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Aus: Ausgabe vom 08.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Griechenland

Kaputtgespielt

Tagebuch eines deutschen Griechen. 6. Juli 2019
Von Asteris Kutulas
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»Es geht bei diesen Wahlen um nichts, glaub mir«

Athen ist ruhig, seltsam still. Null Wahlkampfstimmung. Ich habe das Gefühl, wenn nicht auf den Fernsehbildschirmen in Restaurants oder Kafenions die diversen Politikerköpfe auftauchen würden und wenn es nicht ein paar zentrale Veranstaltungen der Parteien gäbe, würde man vom Wahlkampf gar nichts merken.

Mein alter Freund Dionissis meint desillusioniert: »Es geht bei diesen Wahlen um nichts, glaub mir.« Ich nehme einen Schluck griechischen Kaffee »me oligin« und erwidere: »Tsipras hat gestern gesagt, es geht um unser Leben.« Dionissis schüttelt den Kopf: »Alles Floskeln. Kuck sie dir an, diese traurigen, machtgeilen Gestalten: Kyriakos Mitsotakis von der Neuen Demokratie, Alexis Tsipras von Syriza, Fofi Gennimata von der Ex-Pasok-Bewegung Kinal, Nikos Koutsoumbas von den Kommunisten. Und dazwischen auch noch der gescheiterte Exfinanzminister Yanis Varoufakis mit seiner neuen Partei »Mera 25« (Diem 25, jW) – irgendwie alles ›greise‹ Politiker von gestern. Kein Visionär darunter, alles Luftnummern. Wir sind wirklich verloren.« Er nimmt einen Schluck Bier, schaut sich um und krempelt seine Ärmel hoch. Es ist sehr heiß in Athen.

2012 war Dionissis noch Mitglied der Hackergruppe Anonymous. Ende Januar 2012 schickte Anonymous eine Botschaft an die damalige griechische Regierung, in der es hieß, das Volk solle keine Angst haben vor seiner Regierung, sondern die Regierung solle Angst haben vor dem Volk. Ich erinnere ihn daran. Dionissis will nichts mehr davon wissen: »Das ist Schnee von gestern. Außerdem ist ja durch Syriza das Volk an die Macht gekommen … oder? – Asteris, weißt du, was mich wirklich wütend macht? Dass die Faschos von der ›Goldenen Morgendämmerung‹ und der ›Griechischen Lösung‹ insgesamt bestimmt auf 7 Prozent kommen. Wie kann man nur solche furchtbaren und gefährlichen Typen wählen? Es gibt keine Hoffnung, mein Bruder. Es geht nur noch um das eigene Leben. Ich werde mit meiner Familie Griechenland verlassen. Wir ziehen zu meinem Cousin nach Perth. Ich kriege dort einen sehr guten Job in der Perlenproduktion.«

Diesen »Schlussstrich« haben in den Jahren der Krise inzwischen mehr als 600.000 vor allem jüngere Griechen gezogen. Griechenland verliert seine Zukunft. Sehr viele meiner Landsleute sind total ernüchtert, müde und kaputtgespielt. Solche resignierten Aussagen habe ich gestern und heute zuhauf gehört: Die griechischen Politiker haben das Land verkauft und verraten, die EU hat Griechenland herabgewürdigt und abgestoßen, und aus der Hoffnung und Systemalternative Syriza wurde ein Stabilisator des Systems. Auch Dionissis bringt es auf diesen Punkt: »Nach vier Jahren Syriza-Regierung hat uns das System eine klare Botschaft geschickt: Keiner kann ihm was anhaben. Das System hat ohne große Mühe selbst die radikalen Linken von Syriza absorbiert und sich untertan gemacht.«

Dionissis wechselt das Thema: »Wie findest du es in dieser Location? Ich dachte, dir als deutschem Griechen wird es gefallen, dass wir uns in einer der besten Bierbars Athens treffen.« – »Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss. Ich trinke keinen Alkohol. Ich bleibe bei meinem Kaffee.« Dionissis schaut mich ungläubig an. »Ich sollte auch keinen Alkohol trinken. Das Bier kostet hier fünf Euro, und ich kann mir das eigentlich nicht leisten.«

Asteris Kutulas ist Autor, Filmemacher und Konzeptkünstler und lebt in Berlin

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