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Aus: Ausgabe vom 10.07.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Gequälte Kinder

Unter den Augen des Staates

Sexuelle Gewalt gegen Kinder in Lügde: Weiterer Tatverdächtiger, noch mehr Datenträger – Opferanwälte sehen kriminelles Netzwerk, das 20 Jahre unbehelligt blieb
Von Susan Bonath
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Neuer Anlauf: Beweissicherung auf dem Campingplatz in Lügde am 4. Juli

Vergewaltigt, gequält – und Behörden schauten jahrelang weg. Auch nach dem Beginn des Prozesses gegen drei Beschuldigte vor dem Landgericht Detmold am 27. Juni weitet sich der Skandal um massenhaften Kindesmissbrauch und Kinderpornographie im nordrhein-westfälischen Lügde weiter aus. Der Sumpf ist tief: Eine Polizei, die nach Anzeigen nicht ermittelte und unter deren Aufsicht Beweismaterial verschwand. Beamte, die trotz ähnlicher Straftaten in der Vergangenheit weiter im Dienst waren. Ein Jugendamt, das sich auch nach etlichen Hinweisen auf Missbrauch nicht kümmerte. Nun tauchte in der vergangenen Woche nicht nur ein weiterer Verdächtiger auf. Am Tatort, einem Campingplatz im Ortsteil Elbrinxen, fanden die Ermittler erneut weitere Datenträger mit kinderpornographischem Material, die die Polizei zunächst übersehen hatte.

In der vergangenen Woche hatten in Detmold die ersten von insgesamt mehr als 40 bisher bekannten Opfern unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgesagt. In diesem Prozess sitzen zwei Männer auf der Anklagebank: Andreas V. und Mario S. Beide haben gleich zu Beginn gestanden, jahrelang hundertfach Kinder auf dem Campingplatz vergewaltigt und die Taten gefilmt zu haben.

»Spitze des Eisbergs«

Das Verfahren gegen den dritten Tatverdächtigen Heiko V. wurde nach dem Prozessauftakt abgetrennt. Er soll die Gewaltexzesse über eine Webcam beobachtet und gesteuert haben. Außerdem habe er selbst Bilder und Videos von den Vergewaltigungen besessen. Ein Urteil gegen ihn werde bereits Mitte Juli erwartet, heißt es. Der Täter könnte dann sogar als freier Mann das Gericht verlassen. Sein Anwalt rechnet mit einer Bewährungsstrafe, wie er gegenüber der »Tagesschau« sagte. Ermittelt wird zudem gegen fünf weitere Erwachsene wegen Beihilfe und Strafvereitelung, sowie gegen einen 16jährigen wegen des Besitzes von kinderpornographischem Material, das auf dem Campingplatz entstanden war.

Am vergangenen Donnerstag war erneut eine Tatortgruppe der Bielefelder Polizei auf dem Campingplatz angerückt. Die Beamten durchsuchten die Parzelle eines 57jährigen aus Steinheim bei Höxter und stellten »zahlreiche Gegenstände« sicher, die als Beweismaterial in Frage kämen, wie die Staatsanwaltschaft Detmold informierte. Gegen den Mann habe sie aufgrund der Zeugenaussage eines Kindes ein Verfahren wegen schweren sexuellen Missbrauchs eingeleitet. Der Beschuldigte bleibe aber vorerst auf freiem Fuß.

Die Süddeutsche Zeitung berichtete, der neue Beschuldigte sei mit einem der Angeklagten, Mario S., eng befreundet gewesen. Er habe ihm den Kontakt zu zahlreichen Opfern vermittelt, darunter auch seine eigenen Enkelkinder. Zudem soll er selbst Kinder vergewaltigt haben. Dem Spiegel liegen Dokumente vor, aus denen hervorgeht, dass bereits im vergangenen Jahr wegen Kindesmissbrauchs gegen ihn ermittelt, das Verfahren aber nach wenigen Monaten wegen Mangels an Beweisen eingestellt wurde. Ab Februar 2019 sei er erneut ins Visier geraten. Laut Innenminister Herbert Reul (CDU) legten die Ermittler zu diesem Zeitpunkt eine Spurenakte zu ihm an.

Opferanwalt Roman von Alvensleben, der die Grundschülerin vertritt, durch deren Aussage der Skandal aufgeflogen war, sprach vergangene Woche gegenüber der Süddeutschen Zeitung von einem »Moloch«. »Ich befürchte, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist«, sagt er und kritisierte, dass nicht früher ermittelt wurde. »Man hätte den Rundumschlag viel eher machen sollen, es gab ja schon vorher Hinweise auf weitere Beteiligte«, so von Alvensleben. Auch zu den Behörden äußerte er sich: »Ich finde dieses Gehabe von Leuten, die nichts erkannt haben wollen, sehr zweifelhaft.« Ein weiterer Opferanwalt, Peter Wüller, geht sogar von einem kriminellen Netzwerk aus.

Hinweise seit 2002

Das mutmaßliche Netzwerk konnte fast 20 Jahre lang unbehelligt agieren. Die Anklageschrift zählt nach Angaben des Landgerichts Detmold Hunderte Missbrauchsfälle von 1999 bis Januar 2019 auf. Tatorte waren der Campingplatz bei Lügde und ein Haus in Steinheim bei Höxter. Eindeutige Hinweise auf Missbrauch durch Andreas V. hatte die Polizei bereits 2002, weitere Anzeigen folgen. Sie benachrichtigte zwar das Jugendamt, nahm aber keine Ermittlungen auf und informierte nicht die Staatsanwaltschaft.

