Gegründet 1947 Freitag, 19. Juli 2019, Nr. 165
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 08.07.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Theorie des Zeitalters

Tiefe der Zäsur

Was verlorenging und was ins Haus steht: Alfred Kosing über Epochen und Epochenwechsel
Von Werner Röhr
100_Jahre_Oktoberrev_56118408.jpg
Soldaten demonstrieren im Oktober 1917 in Moskau mit einem Banner, auf dem »Kommunismus« steht

Im Jahr 1960 versammelten sich in Moskau Vertreter von 81 kommunistischen und Arbeiterparteien zur Beratung über die weltpolitische Situation und die Aufgaben der Arbeiterbewegung. In ihrer Abschlusserklärung bestimmten sie ihre Epoche als die des Kampfes beider Weltsysteme, des kapitalistischen und des sozialistischen. Ihre Zustandsbeschreibung für den Sozialismus war sehr positiv; von Entwicklungsproblemen oder Widersprüchen war keine Rede, der weltweite Übergang zum Sozialismus und dessen Triumph galten als sicher. Über den Kapitalismus fällten sie ein anderes Urteil: »Das kapitalistische Weltsystem ist von einem tiefgreifenden Niedergangs- und Zersetzungsprozess erfasst.«

Wunschdenken

Spätestens seit dem Untergang der sozialistischen Staaten in Europa und der Auflösung der Sowjetunion 1991 ist nicht mehr zu leugnen, wie illusionär diese Epochenbestimmung schon damals war. Der Philosoph Alfred Kosing sucht in seiner jüngsten Arbeit die Ursachen für dieses Fehlurteil herauszufinden und analysiert zu diesem Zweck zunächst Lenins Bestimmung des Imperialismus als sterbendem Kapitalismus und zweitens die Theorie von der allgemeinen Krise des Kapitalismus. Lenins These qualifiziert er als metaphorisch; wörtlich genommen, habe sie zu gravierenden Fehlorientierungen führen müssen. Die wesentlich auf Analysen des marxistischen Ökonomen Eugen Varga gestützte Theorie über die allgemeine Krise des Kapitalismus unterschätzte, so Kosing, sträflich die weitere Lebensfähigkeit und die Entwicklungsmöglichkeiten des monopolistischen Kapitalismus.

Die These von der allgemeinen Krise des Kapitalismus brachte gleichsam alle wesentlichen Widersprüche des Kapitalismus auf einen Begriff und legte so den Gedanken nahe, dass die Verschärfung dieser Widersprüche den Kapitalismus in den Zusammenbruch führen werde. Kurzum: Nicht erst nach dem Ende der abgelaufenen Epoche, sondern schon bei ihrer Formulierung waren die Prognosen von 1960 ersichtlich falsch und spiegelten weniger eine wissenschaftliche Einsicht und schon gar nicht die kollektive Weisheit der 81 Parteien wider, sondern eher Wunschdenken und die Autorität der nachstalinschen Sowjetunion, die aus der Stalinzeit überkommene Denkmuster noch lange nicht überwunden hatte.

Die 1989/91 begonnene Epoche der Weltgeschichte nennt Kosing die Epoche des globalisierten Imperialismus. Er umreißt nüchtern eine ganze Reihe ihrer gegenwärtigen Merkmale und ihres Potentials für Kriege, Terrorismus, absolute Weltherrschaft des US-Kapitals, Völkerwanderungen, Zerstörung der natürlichen Existenzgrundlagen der Menschheit, um am Ende zu fragen: Wo bleibt die Vernunft?

Sein Epochengemälde veranschaulicht gleichzeitig, wie schwer es uns heutigen Zeitgenossen fällt, von den Erfahrungen und Mustern der gerade abgelaufenen Epoche endgültig Abschied zu nehmen und sich das weltgeschichtliche Ausmaß und die Tiefe der Zäsur nüchtern bewusst zu machen, zumal mögliche Gegenkräfte erhofft, ersehnt, aber noch nicht gesehen werden. Kosing verliert seinen Optimismus dennoch nicht. Aber ob der Atem einer oder mehrerer Generationen ausreichen wird, die Epoche des globalisierten Monopolkapitalismus ohne irreversible Schäden für die Menschheit und die Erde durchzustehen, bleibt offen. Sein Buch ist jedenfalls geeignet, den Blick dafür zu schärfen, was mit der abgelaufenen Epoche verlorenging und was mit der angelaufenen noch ins Haus steht. Und doch lotet sein Buch tiefer als ein Katastrophenszenario.

