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Aus: Ausgabe vom 10.07.2019, Seite 16 / Sport
Doping

Starker Stoff

Beispielloser Schlag: Razzien in 33 Ländern gegen Dopingnetzwerke
Von Jens Walter
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»Echte Ergebnisse«: Bei den Razzien wurden 3,8 Millionen Dopingpräparate und 24 Tonnen Steroidpulver sichergestellt (undatiertes Bild der italienischen Gendarmerie)

Internationale Sicherheitsbehörden haben zu einem bislang beispiellosen Schlag im Antidopingkampf ausgeholt. Wie die europäische Polizeibehörde Europol am Montag abend mitteilte, wurden bei einem internationalen Einsatz in 33 Ländern 234 Verdächtige festgenommen. In den USA und Kolumbien kam es ebenfalls zu Durchsuchungen. Das Zollkriminalamt in Köln teilte am Dienstag mit, dass in Deutschland 463 Verfahren eingeleitet wurden, es aber keine Festnahmen gegeben habe. Auch wenn man erst am Anfang stehe, dürften sich die Ermittlungen vor allem gegen Freizeitsportler richten. »Die Wahrscheinlichkeit ist groß«, sagte die Sprecherin des Kölner Zollkriminalamtes, Ruth Haliti, der dpa.

Bei der unter Federführung Italiens und Griechenlands durchgeführten Aktion »Viribus« (lat. Stärke) seien insgesamt 3,8 Millionen Dopingpräparate und gefälschte Medikamente sichergestellt worden, davon allein mehr als 24 Tonnen Steroidpulver. Die Substanzen würden sowohl online als auch in Fitnesscentern oder illegalen Läden verkauft. In Europa haben die Sicherheitsbehörden neun Geheimlabore entdeckt und insgesamt 17 Gruppen des organisierten Verbrechens ausgehoben. Nach Angaben von Europol wurden fast 1.000 Personen wegen der Produktion, Veräußerung oder Verwendung leistungssteigernder Substanzen angezeigt, 839 Strafverfahren laufen bereits. Unter Federführung der Weltantidopingagentur (WADA) wurden im Zuge der Operation 1.357 Blut- und Urintests durchgeführt. Bei welchen Sportereignissen und bei welchen Sportlern Proben genommen wurden, blieb zunächst unklar.

WADA-Chefermittler Günter Younger hob in einer Mitteilung die gute Kooperation der Länder hervor: »Diese Art der Zusammenarbeit führt zu echten Ergebnissen und kann einen erheblichen Einfluss auf die Verfügbarkeit von gefälschten und illegalen Mitteln haben, die von einigen Athleten weltweit verwendet werden. Dies ist ein gemeinsamer Kampf gegen Sportbetrug auf dem Kontinent.« Das Internationale Olympische Komitee begrüßte die Aktion und betonte in einer Stellungnahme: »Es ist entscheidend, die Händler und Produzenten ins Visier zu nehmen, die Doping im Sport ermöglichen und diese kriminelle Industrie vorantreiben.«

»In den vergangenen 20 Jahren hat der weltweite Handel mit Anabolika dramatisch zugenommen«, betonte Europol. Konsumenten seien vor allem »Fitnesscenter-Süchtige« sowie Bodybuilder. »Nicht-professionelle Athleten, Radsportler und Bodybuilder« würden Steroide in Asien oder Osteuropa besorgen und diese an Fitnesscenter liefern. Für Werbung und Verkauf würden zunehmend die sogenannten sozialen Medien genutzt. Betroffen seien auch Tiere: So würden Hormone genutzt, um die Zucht zu intensivieren, Bauernhoftiere zu füttern oder etwa bei Pferderennen die Leistung zu steigern.

Der Erfolg im Kampf gegen die internationale Dopingmafia wirkt allerdings nur kurzfristig. Diese sei natürlich noch viel größer, erklärte Dopingexperte Fritz Sörgel. Der Ermittlungserfolg sei zwar beeindruckend. »Nur wird das – wie in der Drogenszene auch – nach einer gewissen Zeit weggesteckt. Und dann geht das Spiel halt von neuem los«, so Sörgel.

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (10. Juli 2019 um 07:43 Uhr)
    Wenn Ziel der Razzia in der Hauptsache Freizeitsportler sind, dann dürfte das wohl nur eine "Schaufensteraktion" sein, die vom extrem vermarkteten und prestigebringenden Leistungssport ablenken will. Eine unabhängige und ehrliche Untersuchung dieses Sumpfes würde ganz sicher ergeben, daß nicht nur russische Sportler ihre Leistungen manipulieren, sondern daß Doping weltweit überhaupt die Grundlage des kommerziellen Sports in wahrscheinlich allen Sparten ist.

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