Auch das Jugendamt hielt still. Im Jahr 2016 vermittelte es V. sogar ein damals sechsjähriges Mädchen auf Wunsch von dessen Mutter als Pflegekind. Hinweise auf Verwahrlosung des Lebensumfeldes nahm das Amt ebenso wenig ernst, wie mehrfach geäußerte Verdachtsmomente auf pädophile Umtriebe dieses und weiterer Männer. Etliche Warnungen wegen möglicher Kindeswohlgefährdung schlug es offenbar in den Wind.

Aktiv wurden die Ermittler erst, nachdem im Oktober 2018 bei der Polizei im niedersächsischen Bad Pyrmont eine weitere Anzeige mit Hinweisen auf Andreas V. als Täter eingegangen war. Im Dezember kam der jetzt Hauptangeklagte in Untersuchungshaft, im Januar folgten die beiden weiteren Beschuldigten. Ersterem wirft die Staatsanwaltschaft mehr als 300 Einzelstraftaten vor. Sichergestellt wurden inzwischen rund 30.000 Fotos und fast 11.000 Videos mit kinderpornographischen Inhalten.

Offene Fragen gibt es viele: Weshalb rührte sich die Polizei erst auf massiven Druck? Warum verschwanden Beweismittel unter ihren Augen? Wollten Beamte etwas verschleiern? Immerhin stieß das Innenministerium NRW bei eigenen Untersuchungen im März auf 15 Fälle, in denen in der Vergangenheit gegen Polizisten aus Lippe selbst wegen Kindesmissbrauchs und Kinderpornographie ermittelt wurde. Unklar ist, ob es dabei Verbindungen zu den jetzt verhandelten Verbrechen in Lügde gibt. Aktuelle Ermittlungen führt die Staatsanwaltschaft nach eigenen Angaben nur gegen zwei Polizisten aus Lippe, weil sie Hinweise ignoriert hatten. Außerdem ermittelt sie deshalb in acht Fällen gegen Mitarbeiter der Jugendämter Hameln und Lippe.

Hintergrund: Amtliche Ignoranz

Drei Männer müssen sich aktuell im Missbrauchsskandal von Lügde vor dem Landgericht Detmold verantworten. Knapp 500 Einzeltaten von 1999 bis 2019 wirft ihnen die Anklageschrift vor; wahrscheinlich waren es weit mehr. Rund 30.000 kinderpornographische Fotos und 11.000 Videos stellten die Ermittler bislang sicher. Fast 20 Jahre lang konnte das Verbrechernetzwerk unbehelligt agieren.

Dabei lagen der Polizei Lippe bereits vor 17 Jahren konkrete Hinweise auf Kindesmissbrauch durch den Angeklagten Andreas V. vor. Laut Anklage wandte sich Ende der 1990er Jahre ein achtjähriges Mädchen mit eindeutigen Hinweisen zu V. an seine Mutter. Diese habe es dem Campingplatzwart gemeldet, der V. jedoch verteidigt habe. Nach erneuten Hinweisen habe die Mutter Anzeige erstattet. Am 28. Januar 2002 vermerkte die Polizei demnach einen Hinweis auf sexuellen Missbrauch durch V. Dem ging sie wegen fehlender konkreter Anhaltspunkte zunächst nicht nach. Erst als der Vater des Kindes V. ebenfalls beschuldigte, eröffnete die Staatsanwaltschaft Detmold ein Ermittlungsverfahren gegen den Mann, das jedoch im Sand verlief.

2008 gab es einen weiteren Verdacht gegen V., ermittelt wurde offenbar nicht. Mehr noch: 2016 gab das Jugendamt eine Sechsjährige auf Wunsch ihrer Mutter zu V. in Pflege. Der von der Mutter getrennt lebende, damals erst 22jährige Vater informierte im selben Jahr Polizei, Kinderschutzbund und Jugendamt über verwahrloste Zustände auf dem Platz. Ende desselben Jahres teilte eine Blomberger Jobcentermitarbeiterin der Polizei mit, dass V. Dinge geäußert habe, die auf sexuelle Vergehen an Kindern hindeuteten. Die Polizei informierte nur das Jugendamt, niemand schritt ein.

Auch der neue Tatverdächtige steht schon länger im Fokus. Anfang 2018 hatte ihn eine 15jährige angezeigt. Der 57jährige soll sie nach einer Feier vergewaltigt haben. Dies bestritt er, die Polizei stellte das Verfahren im Oktober ein. Es sei »nicht sicher feststellbar, dass der Mann gegen ihren erkennbaren Willen handelte«, zitierte Spiegel online vorige Woche aus dem Einstellungsbescheid. Erst als danach bei einer anderen Polizeidienststelle im niedersächsischen Bad Pyrmont ein Hinweis auf Andreas V. einging, kam der Stein ins Rollen. Im Dezember kam V. in Untersuchungshaft, im Januar die beiden anderen Angeklagten. Die Polizei Bielefeld ermittelt auch gegen zwei Polizisten und mehrere Mitarbeiter der Jugendämter Lippe und Hameln. (sbo)

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