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Aus: Ausgabe vom 10.07.2019, Seite 15 / Antifa
Fall Sabri H. in Sachsen-Anhalt

Nebenklage mit Rechtsaußen

Tod nach Streit mit Syrer in Wittenberg: Gerichtsverhandlungen wiederholt verschoben. Auch rechte Umtriebe des Opfers könnten eine Rolle spielen
Von Susan Bonath
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Die Initiative »Weltoffenes Magdeburg« geht auf die Straße, um diese nicht den Rechten zu überlassen (19.1.2019)

Ein ausgestreckter Mittelfinger, Wortgefechte, eine Schubserei. Dann versetzt Marcus Hempel seinem Gegenüber den ersten Schlag. Der 17jährige Sabri H. aus Syrien reagiert schnell: Dreimal schlägt er zu und geht weg. Hempel stürzt mit dem Kopf aufs Pflaster. So zeigt es das Überwachungsvideo, welches die Szene vor dem Einkaufszentrum in Wittenberg am 29. September 2017 mitgeschnitten hat. Wenig später starb das Opfer im Krankenhaus. War es Angriff oder Notwehr? War der Getötete in der rechten Szene aktiv? Kannten sich Täter und Opfer und gab es vorher rassistische Anfeindungen? Der Fall wirft viele Fragen auf. Wohl auch deshalb ließ das Landgericht Magdeburg den Prozess vergangene Woche vorerst platzen.

Im November 2018 hatte die Staatsanwaltschaft Magdeburg Anklage gegen Sabri H. wegen Körperverletzung mit Todesfolge erhoben. Mehrfach verschob das Gericht anvisierte Termine. Dann sollte der Prozess im Juni starten, nun heißt es: frühestens im Oktober. Grund sei zum einen eine überlastete Jugendstrafkammer. Zweitens habe man nun doch Zweifel am Alter des Beschuldigten, so das Gericht. Ein Gutachter solle dies überprüfen. Dies hatte auch die AfD im Magdeburger Landtag gefordert.

Wittenberg ist nicht Chemnitz oder Köthen. AfD, NPD und Neonazibündnisse wie der »Pegida«-Ableger »Thügida« hatten dort wenig erfolgreich versucht, den Tod des 30jährigen zu instrumentalisieren. Maximal 200 Leute trommelten sie zusammen, viele kamen von außerhalb. Die bundesweite Aufmerksamkeit blieb aus. Ein möglicher Grund: Die Neonaziszene der 1990er Jahre ist in Wittenberg weitgehend einem bürgerlich-universitären Milieu gewichen. Und offenbar, so der früh im Raum stehende Verdacht, war Marcus Hempel selbst Neonazi. Sein Vater, Karsten Hempel, bestreitet das. Der Polizei sei er auch nicht aufgefallen.

Trotzdem spricht vieles dafür. Auf Facebook war das Opfer mit bekannten Neonazis befreundet. Marcus Hempel favorisierte bekannte Rechtsrockbands wie »Landser« oder die einschlägige Kleidungsmarke »Thor Steinar« und den Aufruf »Die neue Jugend wählt NPD«. Der Getötete kokettierte zudem mit dem Zahlencode 88, in der rechten Szene die Chiffre für »Heil Hitler«. Sein Vater, Nebenkläger im erwarteten Prozess gegen Sabri H., nutzt rechtsextreme Medien für öffentliche Aufmerksamkeit, von Compact über »PI-News« bis hin zu »Ein Prozent«.

Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau vermutete sehr rasch Notwehr. Marcus Hempel habe den späteren Täter wohl rassistisch beschimpft, erklärte sie in ihrer ersten Pressemitteilung. Das Überwachungsvideo ohne Tonspur gab dies nicht her, der Beschuldigte soll es ausgesagt haben. Obwohl die Aufzeichnung drei Schläge des Täters zeigt, schrieb die Behörde nur von einem. Die Polizei kritisierte das öffentlich. Wenig später zog die Generalstaatsanwaltschaft das Verfahren aus Dessau nach Magdeburg ab.

In den bürgerlichen Medien lässt der Vater des Opfers meist seinen Rechtsanwalt Roland Ulbrich aus Leipzig sprechen. Dieser will einen Mord beweisen und rügt, dass der mutmaßliche Täter auf freiem Fuß ist. Die Staatsanwaltschaft erklärt dazu, Sabri H. gelte nicht als gewalttätig, es bestehe auch keine Fluchtgefahr. Ulbrich ist nicht irgendein Anwalt: 2013 trat er der AfD bei. Er gehört zur völkischen Parteiströmung namens »Der Flügel« um den Thüringer Landesparteichef Björn Höcke. Regelmäßig verteidigt Ulbrich Neonazis vor Gericht. Zur sächsischen Landtagswahl am 1. September tritt er als Direktkandidat an. Den AfD-Kreisverband Nordsachsen habe er »maßgeblich mit juristischem Sachverstand aufgebaut«, lobte dieser jüngst auf seiner Internetseite. Als Ulbrich sich auf dem Landesparteitag als Kandidat vorstellte, forderte er etwa, »die Antifa« zur »terroristischen Vereinigung« zu erklären. Er fabulierte von »staatlich finanziertem Linksextremismus«, »institutionellem Gutmenschentum« und »Merkels Fachkräften mit Migrantenmessern«.

Mit »juristischem Sachverstand« wollte Ulbrich bereits 2016 in Leipzig offenbar eine rechte Schlägertruppe aufbauen. Das erfuhr junge Welt damals von Personen, die mit der Sache vertraut sind, aber namentlich nicht genannt werden wollen. Ein paar Leute hätten demnach auf Facebook ihre Absicht besprochen, eine Art Bürgerwehr mit dem Ziel aufzubauen, »an Brennpunkten aufzupassen«. Der Neonaziszene hätten diese aber nicht angehört. »Ulbrich hat von sich aus angeboten, eine wasserdichte Vereinssatzung zu erstellen und wollte uns animieren, etwa Saalschutz für rechtsextreme Events zu stellen«, so ein Informant gegenüber jW. Zudem habe er sich als Fan der SA und der »Wehrsportgruppe Hoffmann« bekannt. »Das war so krass, dass alle nur erschrocken waren«, hieß es.

Es stellt sich die Frage, ob Karsten Hempel nur zufällig an den bekannten AfD-Anwalt aus dem gut 70 Kilometer entfernten Leipzig geraten war. Auch bleibt zu klären, ob es eine Vorgeschichte zwischen Opfer und Täter gibt. Die Staatsanwaltschaft geht laut Anklage davon aus, Sabri H. habe nicht beabsichtigt, Marcus Hempel zu töten. Beim Zuschlagen habe er aber mit den Folgen rechnen müssen. Ihm droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren. Eine Rolle spielt für das Strafmaß auch, ob das Gericht seinen Altersangaben Glauben schenkt.

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