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Aus: Ausgabe vom 10.07.2019, Seite 1 / Inland
Ermittlungen in Kassel

Schießsportkameraden im Blick

Mordfall Lübcke: Gesuchtes Auto gefunden, Verdächtige waren im selben Schützenverein
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Auf einer Kundgebung Ende Juni wurde in Kassel umfassende Aufklärung des Mordes an Walter Lübcke und der Verbrechen des faschistischen Terrornetzwerks NSU gefordert

Im Fall des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke haben die Ermittler ein seit Wochen gesuchtes Auto der Marke Skoda gefunden, das mit dem Hauptverdächtigen Stephan Ernst und der Tat selbst in Verbindung gebracht wird. Der Wagen soll auf seinen Schwiegervater zugelassen sein, die Schlüssel hätten die Beamten bei der Durchsuchung von Ernsts Wohnräumen gefunden, berichtete am Dienstag die Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) auf ihrer Internetseite. Anwohner berichten demnach, dass vor rund zwei Wochen Ermittler von Wohnung zu Wohnung gegangen seien und sich nach einem Auto erkundigt hätten. Es wird nun auf Spuren untersucht. In der Nacht der Ermordung Lübckes waren einem Zeugen zwei Autos am Wohnort des CDU-Politikers aufgefallen.

Eine Angabe aus dem inzwischen widerrufenen Geständnis von Stephan Ernst, die einen weiteren Verdächtigen betrifft, hat sich nach HNA-Informationen bestätigt. Ernst soll während seiner angeblich achtstündigen Aussage angegeben haben, dass er sich zunächst von der Neonaziszene gelöst habe, dann aber durch Zufall seinen alten Weggefährten Markus H. wiedergetroffen habe. Dieser habe ihn dann in den Schützenclub 1952 Sandershausen gebracht – und 2015 auf die Bürgerversammlung in Lohfelden mitgenommen, auf der Rechte Walter Lübcke angepöbelt hatten, weil er die Aufnahme geflüchteter Menschen mit christlichen Werten erklärt und gesagt hatte, wer diese ablehne, könne ja das Land verlassen. Seither hatte sich Ernst laut dem urprünglichen Geständnis in die Vorstellung hineingesteigert, Lübcke sei für Chaos, mutmaßliche Flüchtlingskriminalität und überhaupt für eine aus den Fugen geratene Welt verantwortlich. Markus H. und ein weiterer Mann waren infolge der Aussagen von Ernst festgenommen worden – allerdings laut Staatsanwaltschaft zunächst nicht als mutmaßliche Mittäter bei dem Mord, sondern wegen illegaler Waffengeschäfte. Der ebenfalls Festgenommene Elmar J. soll Ernst die spätere Tatwaffe verkauft haben, Markus H. soll andere Waffenkäufe vermittelt haben. (AFP/jW)