlin

Am Mittwoch hat die IG Metall (IGM) gemeinsam mit den Umweltverbänden NABU und BUND in Berlin unter dem Titel »Die Klima- und Mobilitätswende gestalten« ein gemeinsames Eckpunktepapier präsentiert. Die Metaller bekennen sich zu den Klimazielen, die Umweltverbände zu guten Arbeitsplätzen.

So wollen beide Seiten in der hektischen Debatte um einen weitreichenden Umbau großer Wirtschaftszweige Fuß fassen. Zwar wollte der IG-Metall-Vorsitzende, Jörg Hofmann, auf jW-Nachfrage keine konkreten Zahlen zu durch die notwendigen Veränderungen vakanten und potentiellen neuen Arbeitsplätzen in den Branchen nennen, die seine Gewerkschaft vertritt. Zugleich ließ er jedoch keinen Zweifel daran, dass sämtliche Wertschöpfungsketten, die die Metallbranche betreffen, in den nächsten Jahren enormen Veränderungen ausgesetzt sein werden und dass die anlaufende Transformation historisch einmalig ist. Es gehe nicht um ein Auslaufen oder einen Abriss – da habe man Erfahrung –, sondern um einen Umbau: »Das ist Neuland«.

Zum Zusammenschluss mit den Umweltverbänden sprach Hofmann von einer »auf den ersten Blick ungewöhnlichen Allianz«. Doch schließlich sei jeder Beschäftigte auch Konsument und Bürger. In dem Papier wird ebenfalls betont, dass Soziales und Klimaschutz nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen: »Als Bürger fordern auch unsere Mitglieder mit Nachdruck die Einhaltung der Klimaschutzziele. Sie wollen folgenden Generationen eine intakte Umwelt hinterlassen, zugleich benötigen sie aber auch bezahlbare und erreichbare Mobilitätsangebote. Als Beschäftigte – gerade in den durch die Automobilindustrie geprägten Regionen – brauchen sie sichere, gute und zukunftsfeste Arbeitsplätze. Die Unternehmen, in denen sie tätig sind, sind auf neue zukunftsfähige Geschäftsmodelle ebenso wie auf eine verlässliche und nachhaltige Energieversorgung angewiesen«, führen die Organisationen aus. Wie sehr das Thema Mobilitätswende den Beschäftigten in der Metallindustrie unter den Nägeln brennt, zeigte sich zuletzt Ende Juni in Berlin, als 50.000 Metaller dem Aufruf ihrer Gewerkschaft folgten und eine »gerechte Transformation« forderten.

Im Eckpunktepapier werden Beispiele genannte, wie Soziales und Ökologie im Zusammenhang mit umweltfreundlicherer Mobilität und mehr Klimaschutz ineinander greifen. So seien es nicht mehr die Reichen, die aufs Land ziehen. Vielmehr würden die Bezieher niedriger Einkommen »durch rasant steigende Preise in die Peripherie verdrängt«. Eine Verteuerung für Autopendler, etwa durch CO2-Steuern, müsse daher mit günstigen, öffentlichen Angeboten einhergehen. Das Gleiche gelte für Wohnen und Heizen: »Die notwendige energetische Gebäudesanierung darf nicht dazu führen, dass Mieten unbezahlbar werden.«

Gemeinsam wollen IGM, NABU und BUND nun den Druck auf Unternehmen und Politik erhöhen. Damit die heute Beschäftigten Perspektiven für die Zukunft bekommen, solle etwa auf Unternehmensebene »der Umbau der Standorte generell Vorrang vor dem Neubau auf der grünen Wiese« erhalten. Von der Politik wiederum erwarte man »eine Regulierung, die sicherstellt, dass die Chancen neuer Produkte und Märkte auch zu neuen Arbeitsplätzen in Deutschland führen«.

Einig waren sich die Protagonisten der Präsentation, dass Papiere die Welt nicht ändern. Auf Nachfrage, wie das Bündnis dann konkrete Beiträge leisten könne, führte Hofmann aus, man wolle Verbände und Politik auf lokaler Ebene zusammenbringen, um den Wandel zu gestalten. Schließlich gelte es auch, die erheblichen regionalen Unterschiede zu berücksichtigen. So bestünden etwa im wohlhabenden München andere Herausforderungen und Möglichkeiten zur Abfederung als im stark von der Zulieferindustrie geprägten Saarland. Eine gemeinsame Idee bestehe daher darin, regionale Räte ins Leben zu rufen, die Politik, Wirtschaft und Verbände zusammenbringen. Zudem gehe es darum, »Sensibilitäten dafür zu wecken und argumentativ zu stützen«, dass Beschäftigungssicherung und Klimaschutz nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen.

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