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Aus: Ausgabe vom 06.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Druckgrafik

Kunst für alle

Gegen Reaktion und Kommerz: Zum Neustart der Kunstedition der Tageszeitung junge Welt
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Baldwin Zettl (geb. 1943), »Das Lehrblatt«, jW-Grafik (1976), Kupferstich

Im August 2017 schrieb uns der bedeutende Maler des Realismus Ronald Paris in einem Brief: »Immer mal in der jungen Welt ein Blatt veröffentlicht zu sehen, sollte junge Leute selbst zum Sammeln anregen mit entsprechendem Hinweis, sich direkt an noch lebende Künstler wenden zu können! Erfahrungsgemäß gibt es bereits interessierte junge Menschen, die ihre ›Schwellenangst‹ nicht einfach überwinden können, um eine Galerie aufzusuchen, die Grafikangebote führt. Meine Vorstellung wäre auch, dass Ihr einen kundigen Kunstwissenschaftler gewinnen solltet, der diese ›Rubrik‹ mit einführenden Texten und Bildbeispielen in gewisser Kontinuität den Lesern nahebringt. Vertrauend darauf, dass ›steter Tropfen den Stein höhlt‹! (…) Jedoch bleibt nachzudenken, wie derartige Initiativen neu belebt werden könnten.«

Auf welche Initiativen bezog sich Ronald Paris? Zwischen 1971 und 1985 leistete sich die Tageszeitung junge Welt etwas weltweit Einmaliges: eine eigene Edition mit Original-Druckgrafik. Die Redaktion beauftragte in diesen 14 Jahren 131 Künstler mit der Erarbeitung von Grafiken zu vorgegebenen Themen – insgesamt 173 Arbeiten wurden gedruckt. Alle Blätter wurden in der auflagenstärksten Publikation der DDR in Originalgröße abgebildet und ausführlich kommentiert. Die Grafikedition war kein Nebengeschäft, um mit Kunst Geld zu verdienen. Im Gegenteil war die Edition mit Verkaufspreisen von 20 bis 25 Mark für großformatige – und zum Teil aufwendig mehrfarbig gedruckte Blätter – ein Zuschussgeschäft, das nur mit Unterstützung durch den Kulturfonds der DDR für die Künstlerhonorare und die Kooperation mit der Druckerei der Kunsthochschule Weißensee zu stemmen war. Bei Auflagenhöhen von 120 bis 200 Exemplaren sind so mehr als 25.000 Originale unters Volk gebracht worden, und genau dies war auch der Zweck der Sache: Eine Demokratisierung des Kunstbesitzes!

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Roland R. Berger (geb. 1942), »Das Hochdrucklehrblatt«, jW-Grafik (1979), Linolschnitt

Fritz Wengler, Initiator und treibende Kraft des Unternehmens, brachte es im Gespräch mit Stefan Huth (jW vom 29./30. Juni 2019) auf den Punkt: »Wir wollten junge Leute für Kunst begeistern und demonstrieren, dass sie erschwinglich sein kann. (…) Selbst wenn die Auflage bei 1.000 Exemplaren liegt, dann ist auch das tausendste Blatt ein Original. Beglaubigt durch die Signatur des Künstlers, die es gleichsam autorisiert. Dieser Gedanke des Originals hat seine Faszination nicht verloren. Es verbindet sich also im günstigen Fall die Freude an der Kunst mit der des Sammelns von Kunst. Wer erst einmal angefangen hatte, zwei, drei Blätter bei der Jungen Welt zu bestellen, der ging auch in die Galerie und hat sich umgesehen, wo er etwas anderes her bekommt. Junge Leute neigen ja dazu, sich Poster in ihre Zimmer zu hängen und bleiben dann häufig dabei. Aber das ist kein Einstieg in die Kunst. Man muss die Leserinnen und Leser aufschließen, Freude zu haben an dem originalen Kunstwerk.« Für eine Tageszeitung biete eine Kunstedition außerdem die Möglichkeit, »mit den Lesern weiter im Gespräch über Kunst zu bleiben«.

Schon Arno Mohr argumentierte in den 1950er Jahren: »Die Entwicklung unserer demokratischen Kultur wird dahin führen, dass auch der werktätige Mensch in viel stärkerem Maße als bisher als Käufer von Kunstwerken in Erscheinung treten wird. Aber nur wenigen wird es möglich sein, gute Originalölbilder zu erwerben. Eine künstlerische Druckgrafik dagegen ist für jeden erschwinglich, denn schon mit geringen Mitteln kann man ein hochwertiges Werk kaufen. Das vom Künstler selbst gedruckte und handsignierte grafische Blatt trägt den Charakter eines originalen Kunstwerkes, das den Käufer in einem viel höheren Maße mit dem Künstler verbindet als eine industriell gefertigte Reproduktion« (siehe auch jW-Thema »Die Kunst des Druckens« vom 11. April 2018).

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Fritz Wengler (r.) und Andreas Wessel im Gespräch in der jW-Ladengalerie

In Zeiten reaktionärer Vereinnahmung von Kunst und Kultur sehen wir die Möglichkeit und die Verpflichtung, uns als Tageszeitung mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln in den Kulturkampf einzumischen. Eine gegenkulturelle Bewegung ist in der bildenden Kunst ohne engagierte, neugierige Sammler nicht realisierbar – Künstler und Sammler sind solidarische Partner, was auch ein gegenseitiges Fordern einschließt. Wir haben uns daher entschlossen, eine gute Tradition wiederzubeleben und bieten unseren Lesern heute das erste Blatt der neuen jW-Grafik-Edition an: einen dreifarbigen Siebdruck von Marc Gröszer.

Stefan Zweig warnte 1914: »Nähert sich (...) der Sinn des Sammelns dem des Kunstwerkes in Ursprung und Ziel, so sind beide noch verwandter durch ihre Gefahren, denn die beiden Feinde der Kunst sind auch die der Sammlung: der Dilettantismus und das Geschäft.« Gegen beide Gefahren sind wir gut gewappnet. Ganz wie von Ronald Paris gefordert, wird die Edition von Andreas Wessel sachkundig betreut, und es werden alle Grafiken sowie die Künstler jeweils ausführlich vorgestellt. Neben Fragen der Kunst werden auch die Problematik von Original versus Reproduktion und die Drucktechniken diskutiert. Die Drucker und ihr Beitrag zur Entstehung von druckgrafischen Originalkunstwerken werden ebenfalls Thema sein. Geplant sind zudem in loser Folge Künstlergespräche in der jW-Ladengalerie. Und ganz wie in der DDR wollen wir mit einem niedrigen Preis Kunst für alle bieten: Bei einer Druckauflage von 250 Exemplaren (200 davon für den freien Verkauf, 50 als Belege für Künstler und Verlag) bieten wir die Grafiken für 28 Euro zum Kauf an. Die Arbeiten werden zunächst im Abstand von vier Monaten publiziert und können auch im Abonnement erworben werden. Im Gegensatz zur DDR müssen wir allerdings ohne staatliche Subventionen auskommen, damit hängt der Erfolg der neuen Edition von der Solidarität der Künstler, der Drucker und der Leser der jW ab!

Redaktion und Verlag

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