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Aus: Ausgabe vom 10.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Griechenland

Eine neue Ära?

Tagebuch eines deutschen Griechen. 8. Juli 2019
Von Asteris Kutulas
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Die »Märkte« sprechen der neuen Regierung ihr Vertrauen aus, was sowohl Griechenlands neuen Premier Kyriakos Mitsotakis (l.) als auch den alten, Alexis Tsipras, freuen dürfte

Tag eins nach der Wahl. Sitze abends im Studio von Mikis Theodorakis, gegenüber die Akropolis, wir verfolgen zusammen gespannt die Abendnachrichten. Mitsotakis, Tsipras, Gennimata, Koutsoumbas, Veropoulos, Varoufakis – die Vorsitzenden der sechs im Parlament vertretenen Parteien erscheinen einer nach dem anderen auf dem Fernsehbildschirm und geben Erklärungen ab. Die Kommentare einer Vielzahl von Journalisten überschlagen sich. In der ausländischen Presse wird der »Beginn einer neuen Ära für Griechenland« regelrecht gefeiert. Die »Märkte« sprechen der neuen Regierung ihr »Vertrauen« aus. Recep Tayyip Erdogan hofft, dass es ab jetzt in der Ägäis und im Mittelmeer keine Probleme mehr geben wird. Der Chef der aus dem Parlament geflogenen Nazipartei »Goldene Morgendämmerung« verspricht, umgeben von entschlossen nach vorn blickenden uniformierten Anhängern, wieder auf die Straße zurückzukehren, »von wo wir gekommen und wo wir stark geworden sind«. Das kann man nur als Drohung verstehen.

Die Namen der neuen Regierungsmitglieder werden bekanntgegeben. 18 der 51 Ministerposten – in Griechenland gelten auch die »stellvertretenden Minister« als Minister – sind mit Technokraten besetzt. Und fast alle anderen Minister erweisen sich tatsächlich als kompetente Fachleute für den Zuständigkeitsbereich des ihnen jeweils zugewiesenen Ministeriums. Das ist ein Novum in der griechischen Geschichte. In den letzten 100 Jahren galten andere Kriterien: Ministerposten wurden von den mächtigsten Parteifunktionären besetzt. Das war von Belang, nicht ihre fachliche Kompetenz. Den Bruch mit dieser unsäglichen Tradition hatte Mitsotakis vor seiner Wahl versprochen. Die Reaktionen innerhalb der Partei und innerhalb der Parlamentsfraktion werden wohl nicht lange auf sich warten lassen. Die Frage wird sein, wie lange Mitsotakis den zu erwartenden Angriffen standhalten will und wird.

Tsipras bekommt durch sein starkes Wahlergebnis von 31,5 Prozent der Stimmen eine zweite Chance. Es fühlt sich wie ein Sieg in der Niederlage an. Er wird die nächste Zeit nutzen, um auf der Grundlage einer großen Wählerschaft aus seiner mitgliederschwachen Syriza eine Volkspartei zu machen. Und er muss eine wichtige strategische Entscheidung treffen: Will er weiterhin in Europa zu den Linken gehören, oder wird er sich über kurz oder lang im Grünen-Lager positionieren?

Die kleinen Parteien werden durch die beiden großen Parteien zwischen diesen zerrieben. »Potami«, »Zentrumsunion« und »Goldene Morgendämmerung« sind aus dem Parlament geflogen, in dem nicht mehr acht, sondern nur noch sieben Parteien vertreten sind. Im Fernsehen spricht gerade Kyriakos Velopoulos, dessen Partei »Griechische Lösung« mit 3,7 Prozent neu ins griechische Parlament eingezogen ist. Bekannt wurde Velopoulos in den vergangenen Jahren als Kommentator in Spartenkanälen, als Telemarketingverkäufer von Büchern aus der eigenen Druckerei und als Vermarkter esoterischer »Heilmittel« wie z. B. Haarwuchsmittel. Mikis schaltet den Fernseher aus und meint: »Es reicht. Hören wir uns meine 7. Sinfonie an.« Sofort sind sie da, die Allmacht und die Schönheit der Musik. Und dann im dritten Satz die Worte von Giannis Ritsos: »Nächtlicher Hafen / Lichter, ins tiefe Wasser gerissen / Gesichter ohne Spuren, nichtssagend / kurz erhellt von den Scheinwerferlichtern / der Schiffe in einiger Entfernung / verschattet im Vorübergehn«.

Asteris Kutulas ist Autor, Filmemacher und Konzeptkünstler und lebt in Berlin

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