Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 09.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Nichts bleibt übrig

Der Dokumentarfilm »Erde« schaut auf das Zeitalter des Anthropozän
Von Hannes Klug
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»Jede Gewinnung aus der Erde ist ein gewaltvoller Akt« (Filmszene)

Die Erdkruste hebt sich langsam an und wölbt sich, als würde darunter jemand einen tiefen Atemzug nehmen. Dann, mit einem Krachen, zerreißt die Oberfläche, Gesteinsbrocken wirbeln durch die Luft, die Druckwellen werden als Fontänen aus Staub sichtbar, die sich ausbreiten und, als nach ein paar Sekunden alles vorbei ist, schon wieder als zarter Dunst durchs Bild schweben. Auch der brutalsten, rücksichtslosesten Gewalt wohnt Poesie inne, und Nikolaus Geyrhalter findet sie in dem, was man gemeinhin Mondlandschaften nennt. Nur, dass sich diese Landschaften auf der Erde befinden. Oder sollte man sagen: in der Erde?

In Kaliforniens boomendem San Fernando Valley reicht die Ödnis weiter, als die Kamera es fassen kann. Bagger, Raupen und gigantische Kipplaster fahren umher, graben und schütten: Eine einstmals harmonische Hügellandschaft wird eingeebnet, damit hier eine neue Stadt gebaut werden kann, mit Wohnungen, Supermärkten und einem Kino, wie ein Bauleiter erzählt. Auf zwanzig Quadratkilometern wird dafür Erde bewegt, bleibt kein Stein neben dem anderen. Der österreichische Regisseur Geyrhalter (»Unser täglich Brot«) findet die Schauplätze für den Dokumentarfilm »Erde« in Nordamerika, aber auch in Europa: ein Tagebau in Ungarn, ein Marmorsteinbruch in Italien. All diesen Orten ist gemein, dass sie nichts von dem übrig lassen, was hier einmal als Landschaft existiert hat: Nahzu alles Leben ist hier vernichtet.

Die Initiatoren dieses Raubbaus an der Natur verstehn die Erde nicht mehr als Wohlstandsquelle und Lebensspenderin, sondern nur noch als Rohmaterial für menschliche Eingriffe. Der Film liefert Sinnbilder dafür, wie die Zerstörung dieses Planeten voranschreitet – nicht nur physikalisch durch steigende Temperaturen oder chemisch durch Gifte, beides oft unsichtbare und daher schwer greifbare Prozesse. Die aufgerissene Erdoberfläche zeigt die mechanischen Wunden, die offen daliegen. Geyrhalter malt in formstrengen Einstellungen ein apokalyptisches Bild von toten Landschaften der Gegenwart, denen das Wort Wüste noch mehr als schmeicheln würde.

Die kapitalistische Produktionsweise, schreibt Karl Marx, könne »den Reichtum der Gesellschaft nur entwickeln, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter«. Im Film sagt ein Archäologe in der spanischen Bergbaumine Riotinto: »Jede Gewinnung aus der Erde ist ein gewaltvoller Akt«, gegen den die Erde sich wehre. Optimismus steuert keiner von denen bei, die vor Ort die Erdmassen bewegen. Aber man müsse ja irgendwie leben, sagen sie, und so sei das nun mal mit der Wirtschaft und dem Profit.

»Erde« ist ein deprimierender Film, aber auch einer, der seinen toten Welten in grandiosen Tableaus Momente des Erhabenen und Bilder paradoxer Schönheit abringt. Geyrhalters Kamera erinnert an die grausam harmonischen Bilder zerstörter Natur des kanadischen Fotografen Edward Burtynsky und bewegt sich teilweise sogar auf dessen Spuren, doch sie dringt weiter vor: Hunderte Meter tief in die Schachtanlage des einst als atomares Endlager gedachten Salzbergwerks Asse in Niedersachsen oder in den Stollen eines Eisenbahntunnels am Brenner, wo sich Maschinen ins Innere des Berges fressen.

Im kanadischen Fort MacKay, wo heute Ölsand abgebaut wird und wo es wirklich aussieht wie auf dem Mars, war einst die First Nation der Dené zu Hause, deren Name soviel bedeutet wie »Volk der Erde«: Doch überall stehen jetzt Schilder, auf denen steht: »Betreten verboten.« Die Böden sind verseucht, die Flüsse vergiftet. »Erde« ist eine gnadenlose und verstörende filmische Reise ins geologische Zeitalter des Anthropozän.

»Erde«, Regie: Nikolaus Geyrhalter, Österreich 2019, 121 Min., bereits angelaufen

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