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Aus: Ausgabe vom 09.07.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
ÖPNV

Teurer Fahrschein

Sächsische SPD feiert ihr Azubiticket. Kritik kommt von Auszubildenden und Linkspartei
Von Steve Hollasky
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Könnten wesentlich günstiger sein: Fahrscheine des öffentlichen Nahverkehrs

Ein Bildungsticket wollte die sächsische Regierungskoalition aus CDU und SPD einführen, das »Schülerinnen, Schülern und Auszubildenden über den Schulweg hinaus die Nutzung des ÖPNV«, also des öffentlichen Personennahverkehrs, das ganze Jahr hindurch zu einem günstigen Preis ermöglichen sollte. So hatte es der Koalitionsvertrag nach der letzten Landtagswahl 2014 vorgesehen.

Fast fünf Jahre später will die Landesregierung nun zum 1. August dieses Vorhaben umsetzen, allerdings ganz anders als ursprünglich erklärt. Ab diesem Datum sollen Auszubildende sachsenweit ein Azubiticket für 48 Euro erwerben können. Sollte die Grenze zu einem anderen Verkehrsverbund überschritten werden, kostet das weitere fünf Euro. Zudem sollen Schülerinnen und Schüler mit einem Freizeitticket ab 14 Uhr und am Wochenende sowie in den Ferien für zehn Euro im Monat den ÖPNV benutzen können. Thomas Baum, verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, erklärte vorigen Dienstag auf jW-Anfrage, das Ticket werde »die Auszubildenden in entscheidendem Maße bei ihren Mobilitätskosten« entlasten. Im Verkehrsverbund Oberelbe koste die ermäßigte Monatskarte »derzeit mehr als 100 Euro pro Monat«, so der SPD-Politiker weiter.

Die große Freude scheint sich bei so manchem Berufsanfänger dennoch nicht einstellen zu wollen. So hatten Auszubildende für den Beruf der Fachkraft für Veranstaltungstechnik bereits am Montag im Gespräch mit junge Welt dargelegt, dass sie von den neuen Regelungen nicht profitieren würden. Da ihre Ausbildungsschule in Halle liege, ihre Ausbildungsplätze hingegen in Leipzig und Dresden, müssten sie regelmäßig die sächsische Landesgrenze überqueren. Obwohl Sachsen und Sachsen-Anhalt verkehrsorganisatorisch zum »Mitteldeutschen Verbundraum« (MDV) gehören, stehen die Azubis weiterhin im Regen. »Wenn wir Schule haben, geben wir innerhalb von 14 Tagen rund 140 Euro für Fahrtkosten aus«, schilderte eine der Auszubildenden die Situation. Lediglich die Hälfte könne man sich zurückerstatten lassen. Bei einem Lehrlingsgehalt von 800 bis 900 Euro seien diese Beträge schnell eine enorme Belastung. Gegenüber junge Welt bestätigte SPD-Politiker Baum am Dienstag diese Situation. Hintergrund sei, »dass in Sachsen das Wohnort- und nicht das Schulortprinzip« gelte. Man sei aber mit dem MDV in diesem Fall bereits in Verhandlungen.

Dass weitere Verhandlungen das Azubi- und das Schülerfreizeitticket zu einem Erfolg machen werden, scheint Marco Böhme von der Fraktion der Linkspartei im Sächsischen Landtag indes zu bezweifeln. Im Gespräch mit jW erklärte er, es gebe auch jetzt schon Azubitickets, diese seien zwar teurer, müssten aber anders als das ab dem 1. August geltende nicht im Jahresabo bezogen werden. Das liege der Lebenswelt von Azubis näher, da sie die Fahrkarte nicht das ganze Jahr über benötigen würden. Das von CDU und SPD geplante Ticket verursache schnell Kosten von über 600 Euro jährlich, befürchtet Böhme.

Auch die Kosten der Schülerbeförderung würden sich nicht ändern. Hauptproblem seien vor allem die von CDU und SPD zu verantwortenden Schulschließungen der letzten Jahre, die gerade im ländlichen Raum die Wege von Wohn- zu Schulort verlängert hätten. Böhmes Fraktion fordert eine Fahrkarte, welche für den gesamten MDV gelten und nicht mehr als zehn Euro im Monat kosten solle.

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