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Aus: Ausgabe vom 05.07.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Copa América: Titelverteidiger Chile entthront, Peru im Finale

Von André Dahlmeyer, Porto Alegre
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König kopfüber: Pedro Gallese (Peru) und Arturo Vidal (Chile)

Im zweiten Halbfinale der 46. Copa América wurde am Donnerstag der Endspielgegner Brasiliens ermittelt. Titelverteidiger Chile traf in der »Arena do Grêmio« von Porto Alegre auf die Auswahl Perus – der »Pazifik-Klassiker«, 81. Auflage. Beide Fußballnationen konnten die Copa bisher je zweimal gewinnen. Beide reklamieren bis heute die Erfindung des Fallrückziehers für sich.

Es war auch ein Duell der Trainer. Für Chile steht aktuell der Kolumbianer Reinaldo Rueda an der Seitenlinie, ein Kumpel von Jürgen Klopp mit Abschlusszeugnis von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Rueda führte Honduras und Ecuador zur WM-Qualifikation, 2016 gewann er mit Atlético Nacional aus Medellín die Copa Libertadores.

Peru wird seit knapp fünf Jahren vom Argentinier Ricardo »el Tigre« Gareca trainiert. Franz Beckenbauer wird sich an den Mann erinnern. Als der »Kaiser« im Herbst 1984 im Düsseldorfer Rheinstadion sein Debüt als »Teamchef« der westdeutschen Auswahl gab, war es Gareca, der in der 58. Spielminute auf dem linken Flügel den Hamburger Ditmar Jakobs vernaschte und an den langen Pfosten passte, wo Argentiniens Kapitän Jorge Burruchaga nur noch die Sohle hinhalten musste zum 3:0. Toni Schumacher hatte keine Chance, die BRD war in Grund und Boden gespielt. Mitte 1985 war es ein Tor von Gareca gegen Peru, das die »Albiceleste« für die WM in Mexiko qualifizierte, die die Gauchos ein Jahr später dann gewannen.

Als Trainer gewann »El Tigre« zwischen 2009 und 2013 vier argentinische Meisterschaften mit Vélez Sarsfield. Peru qualifizierte sich unter ihm das erste Mal seit 36 Jahren wieder für eine WM (die in Russland 2018). Man sollte meinen, an einem Denkmal des Mannes werde bereits gebaut. Nun also Chile. Beide Teams hatten im Viertelfinale kein Tor erzielt und 5:4 nach Elfmeterschießen gewonnen, Peru gegen den Rekordgewinner der Copa, Uruguay (»Pistolero« Luis Suárez verschoss gleich den ersten), Chile gegen den ängstlichen Titelfavoriten Kolumbien.

Anpfiff in Porto Alegre. Es ist hundsgemein kalt. Peru dominiert von Anbeginn, ist aggressiv, lässt den Ball zirkulieren, zeigt sich inspiriert und auf allen Linien geordnet. Die Inkakicker haben sich eindeutig als Chilenen verkleidet. André Carrillo dominiert am rechten Flügel, und Edison Flores zieht aus allen Lagen ab. Auf dem Papier machen »König« Arturo Vidal und Charles Aránguiz im Mittelfeld der Chilenen den Unterschied aus, aber davon sieht man nichts. Das sind Offensivspieler, aber die, die angreifen, sind Peruaner.

»Chi-Chi-Chi, le-le-le!« Einige Fans machen sich bemerkbar. Dann irgendwas mit dem verdammten Video assistant referee (VAR). Sofort mäandert die blöde Propaganda von »Mostaza« (Senf), einer der größten argentinischen Fast-Food-Ketten und Sponsor der Copa, über die Bildschirme. Ja, so ist der VAR. Das einzige, was ihn interessiert, ist zu verhökern, zu bescheißen.

Moment! Nach fünf Stunden ist der Ball wieder im Spiel. Paolo Guerrero verlängert per Köpfchen am Elfmeterpunkt eine Rechtsflanke von Cristián Cuevas, und links bugsiert Flores die Pille mit Außenristschmackes in den Kasten – 1:0 für Peru. Hätte ich Bier, würde ich’s aufmachen. Dafür glotzen wir schon wieder »Mostaza«.

Zehn Minuten vor der Pause wird die »Roja« passgenauer, aber Carrillo neckt an der Eckfahne Chiles Tormann Gabriel Arias flankt, Yoshimar Yotún stoppt den Ball im Halbmond mit der Brust und zieht einen Volley ins Leere ab, 2:0. Fünf rote Trikots können nur noch staunen.

Im zweiten Abschnitt zieht Gareca seine Truppen zurück. In Minute 91 umkurvt Guerrero Tormann Arias und trifft zum 3:0 Endstand. Wow! Peru spielte ohne Angst, Chile mit halbvollem Bauch. Amateurspirit hat sich gegen seelenlose Abgezocktheit durchgesetzt. Peru steht nach 44 Jahren wieder in einem Copa-América-Finale, und wenn es Gerechtigkeit gibt, gewinnen sie das am Sonntag im Maracanã von Rio gegen die Gastgeber: »Pee-ru, Pee-ru, Pee-ru!«

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