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Aus: Ausgabe vom 09.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Essayistik

Nicht bloß für Deutsche

Die Form im Vollzug: Claudius Seidls »nahezu klassische Feuilletons«
Von Jakob Hayner
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Was meinen Sie mit Krise der Männlichkeit? Ein Fall für Claudius Seidl und John Wayne (l.)

Was heißt und zu welchem Ende macht man Feuilleton? Das ist nicht einfach zu beantworten. Denn das Feuilleton zeichnet sich grundsätzlich nicht durch die Beschränkung auf bestimmte Themen aus. Zwar richtet sich ein besonderes Interesse auf ästhetische und geistige Gegenstände wie Literatur, Musik, Theater, Film und Wissenschaften, doch sind – Leser dieser Seiten werden es wissen – auch Gesellschaft, Politik und Wirtschaft keineswegs ausgenommen. »Feuilleton als Methode« nennt es Claudius Seidl, also einer, der seit Jahren und Jahrzehnten fürs Feuilleton schreibt und Feuilleton macht, bei der Süddeutschen Zeitung, der Zeit, bei Tempo, beim Spiegel und seit 2001 als Ressortleiter bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Nun ist in der Edition Tiamat unter dem Titel »Die Kunst und das Nichts. Nahezu klassisches Feuilleton« eine Sammlung mit Texten Seidls erschienen. Es sind jeweils nur ein paar Seiten, man könnte sagen: Miniaturen, kurze Essays, die einen Anfang und ein Ende haben und dazwischen ein Denken, das seine Form im Vollzug findet.

Persönliche Erlebnisse, Filme und Bücher, Allerneustes aus der Populärkultur oder auch, was an der Tradition Vernünftiges zu finden ist, fließen in die Gestalt ein. Die geistige Erfahrung lässt sich nicht beschränken, wie es das Bürgertum einst noch forderte, sondern ist demokratisch, in ihr kann alles einen Widerhall finden. Feuilleton dieser Art hat Vorläufer, in der linken Intelligenz der 20er Jahre bei Walter Benjamin und Siegfried Kracauer zum Beispiel. Solch demokratisches und aufklärerisches Denken – was sich zudem auch noch beneidenswert gut formuliert mitzuteilen weiß – ist zugleich mit einem Universalismus verbunden, der eine versöhnte Menschheit zu antizipieren versucht. Das beginnt mit einer Aversion gegen Phrasen, die manch feinnervigen Menschen eigen ist, Feuilletonisten zum Beispiel. Mit dieser Aversion beginnt eigentlich kritisches Denken, es versucht sich abzusetzen von dem, was undurchdacht als Meinungsbrei zirkuliert, um ihm ein besseres Verständnis der Sache gegenüberzustellen. Bei Seidl wird das beispielsweise deutlich, wenn er auf das zu sprechen kommt, was unter Deutschsein oder deutscher Kultur im Allgemeinen verstanden wird und was ihm ganz offenbar ein Graus ist. »Wer von Beethoven oder Thomas Mann wirklich etwas mehr wüsste, wer also von deutscher Kultur tatsächlich ein tieferes Verständnis hätte – der wüsste doch auch, dass diese Kultur sich nicht bloß an die Deutschen richtet,« schreibt Seidl. Kultur wird hier als eine Methode verstanden, um Menschen weltweit miteinander bekannt zu machen.

Und wie einst – bevor die vermeintliche Reinheit der Kultur ein Wert wurde – die antiken Klassiker, Dante und Shakespeare selbstverständlicher Teil der deutschen Kultur waren, so sind es bei Seidl ebenso selbstverständlich das US-amerikanische Kino, der Jazz, Godard, Tarantino und auch Marx. Der Westen ist ihm schon Provinz geworden, ohne dass er deshalb dessen beste Kulturtechniken verwerfen will. Er nimmt das Gelungene, das auf eine Weltgesellschaft im emphatischen Sinne zielt. Seine Anlässe sind entsprechend vielfältig: Seidl schreibt über Superheldenfilme, über John Wayne, die Krise der Männlichkeit, das Kopftuch, Judenfeindlichkeit, die sich hinter dem Gerede vom jüdisch-christlichen Abendland verbirgt, das Verschwinden des Rauchens, den schändlichen und schädlichen Umgang mit Drogen, die noch unter Verbot stehen, Pornographie, Rainald Goetz – und über all das so, dass man es gerne liest. Er weiß, dass das (Lese-) Publikum dem Künstler Zeit und Aufmerksamkeit zur Verfügung stellt, um dafür mit Glück, Lust und Erkenntnis beschenkt zu werden. Es sollte ihn lesen.

Claudius Seidl: Die Kunst und das Nichts. Nahezu klassisches Feuilleton. Edition Tiamat, Berlin 2019, 240 Seiten, 18 Euro

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