Das Buch ist ein separierter Teil seiner Tetralogie über den Untergang des realen Sozialismus, deren Hauptband 2017 zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution erschien. Ein Vorteil des neuen Werkes besteht nicht zuletzt darin, dass der Autor zuweilen noch prägnantere Formulierungen gefunden hat als zuvor.

Peinliches Zeugnis

Kosings Ansatz erinnert an eine noch gar nicht so alte Tradition deutscher Philosophen, eine Theorie ihres eigenen Zeitalters zu schreiben. Verwiesen sei auf zwei Vorgänger. Erstens auf Johann Gottlieb Fichte, der seine öffentlichen religionsphilosophischen Vorlesungen 1804/1805 in Berlin unter dem Titel »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« hielt. Sie sind ein peinliches Zeugnis für Fichte, denn von dem die damalige Epoche bestimmenden historischen Ereignis, der Französischen Revolution, ist überhaupt keine Rede. Fichte verleugnete seine eigenen Revolutionsschriften aus den 1790er Jahren und diagnostiziert ein Zeitalter der »vollendeten Sündhaftigkeit«.

Erfrischender ist das zweite Buch, auf das hier verwiesen sei. Der Leipziger Philosoph und Kultursoziologe Hans Freyer formulierte im 20. Jahrhundert gleich zweimal eine griffige Formel für sein Zeitalter. 1932 hieß sie in Erwartung des Faschismus in Deutschland »Revolution von rechts«. 1955 erschien sein berühmtes Buch »Theorie des gegenwärtigen Zeitalters«. Er analysiert darin den weltgeschichtlichen Umbruch von der jahrtausendealten agrarischen Zivilisation zum industriellen Zeitalter. Anders als oft unterstellt, ist nicht der französische Soziologe Raymond Aron der Vater der Theorie der Industriegesellschaft: Ihre Väter waren vielmehr in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre Arnold Gehlen und Hans Freyer.

Freyers »Theorie des gegenwärtigen Zeitalters« lieferte viele Formeln, die die industrielle Gesellschaft beschrieben und bald Allgemeingut der bürgerlichen Intelligenz Europas wurden, etwa von der Vollendbarkeit der Geschichte, der Machbarkeit der Sachen, der Organisierbarkeit der Arbeit und den Paradoxien des Erbes. Mit seiner Spezialisierung auf Kulturgeschichte – Freyer war schließlich viele Jahre lang Direktor des Lamprecht-Instituts für Kultur- und Universalgeschichte in Leipzig – ging es ihm darum, zu zeigen, wie tief die Zäsur zwischen den agrarisch geprägten Gesellschaften und der industriellen Gesellschaft war und dass diese Veränderung alle Lebensbereiche, alle Gewohnheiten, alle Bedürfnisse usw. betraf. Kosing ist kein Kulturphilosoph, aber wie tiefgehend und umfassend die neue Epoche alle Umstände der Menschen und ihn selber ändern wird, lässt sein Buch ahnen – auch wenn er die angekündigte Theorie der Epochen nur knapp behandelt.

Alfred Kosing: Epochen und Epochenwechsel in der neueren Geschichte. Probleme der Theorie und der Politik. Verlag am Park, Berlin 2018, 241 Seiten, 16,99 Euro

Ähnliche:

  • »Nieder mit der roten Bourgeoisie!« Mit solchen Losungen fordert...
    02.06.2018

    Kritisch konform

    Auch in Jugoslawien protestierten 1968 die Studenten. Dabei verhielten sie sich grundsätzlich solidarisch zur bestehenden Gesellschaftsordnung. Sie verlangten aber eine Demokratisierung der staatlichen Institutionen
  • Nach dem Ende der sozialistischen Staaten waren jene, die sich a...
    03.02.2018

    Marx als Produkt

    Welche Wandlungen erfuhr das Denken des vor 200 Jahren geborenen Philosophen und Kritikers?
  • In den frühen 1950er Jahren zählte der Philosoph und Journalist ...
    30.11.2016

    Der verhinderte Reformer

    Im November 1956 wurde der Philosoph Wolfgang Harich festgenommen. Die DDR-Führung warf ihm vor, den Sozialismus abschaffen zu wollen

Mehr aus: Politisches Buch