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Aus: Ausgabe vom 10.07.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Konkurrenzdruck

Riskante Autowette

Milliarden auf »autonomes Fahren« gesetzt: VW und Ford kooperieren bei Modetrends der »neuen Mobilität«
Von Stephan Krull
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Wer will einsteigen? Testmodell eines E-Golf für »autonomes Fahren« von VW 2019 in Hamburg

In der Debatte um die »Transformation« der Automobilindustrie scheint eines klar: Das Produkt und dessen Nutzung müssen grundlegend verändert werden. Gestritten wird, in welche Richtung das gehen soll. Und wer diese kontrolliert. »Der Volkswagen-Konzern wird sein Kerngeschäft transformieren, mit mehr als 30 zusätzlichen elektrischen Modellen bis zum Jahr 2025, sowie dem Ausbau von Batterietechnologie und autonomem Fahren«, ist in »Zahlen, Daten Fakten, Volkswagen Navigator 2018« (März 2018) zu lesen. Im November hatte das Management verkündet, dass in den folgenden fünf Jahren 44 Milliarden Euro in E-Mobilität, neue Geschäftsfelder, autonomes Fahren und Digitalisierung investiert würden. Das ist ein Drittel der geplanten Gesamtinvestitionen. Nun wird teilweiser Vollzug gemeldet: Der Weg ist frei für eine Kooperation mit der Ford-Tochter »Argo AI«.

2017 hatte der US-Autoriese die Mehrheit an dem auf »Künstliche Intelligenz« (AI) - und Robotik spezialisten Unternehmen, einer Ausgründung ehemaliger Google- und Uber-Manager, übernommen. Im Juni stieg nun VW in diese Kooperation ein und beendete die bisherige Zusammenarbeit auf diesem Gebiet mit der kalifornischen Firma Aurora Self-Driving System. Ziel sei die Entwicklung einer Software-Plattform für autonome Fahrzeuge, die 2021 auf die Straße kommen sollen.

Die Wolfsburger bauen damit ihre Zusammenarbeit mit Ford aus. Beide kooperieren bereits in Brasilien, in Portugal, neuerdings zudem bei der Transporterproduktion. Die Investitionen und die Risiken des jetzigen Vorhabens sind hoch. Handelt es sich doch um reine Spekulation, ob diese Entwicklungen je einen Massenmarkt erreichen und die eingesetzten Gelder in Nettoprofite umgesetzt werden können. Aurora hat sich derweil neuen Partnerschaften mit Fiat/Chrysler (Italien/USA), Hyundai (Südkorea) und Byton (E-Auto-Hersteller aus China) zugewandt.

Derzeit sind chinesische Firmen der Konkurrenz bei den neuen Trends um Längen voraus. Diese versuchen mit weiteren Fusionen und Liquidationen aufzuholen. Symptomatisch dafür die Übernahme von Opel durch PSA, die Stellenvernichtung und Werkschließungen bei Ford und anderen Herstellern. Das Wettrennen um Elektroautos, autonomes Fahren und neue Geschäftsmodelle verschlingt Milliarden.

Vorläufig setzt das globale Kapital der Branche auf verschärfte Ausbeutung in den vorhandenen Fabriken, auf Expansion zum Beispiel in Afrika, auf neue Geschäftsmodelle in den Städten, die für die »Projekte« noch autogerechter zugerichtet und vollständig digitalisiert werden müssen – nicht zuletzt, um die Daten zu verarbeiten und den Eigentümern der Technik zur weiteren profitablen Verwertung zu übergeben.

Im Zuge der neuen Kooperation Ford-VW verlässt VW-Topmanager Johann Jungwirth (»Jay Jay«) den Konzern. Er gilt als Initiator und Treiber der Zusammenarbeit mit »Aurora«. Seine skurrilen Auftritte zur »Neuerfindung der Mobilität« und vom »digitalen Menschen« sind schon karikiert worden. Er sieht das Fahrzeug zu unserem »besten Freund/Freundin« werden, dem wir einen Namen geben, das »uns versteht«, die »mit uns kommuniziert«¹.

Vieles läuft bereits. In Vorbereitung des Weltkongresses »Intelligente Transportsysteme« 2021 haben Hamburg und VW eine »strategische Partnerschaft« vereinbart. In einer Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft heißt es: »Alle Elemente der technischen Verkehrsinfrastruktur (wie Lichtsignalanlagen, Streckenbeeinflussungsanlagen, Dauerzählstellen, etc.) sind zentralenseitig angebunden und übermitteln in Echtzeit den aktuellen Betriebszustand. Fehlermeldungen werden automatisiert ausgewertet und Entstörungsprozesse eingeleitet. Die Straßeninfrastruktur erfüllt Anforderungen für automatisiertes/autonomes Fahren (Stufe 4/5). Die notwendige Kommunikationstechnik ist großflächig ausgerollt. Die Infrastruktur ist zur Unterstützung des automatisierten und autonomen Fahrens baulich, verkehrlich und informationstechnisch so ausgerüstet, dass hoch und vollautomatisiertes sowie autonomes Fahren (Level 4/5), mindestens auf dem Hamburger Hauptverkehrsstraßennetz, möglich ist.« (Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft, 19.6.2018).

Über den Preis solcher elektrisch betriebenen und fahrerlos verkehrenden Vehikel schweigen sich alle aus. Sie werden, was man bis heute weiß, eher hochpreisig sein. Damit wird auch individuelle Mobilität wieder zum Luxus für die Reichen. Bei der Umsetzung dieser Strategie wird »Argo AI« benötigt und rechtfertigt jede Investition, während beim Personal gespart und die Arbeitshetze in der Produktion gesteigert wird.

Stephan Krull ist ehemaliger Betriebsrat bei der Volkswagen AG und u. a. Mitbegründer und aktiv in der ATTAC-Arbeitsgruppe »Arbeit fair teilen«

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